Warm-goldenes Licht fällt auf den weichen Sand und den kleinen Felsvorsprung rund um die kleine Badebucht.
Wir lassen uns nach dem Schwimmen trocknen, Salz kitzelt ein wenig am Rücken. Die Haare sind nass und zerzaust.
Die Füße habe ich tief in feinste, warme Sandkörnchen gegraben.
Wir sitzen auf unserer getupften Decke, die uns irgendwie schon seit Jahren auf Reisen und ins Freibad begleitet.
Zu zweit teilen der große Sohn und ich uns die Decke, die vermutlich irgendwie auch “Familie” ist.
So viele Erinnerungen wie sie schon trägt, sollte sie eigentlich einen eigenen Namen bekommen!
Zeit zum Reden & Zuhören
Da sitzt der große Kerl neben mir, gelockt, muskulös und hochgewachsen – ein Mann, kein Kind mehr.
Und wir haben Zeit zum Reden.
Das hatte ich mir insgeheim gewünscht.
Denn im Trubel zu Fünft geht Zeit für die wirklichen Gespräche stets unter.
Ich versuche, sie mir hier mit jedem einzelnen Kind zu nehmen.
Nicht selten aber auch braucht es ein Gespür dafür, wann es günstig ist!
Und dann muss man die Gelegenheit für ungestörte Minuten zu Zweit ergreifen, bevor sich jene kostbare Chance wieder verflüchtigt und mit dem warmen Sommerwind davon weht.
Heute aber griff ich mir am frühen Abend den Auto-Schlüssel vom Leihwagen (ich hatte mich bewusst aus solchen Gründen zum Zweitfahrer eintragen lassen) und den Sohn, um noch einmal eine abendliche Runde im gold-schimmernden Meer schwimmen zu gehen.
Und da sitze ich nun und werde gleich tapfer sein müssen – und Worten lauschen, die ich seit geraumer Zeit fürchte.
Doch genau darum geht es!
Es geht um’s Da-sein und Zuhören – und um Unterstützung.
Es ist das, was uns Eltern erwachsener und größerer Kinder noch bleibt.
Loslassen & weiter lieben
Es geht darum, mit vollem Herzen loszulassen und den Stich in eben selbigen zu ignorieren.
Damit sich Flügel ausbreiten und Kinder ihren Weg gehen können. Damit sie die Welt mit eigenen Augen und Erfahrungen sehen und erleben können.
Und damit sie hoffentlich immer wieder dankbar in den heimatlichen Hafen zurückkehren.
Ich höre die Worte aus dem Mund des Sohnes und spüre wie ich verständnisvoll nicke.
Und ich realisiere, dass hier vielleicht wirklich vom letzten Sommer zu Fünft die Rede ist.
Neben uns sitzt – ganz alleine – eine schon sehr ältere Dame.
Ich schätze sie auf Mitte Siebzig.
Sie sitzt alleine auf ihrem kleinen Handtuch im Sand, die Arme auf die Knie gestützt und lächelt versonnen vor sich hin. Die Augen sind hinter der großen Sonnenbrille versteckt.
Ich weiß nicht, ob sie unsere Worte verstehen kann. Doch sie scheint in sich zu ruhen.
Sie wirkt, als hätte sie das Leben verstanden und erfahren, scheint bei sich selbst angekommen, zufrieden und glücklich.
Vielleicht musste auch sie schon oft in ihrem Leben Abschied nehmen – von liebsten Menschen, Freunden, Familienmitgliedern, Kindern, die ihre eigenen Wege gehen wollten.
Doch scheint sie all’ den Schmerz an diesem Hochsommerabend auf Kreta hinter sich gelassen.
Versöhnt wirkt sie, zufrieden mit sich selbst.
So würde ich später auch gerne sein!
Große Pläne
Er möchte nächsten Sommer mit seinen Freunden reisen und uns somit nicht in den gemeinsamen Familienurlaub begleiten, erzählt mir der Sohn.
Und ich nicke und verstehe. (Und das tue ich wirklich!)
Ich hatte geahnt, dass die Sommer als Eltern mit drei “Kindern” gezählt sind.
