Von Whatsapp-Grüßen zum falschen Zeitpunkt & dem Leben im Hamsterrad

Gestern bekam ich eine Whatsapp einer kinderlosen Freundin. Mit der kurzen Frage: „Hi. Lange nix gehört. Was treibst Du so?“

Für einen kurzen Moment überlegte ich, ob ich diese Frage mal wirklich ehrlich und detailliert beantworten sollte. Denn sie kam ungelegen, die Frage, zu einem äußerst ungünstigen Zeitpunkt. Und hätte ich wahrheitsgetreu geantwortet, in genau dem Moment, als gerade der rote Zorn in der Kommandozentrale waltete, eine mögliche Antwort hätte in ungefähr so ausgesehen:

Liebe XY, ich stehe gerade in der Küche, umringt von angebrochenen Joghurtbechern, zerrupften Käsescheiben, ausgespuckten Brotrinden, Unmengen an zerknüllten Feuchttüchern, Geschirr und vor Sabber triefenden Gläsern. Es ist abends um Neun Uhr Dreißig und zwei meiner Kinder sind noch weit entfernt von süßen Träumen in ihren eigenen Betten.
So, wie Du Dir das wohl gerade vorstellst. Ich habe weder die Zeit Dir zu antworten, noch mir auszumalen, was Du wohl abends, an Deinem Feierabend, um 21.30 Uhr so treibst.
Tapas Bar? Weinkeller? Popcorn und Netflix? (Wie schon gesagt, ich war gereizt!)

Ich werde gleich Schulkinder-Zähne putzen, Sorgenfresser spielen, unzählige Male die Kinder zurück in ihre eigenen Betten schicken, stets beteuernd dass ganz gewiss keine Kinderklauer oder grün-blaue Alliens hinterm Vorhang stehen.

Aber soweit bin ich noch nicht mal. Noch stehe ich hier, mitten in den Überresten des Abendessen-Massakers.
Denn heute war keine Zeit. Für nichts!

Ich habe nach der morgentlichen Taxifahrt zu Schule und Kindergarten meine übliche Beuterunde beim Discounter (ja, mit drei Kindern is nix mit Bio Feinkost aus`m Feng-Shui-Tempel) gedreht.
Und danach Unmengen an Joghurts (die abends alle auf dem Esszimmertisch herumfliegen werden) im Kühlschrank versteckt. Den Kaffee spülte ich hastig mit extra viel Milch runter, denn so trinkt sich`s schneller.

Wenn Du glaubst, danach konnte ich meinen kinderfreien Vormittag genießen. Fehlanzeige! Heute war Englisch-AG-Tag in der Schule. Du weißt schon, eines meiner Projekte.
Das mache ich sehr, sehr gerne. Doch, wie immer auf dem letzten Drücker, bedeutete dies zwei Stunden Vorbereitung im Akkord. Denn nix ist schlimmer als unvorbereitet ohne genügend Ideen und Stoff vorpupertären Zehnjährigen Englisch beibringen zu wollen. In einer freiwilligen Nachmittagsbetreuung!

Doch bis es soweit war, sollte ich es noch bewerkstelligen in nur knapp zwanzig Minuten ein gesundes, hochwertiges Mittagessen zu zaubern, das allen schmeckt. Es gab also Spaghetti. Hastig von uns herunter geschlungen, denn die Schul AG wartete ja.

Die fast Vierjährige konnte Gott sei Dank heute vom Papa im Homeoffice betreut werden (sonst brauche ich dafür auch immer eine Lösung), die Achtjährige macht eine andere AG und der Zehnjährige muss immer mit mir leiden ;). Du hast ja keine Ahnung wie Zehnjährige heutzutage sind! Nachdem ich zum gefühlt achtmillionsten Mal gegenüber sieben Viertklässlern klargestellt hatte, dass es sich nicht um die allgemeine Aufklärungsstunde handelt und Begriffe, die mit F anfangen und n enden hier ganz und gar fehl am Platz und definitiv unerwünscht sind, kam ich endlich mit meinem eigentlichem Stoff voran.

Falls Du jetzt glaubst, dass danach ein entspannter Nachmittag folgte, so belehre ich Dich erneut eines Besseren. Zwei maulende Grundschüler kramten, wieder zu Hause angekommen, missmutig ihre Mathe-Hausaufgaben aus den Schulränzen. Mit der eindringlichen Bitte, ich solle umgehend als helfende Hand bzw. mitdenkendes Hirn daneben sitzen.

