Wenn der große Bruder verreist: von Babies die plötzlich groß werden

Es ist mal wieder soweit. Heultage. Bei der Mutti.

Würde nicht die Sonne aus Leibeskräften vom tiefblauen Himmel strahlen und damit Mitte Oktober den vergangenen August vor Neid und Scham erblassen lassen.

Doch so fällt`s auch einer hormondurchfluteten Mami schwer alles grau in grau zu sehen.

Dabei hätte ich jetzt allen Grund zum Heulen. Denn mein großes „Baby“ verreist. Zum ersten Mal für mehrere Tage alleine. Aber ich schlucke ihn herunter, den Kloß im Hals. Ist ja mega-peinlich so ´ne Jammerlappen-Muddi! Geht gar nicht!  Also drücke ich meinen Jungen nochmal ganz fest an mich und lass ihn mit einem „High Five“ ins Auto steigen.

Mein großes Kind fährt mit Oma und Opa zur Tante nach Köln. Und freut sich wie ein Schneekönig, endlich dem Wahnsinn hier zu Hause entfliehen zu können. Er nennt solche Tage und Nächte dann immer „Schwestern-Urlaub“. Und ich kann`s ihm glauben und gönne es ihm von Herzen, dem armen Kerl ;). Und die Tatsache, dass er es nicht „Mama-Urlaub“ nennt, stimmt mich wieder versöhnlich.

Mein Junge ist groß geworden. Will mal alleine weg und „erwachsen“ sein.

Viel Zeit uns zu vermissen, werden wir alle nicht haben. Für meinen Teil werden dafür schon zwei blond-strubbelige, verwegene, wilde Hilden sorgen. Beide „so not“ Prinzessin. Ich habe Räubertochtern. Schlamm-Fanatikerinnen in zerissenen Jungshosen. Unglaublich laut, lebendig und wild. Und so konträr zu meinem Erstgeborenen.

Denn er  ist wirklich „groß“ geworden. Wahnsinn, wie vernünftig er jetzt schon ist. Bin ich in Rage (meistens aufgrund der Hilden) kommt`s mir fast schon vor, als ist er es, der mich wieder auf den Boden zurück holt. „Mama Du wirst wieder hektisch und laut“. Wow! Denn meistens hat er Recht und durchbricht allein mit dieser Aussage die eingefahrene Situation. Lässt mich durchatmen und nachdenken. Als wäre er meine innere Stimme. Er kann und macht schon so viel alleine, immer fürsorglich und auf das Wohl seiner kleinsten Schwester bedacht. So, dass es mich fast schon erschrickt.

Und jetzt fange ich mal so richtig an sentimental vor mich hin zu sinnieren, zu schleimen. Ihr wisst was jetzt kommt! 😉

„Wo, verdammt nochmal sind die letzten 10 Jahre hin!?“

Der lag doch erst neulich noch erschöpft und platt auf meinem schwarzen Shirt. Damals im Kreißsaal. Denn schon dort zeichnete sich sein Wesen, sein Charakter ab. Er, der ruhige und (meistens) Vernünftige. Manchmal sind es mir fast schon zu viele zurückgehaltene Emotionen. Dann würde ich ihn gerne mit einem “Lass es raus“ auffordern. Aber das ist sein Wesen. Von Geburt an.

Und ich bin davon überzeugt, dass das wirklich so ist. Schon beim ersten Moment des Kennenlernens blitzt schon durch, wie Dein Kind später sein wird. Das kann nicht dreimal Zufall gewesen sein!

Denn während mein Junge erst einmal seine kleinen Anlaufschwierigkeiten hatte und noch brauchte um auf der Welt anzukommen, waren die „Hildies“ beide ab der ersten Sekunde „voll da“. Die eine sofort gierig an der Brust. Sie liebt noch heute Essen, immer Hunger, immer am Kühlschrank und doch so dünn. Die andere blickte sich, noch nicht einmal vollständig geschlüpft, schon mit offenen Augen neugierig auf der Welt um und verweigerte für ganze zwei Stunden Mamis Busen. Schön den Dickkopf raushängen lassen, den sie noch heute hat und in vollen Zügen auslebt ;).

Und nun? Hab ich einen Riesen-Jungen! Das zeigt allein das folgende Beispiel:

So kam er neulich nach dem Fussball Training nach Hause und fragte mich am frühen Abend ob wir denn Besuch hätten. „Häh? Wieso. Ist doch keiner da?“

„Doch“, sagte er. „Es MUSS Besuch da sein! Da stehen so kleine, graue Chucks im Flur.“

Nun, es waren meine klitzekleinen grauen Uralt-Chucks. In Größe 39. Ja, ich habe kleine Füße! Zumindest für eine Frau die 1,76 m groß ist! Aber noch erschreckender: meine Chucks  standen nun neben den Schuhen meines Zehnjährigen. Er hat 38,5 bis 39. Und ja, ich passe mittlerweile in seine Schuhe! Socken teilen wir uns schon lange 😉

Und er kann jetzt schon so viel mehr als ich! Dreht Stop-Motion Lego-Filme und erklärt mir die Funktion seiner Playstation. Bei den Mathe-Hausaufgaben…Nein! Ich schreib`s hier jetzt lieber nicht. Wie es wirklich ist. Nur so viel: Er darf erst raus spielen gehen, bis auch Mutti jede Aufgabe kapiert hat! So!

Prima Fussballspielen und Bälle halten kann er auch noch. Bälle! Pah! Wenngleich er sonst charakterlich das Einzige meiner Kinder ist, das mir wenigstens ein bisschen ähnelt. Aber Bälle? Seit jeher mit der Mutti auf Kriegsfuß 😉

Und nun habe ich genug sinniert. Sonst bekomme ich gleich wieder ein schlechtes Gewissen. Den Mädels gegenüber. Denn ich weiß, es ist jetzt der Abschied, das Loslassen und Aktzeptieren. Das Realisieren. Dass das Leben in Überschallgeschwindigkeit an uns vorbei zieht.

Und dass aus kleinen, erschöpften Babies große, selbstbewusste Jungs mit Riesen-Füßen werden.

Das alles lässt mich jetzt in hohen Tönen von meinem Jungen schwärmen. Dabei sind alle meine Kinder toll und wunderbar! Vorsicht! Ausrutschgefahr! 😉 Jedes auf seine eigene Art!  Ob nun Räubertochter, Matschmonster, presslufthammer-laute Sirene oder nachdenklicher großer Bruder. Der es ebenfalls von Zeit zu Zeit schafft mich auf die Palme zu bringen. Keine Frage. Dann, wenn beispielsweise die Frustrationstoleranz durchaus noch ausbaufähig ist und das grummelige Gemotze groß. Oder wenn im Geschwisterstreit die Fetzen fliegen und Türen knallen.

Also Schluss jetzt mit den Sentimentalitäten! Mutti muss wieder ran! Knatschsocken austauschen, blaue Flecken kühlen, Zickenkrieg schlichten und Schoko-Mäuler abwischen…Und Whatsapp-schreiben. An den Großen. Fragen wie`s ihm geht.

Oder lieber doch den neuen Freiraum lassen. „Packst Du schon, Mami!“ 😉

 

 

 

 

 

 

 

 


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