Wenn’s mal wieder scheiße läuft…

In mir brennt ein Feuer. Nein, es ist ein Sonnensturm. Ich koche und glühe. Tausend Nadelstiche foltern und quälen mich, lassen es fast unerträglich erscheinen. Dieses Gefühl. Dieses Gefühl kurz vor der Explosion, vorm Super-Gau, dieser Moment, in dem die Nerven nicht dünner sein könnten, ganz knapp vorm Zerreißen. Dieses lähmende Gefühl des Nicht-mehr-Aushaltens. Ich möchte mir Augen und Ohren zu halten und einfach fort sein. An einem anderen Ort. Gerade in diesem Moment.
Doch muss ich genau jetzt präsent und stark bleiben! Und vor allem ruhig. 

Es ist einer dieser Abende, an dem mich meine eigenen Kinder in den Wahnsinn treiben!

Sie machen mich fertig, bringen mich an meine Grenzen und lassen mich an mir zweifeln. Daran, eine gute Mutter zu sein und überhaupt auch nur irgendetwas im Griff zu haben. Denn gerade in diesem Augenblick scheint es ganz und gar nicht so!

Es ist ein Gefühl des Versagens und Nicht-gut-genug-Seins. Eine heimliche, innere Verzweiflung! Die Mädels schreien sich bereits seit dem frühen Nachmittag an. Ein Zicken-Krieg jagt den Nächsten, die Kleinste brüllt. Weil sie völlig übermüdet ist und krank wird. Weil sie zur Zeit irgendwie nicht “in ihrer Mitte“ ist.
Dann wird sie immer so furchtbar ätzend und ergießt sich in einem Heul-Anfall nach dem Anderen.
Ihr kennt solche Situationen:
Da reicht es schon, wenn Mutter die Butter im falschen Winkel auf’s Brot schmiert!

Schlimm wird es aber erst Recht, sitzen drei verquere Kinder am Esstisch!

Denn zwischen den streitlustigen Mädchen sitzt ja noch der große Bruder. Er hatte einen langen, Kräfte-zerrenden und ereignisreichen Tag und sehnt sich nun nach Ruhe und Erholung. Und zu meinem Entsetzen sehe ich, wie ihm die Tränchen die Wangen runter kullern. Ebenfalls Tränen der Verzweiflung und Erschöpfung. Weil auch seine Nerven an diesem Mittwoch-Abend am Ende sind. Weil auch er sich gerade an einen anderen Ort wünscht. Weil er den Lärm und das Geheule der Schwestern nicht mehr ertragen kann. Weil er nicht weiß, wie aus der Situation entkommen und ich ihm dabei gerade -selbst gefühlt ziemlich hilflos-  nicht helfen kann. Oder etwa doch?

Mein Arm schmerzt, ich hatte mich am Vortag fürchterlich geschnitten.
Im Kopf die schier unendliche Liste der noch zu erledigenden Aufgaben.
Meine Zähne pfeifen, denn am Morgen musste ich mir ein Loch bohren und füllen lassen und der ganze Körper möchte gerade einfach nur ruhen und schlafen!
Ich selbst gehe auf dem noch leicht blutenden Zahnfleisch!
„Ich müsste eigentlich gleich tot umfallen“ so gaukelt mir in solchen Situationen gerne einmal das Hirn vor. So etwas kann doch kein Mensch überstehen!?

Doch! Mütter können und müssen dies sogar!

Dieser Lärm, dieser Druck, diese übermüdeten, sich streitenden Kinder.
Alle hilflos und aufgeschmissen in der aktuellen Situation am Abendbrot-Tisch.

Am Liebsten würde ich nun mit der Faust auf den Tisch hauen.
Der Verzweiflung und Hilflosigkeit Luft machen. Die Teller zum Hüpfen und die Gläser zum Wackeln bringen. Oder aus Leibeskräften brüllen.

Doch weiß ich, dass ich genau dies jetzt nicht tun darf.

Und es ist so verdammt schwer! Denn ich muss diese armen Geschöpfe nun „an die Hand nehmen“ und heil durch diesen beschissenen Abend bringen!

PicsArt_08-24-09.45.48Und fühle mich gleichzeitig dabei wie ein Versager.

Denn ich bin gerade nicht gut genug! Ich bin nicht gut genug, weil es mir nicht gelingen will, die Kinder regelmäßig früher in’s Bett zu bringen!
Denn es ist der Schlaf, der ihnen fehlt. Es ist die Müdigkeit, die das aus ihnen macht, was sie gerade sind. Laut, schrill, verheult, gereizt, lärmempfindlich, Reiz-überflutet.