Zur Erinnerung: in der Küche standen derweil immer noch übrig gebliebene Spaghetti und Hackfleischsauce auf dem (immerhin ausgeschalteten) Herd. Ich sprintete somit von Zimmer zu Zimmer, die Rübe qualmend (Mathe war nie meine Stärke) und stolperte dabei beinahe über die fast Vierjährige. Die stand vor mir, zwei Pferde in der Hand, mit der ebenfalls eindringlichen Aufforderung „Mama spiel mit mir“. Wie? Jetzt? Ich kann nicht!

Und dann kam sie wieder die Panik. Die FAST Vierjährige! Sie hat in wenigen Tagen Geburtstag! Eigentlich müsste ich jetzt Kuchen backen. Spiele für fünfjährige Einhorn-Königinnen planen, Geschenke einpacken, Krone basteln, Mitgebsel-Tütchen füllen, das Carport kehren. Eigentlich.

Und eigentlich müsste ich auch lernen und vorbereiten. Für das Projekt Kindergarten-Englisch. Bei dem ich so gerne mitmachen möchte und bald Kurse anstehen. Und es ist noch so viel zu tun. Bis dahin.

Doch weiter kam ich in meinen Gedanken nicht. Der Große fluchte! In fünfzehn Minuten sollte das Fussballtraining beginnen. Wir (er und ich ) hassen solche durchgetakteten Tage. Mutti musste wieder Taxi fahren und die Vierjährige kam immer noch nicht zum Pferdchen-spielen. Es zerriss mich. So wie jeden Tag. Denn ich musste sie wieder vertrösten. Heute.
Zu dumm, dass der Nachbarsjunge gerade zum Spielen out ist. In meiner Verzweiflung überredete ich die große Schwester zum Schaukeln und Trampolin hüpfen – mit der keinen Schwester.

Endlich Zeit! Für die Couch? Nope! Ich erinnere nochmals an die Spaghetti Sauce, die Nachmittags um 17.30 Uhr noch immer auf dem Herd stand. Und da wären noch die vier Wäschekörbe, die ausgeräumt werden wollten. Die dreistündige Bügelwäsche vom Vortag. Vom Sonntag. Als Du, liebe Freundin, mit Sicherheit eine schicke, nette Latte in der Spätsommer-Sonne genossen hast. (Immer noch gemein von mir, I know!)

Auf dem Weg nach oben fiel es mir jedoch wie Schuppen von den Augen. Unser neuer Mitbewohner! Ich Schaf hab ja einen Hamster gekauft. Morgen wird er eine Woche alt. Der Käfig! Ich verbrachte eine weitere halbe Stunde damit Einstreu aus dem scheppen Käfig zu kratzen, Futternäpfe und Sandbäder aufzufüllen, den Flur zu saugen und musste dringend auf`s Klo. Und, Du wirst es nicht glauben, verkniff es mir! Keine Zeit!

Denn gleich sollten drei hungrige Mäuler nach Abendessen schreien. Eine Stunde nachdem endlich die restlichen Spaghetti ihren Weg in den Kühlschrank gefunden hatten. Spätestens zu dem Zeitpunkt fühlte ich mich ebenso wie ein bemitleidenswerter Hamster im sich ewig drehenden Hamsterrad.

Und ich habe es heute wieder nicht geschafft, all die wichtigen Telefonate zu führen. Termine für die Kinder ausmachen. Versicherungsdinge klären. Einen eigenen Friseurtermin ausmachen. Am besten ich gebe auf. Wie wär`s mal mit Amish-Look. Grauhaariger Dutt steht mir bestimmt gut! Und Hektik-Pickel. Sicher hast DU schon längst Deinen nächsten Maniküre und Pediküre Termin vereinbart. Also nerv mich nicht mit Deinen Whatsapp. Und frag mich nicht was ich so mache!

Selbstverständlich wäre meine Antwort natürlich die Folgende gewesen: „Schön von Dir zu hören. Uns allen geht`s gut und ganz bald treffen wir uns mal“ (genau wissend, dass ich dazu leider so schnell keine Zeit finden würde).

Nun, an diesem Abend vergaß ich ganz zu antworten. Sie ging verloren, die Antwort, irgendwo zwischen nächtlichem Wäsche-sortieren, crosstrainern und dem Gläschen Wein, das mich für gewöhnlich nach nur drei beherzten Schlucken umgehend ins traumlose Nirvana, ins erschöpfte Koma katapultiert.

Und die Freundin? Wird mir bestimmt verzeihen. Hat nämlich selbst viel um die Ohren. Auch ohne Kinder.

In der nächsten Whatsapp legen wir wirklich ein Treffen fest. Definitiv! Und dann lachen wir gemeinsam, beim Cocktail, Wein oder Netflix Popcorn. Über unseren unterschiedlichen, anstrengenden und chaotischen Alltag, durch den sich jeder selbst durchbeißen muss. Egal wie, egal auf welche Art und Weise.


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