Nur wahrhaben möchte ich es noch nicht.
Es käme darauf an, wieviel Zeit ihm zur Verfügung stünde und was er dann machen wolle, setzte er fort.
Und ich lauschte Worten wie duales Studium, andere Stadt, ausziehen, um die Welt reisen – oder vielleicht doch noch ein Weile zu Hause bleiben.
Worte und Überlegungen, die ich in diesen Monaten noch verdränge und weit ‘gen Horizont schiebe.
Ein knappes, kurzes Jahr
Mir bleibt ja noch ein Jahr.
Uns bleibt noch ein knappes Jahr.
Dann wird der Sohn sehr wahrscheinlich sein Abitur in der Tasche haben.
Es ist NUR ein Jahr.
Bei dem Gedanken, wie schnell elf Monate verfliegen können, muss ich schwer schlucken und aufpassen, dass mir in jenem wichtigen Moment, in dem ich als Zuhörer und Stütze gefragt bin, nicht ein kleines Tränchen entwischt.
(Das tut es später in der Nacht, als ich von Gedanken geplagt aufwache und das Loslassen schmerzt und das mütterliche Herz nicht aufhört zu nerven und unentwegt zu quasseln. )
Wir werden schon im nächsten Sommer vermutlich das große Auto mit Platz für Fünf plus Hund zwar nutzen, aber gar nicht brauchen.
Vielleicht sammeln wir bereits ganz bald nur noch zu Viert gemeinsame Glücksmomente und Erinnerungen.
Schluck, es tut weh.
Eine bedeutsame, gemeinsame (vorerst letzte?) Reise
Ich ahnte bereits zu Hause, wie kostbar und bedeutsam eben diese Reise zu Fünft nach Griechenland sein wird.
An diesem Sommerabend sitze ich ja bereits schon neben einem Erwachsenen auf der getupften Decke.
Vor wenigen Tagen feierten wir den neunzehnten Geburtstag.
Und dennoch bleibt in einer Ecke meines Herzens der kleine Junge mit den braunen Augen und wilden Locken.
Er hatte doch erst gestern in Italien das hellgrüne Cars-T-Shirt zur karierten Cargo-Shorts an!?
Das habe ich ihm doch gerade erst gekauft! Und das bunte Eis mit den Streuseln auch!
Jetzt aber sitzt da ein oberkörperfreier Mann mit Muskeln und schmiedet Pläne ohne uns Eltern und seine beiden Schwestern.
Vielleicht ist es ebenfalls nur ein weiterer Augenaufschlag und ich sitze ebenfalls betagt irgendwo am Meer und blicke auf ein erfülltes Leben zurück.
(Das ist in der Tat meine Wunschvorstellung für’s Alter. Sofern ich es denn gesund bis dahin schaffe.)
Zehn Tage
Im Geiste zähle ich die verbleibenden Urlaubstage durch.
Es sind an diesem Sonntag noch zehn.
Zehn Tage bleiben noch zum Zuhören und Konservieren dieser so sehr kostbaren Zeit.
Zehn Tage Sommer pur mit allem, was ich so sehr liebe.
Und zehn Tage noch darf ich mich über tiefblauen Himmel und pinke Blumen freuen, zehn Tage Salz auf der Haut und Sommersprossen auf der Nase.
Noch zehn Tage staubige Füße, zankende Schwestern ( 😉 ) und lockige Haare (das deutsche Leitungswasser schmeichelt meinen Haaren nie so sehr!).
Und noch zehn Tage gemeinsame Abendessen mit lustigen Fragerunden am Handy.
(Wir spielen immer Spiele während wir auf’s Essen warten.)
Zehn Tage noch darf ich die Realität verdrängen und die großen Fragen des Lebens aufschieben.
Noch zehn Tage bin ich eine Mama mit drei Kindern auf Reisen.
Vielleicht für einen vorerst letzten Sommer.
Wir stehen auf, klopfen uns den Sand von der Kleidung, falten unsere Picknickdecke zusammen und fahren am Meer und der untergehenden Sonne entlang zurück zur Ferienwohnung.
To be continued…
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