 

Und so zwinge ich mich zum Durchatmen.

Es mag sonderlich aussehen, für die ohnehin schon aufgewühlten drei Kinder.
Wie ich so dasitze, mit geschlossenen Augen und versuche, mich zu sammeln.
Ich konzentriere mich auf’s Atmen und auf’s Extra-leise-Sprechen.
Es ist diese ätzend beherrschte leise Stimme, nicht sanft und ausgeglichen.
Die „gefährliche“ konzentriert leise Stimme. Aber es hilft!
Denn ich muss hier nun der Spiegel sein.
Ich muss alle möglichst ruhig, beherrscht und leise durch den Abend balancieren!
Darf jetzt keine der verflixten heißen Kartoffeln fallen lassen. Ein Drahtseilakt.

Und so gelingt es mir, trotz alledem noch einen klaren Gedanken zu fassen.

Ich entschließe mich dazu, das Abendessen für mich und die schreiende Kleinste abzubrechen. Lasse Wurst und Käse einfach liegen. Und die beiden anderen Kinder sitzen. Ich werde später weiteressen.
Zuerst muss ich dringend die Situation entschärfen!

Erstaunlicherweise zeigt die Kleinste hierbei nur geringen Protest, als ich sie nach oben in’s Badezimmer bringe. Ihr scheint der Ernst der Lage mittlerweile klar geworden zu sein. Kontrolliert ruhig – sowohl in Sprache als auch Bewegungen – dusche ich sie, ziehe sie an und putze ihr die Zähne.
Konzentriere mich nur auf diesen Ablauf, mit dem Ziel das Kind runterkommen zu lassen und zum Einschlafen zu begleiten.
Schlaf, den sie bitter nötig hat.
Ein Vorlese-Buch darf sie sich noch aussuchen und danach wird gekuschelt.
Denn das gehört dazu. Zum Abend-Ritual.
Es fällt ihr schwer, heute Abend runter zu fahren, der kleine Körper zuckt und zappelt. Doch glücklicherweise gelingt es mir selbst, hier geduldig, leise und ruhig zu bleiben. Monoton streichel‘ ich das Köpfchen und stelle mich dabei selbst schlafend.
Denn nur so funktioniert’s! Und tatsächlich, nach zehn Minuten höre ich endlich das lang ersehnte tiefe Schnauben.

Es ist mir gelungen, das Kind beruhigt in den Schlaf zu begleiten, doch ich fühle mich wie ein Scherbenhaufen.

Kann einfach nicht mehr. Möchte einfach nur losheulen ob der vielen Gefühle, die nun wieder in mir toben. Dieses stete Gefühl nichts im Griff zu haben. Diese Machtlosigkeit wenn sich die Kinder den ganzen Tag zanken und anschreien. Diese Hilflosigkeit zu beobachten, wie selbst der Große mit den Nerven und der Beherrschung ringt.

Diese ewige Lautstärke, die es mir nur sehr schwer gelingen will zu drosseln!
Die Gewissheit, dass alle drei Kinder unter der Woche einfach zu kurz und wenig schlafen! Die Ahnung, wie schwierig es ist, daran etwas zu ändern.
Insbesondere dann wenn ich unter der Woche Abends und Nachts alleine und ohne Hilfe bin.
Wenn das Fussball-Training mal wieder eine halbe Stunde länger geht und mir somit die komplette Abendplanung durcheinander bringt. Weil alle zu spät essen und eben solche Situationen wie am heutigen Abend entstehen.

Warum ist Mutter-sein manchmal so verdammt hart?!

Zermürbend und deprimierend!? Warum bringen mich die Menschen, die ich über alles Andere auf der Welt liebe, so sehr an meine Grenzen? An den Rand der Verzweiflung und des Erträglichen? Vielleicht ist das der Grund, warum ich sämtliche Conni-Bücher so sehr hasse! Warum ich Conni-Mutter so unendlich doof finde! Weil es mir nicht immer gelingen will, drei Kinder, die so not Ringelpulli-Streber-Nervboje sind, zu bändigen!

Weil ich Mensch bin. Nicht nur Mutter.

Weil auch ich Gefühle habe und hohe Ansprüche an mich selbst! Weil wir sie alle gesehen haben, diese altklugen Erziehungstips im Fernsehen.
Weil die schlauen Bücher zwar gekauft aber ungelesen im Regal stehen.
Weil ich an einem solchen Abend vermutlich auch mal NICHT das Richtige tue.

Nun, auf Umwegen habe ich es heute Abend aber dann doch getan.

Denn das glückliche Ende eines total vermurksten Abends?:
Um 21.30 Uhr liegen alle drei Kinder schlafend in ihren Betten!

Es wäre mir sicherlich nicht in der Form gelungen, hätte ich die Fassung und Beherrschung verloren.

Hätte auch ich angefangen zu schreien und zu toben.
Wenngleich mein innerstes Kind dies so sehr und gerne wollte!
Was würde ich es manchmal liebend gern dem Nachwuchs gleich tun!
Doch damit wäre keinem geholfen! Ich hätte alle nur noch mehr aufgeregt.
So sehr, dass sie noch lange in ihrem Bett wach gelegen hätten. So habe ich kurzerhand den „größten Störenfried“ entfernt und drei Kinder auseinander gebracht.
Tischregeln und Abendessen hin oder her.

Vielleicht war ich ja doch nicht ganz so hilflos wie es sich anfühlte.

Hätte ich etwas besser machen können? Ganz gewiss! Doch ein kleines bisschen bin ich erleichtert und froh, relativ ruhig durch einen Abend, der einfach scheiße lief, gekommen zu sein.

Bleibt auf einen besseren Tag und ausgeschlafene Kinder zu hoffen! 😉

Allen Mamas da draußen ganz liebe Grüße!
Ihr seid toll und für Eure Kinder die Besten! Und ganz gewiss auch „gut genug“.

Eure

Alex

 

P.S. Einen solchen Text zu veröffentlichen kostet mich jedes einzelne Mal sehr viel Überwindung.
Nicht das Schreiben, dies hat gewiss therapeutische und selbstreflektierende Wirkung 😉
Doch gebe ich hier Schwächen zu und schreibe bewusst über die unschönen Momente des Alltages. Denn auch das ist mein Blog. Mein Leben.
Wo auch immer dieser Text geteilt wird: Bitte versucht von Kommentaren nach dem Motto „ICH hätte das viel besser hinbekommen“ abzusehen.
Das hilft weder mir noch vielen anderen Müttern weiter!

P.P.S. Die Blumen auf dem Beitrags-Bild hatte mir die Mittlere am Mittag vor dem verkorksten Abend geschenkt – weil ich eben doch die wunderbarsten Kinder habe! 🙂

 


7 Gedanken zu “Wenn’s mal wieder scheiße läuft…

  1. Ich knutsch Dich für diesen Beitrag. Ich habe angefangen zu heulen beim Lesen, weil Dein Text alles widerspiegelt, was ich genau in diesen Situationen fühle. Beherrscht zu bleiben in diesen Situationen musste ich erst auf die harte Tour lernen. Aber beherrscht zu bleiben und irgendwie die Kontrolle zu behalten kostet so viel Kraft. Und manchmal ist die Kraft einfach nicht da. Und Du hast so recht, wenn am Abend dann einigermaßen wieder Ruhe und Frieden herrscht, ist man weiterhin am Zweifeln, warum es so und nicht anders gelaufen ist. An guten Tagen sehe ich uns einfach als eine lebendige Familie, und finde, dass ich es gar nicht so schlecht gemeistert habe. An anderen Tagen fühle ich mich schuldig, weil ich mich verantwortlich und Schuldgefühle. Danke für diesen Beitrag!

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  2. Hallo Alex, Hut ab für deine ehrlichen Worte. Diese Tage kennen wir doch irgendwie alle.Und wer was anderes behauptet…. Mir fällt es in diesen Situationen immer schwer, Ruhe zu bewahren.Aber mit etwas Abstand und einmal kurz darüber nachgedacht, funktioniert es.Ich finde du hast diese Situation prima gemeistert.Ich wünsche ein ruhiges und entspanntes Wochenende 🙂

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  3. Wow, ich konnte beim Lesen deine Gefühle und Gedanken 1 zu 1 nachempfinden. Mir geht es mit meinen Dreien und in der Woche auch ohne Mann oft genauso. Und obwohl ich dich nicht kenne, war ich gerade richtig stolz auf dich! Du hast diese Situation so gut gemeistert, das schaffe ich oft nicht. Und ich finde auch, dass du gar nichts hättest verbessern können. Man wird immer wieder unplanbar in so eine Stimmung geworfen und muss damit umgehen. Und du hast es optimal gemacht – Respekt!

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