Fünf im Kampf gegen die Uhr: Vom Projekt Sonntags-Frühstück

Verzückt habe ich es ihr raus gelegt. So süß sieht es aus! Das Strickkleid. Gerne hätte ich auch so eines! Genau so, nur ein paar Nümmerchen größer. Vielleicht nicht mit Herzchen, das Norweger-Muster. Aber ich würd’s nehmen. Genau in den Farben! Kennt Ihr dieses Phänomen? Für die Kleinen gibt’s so schöne Sachen! Und Mutti? Kuckt dumm aus der ungewaschenen Wäsche. Oder erblasst, nein ergrünt, mit Blick auf den Preis für’s Mama Wollkleid! 15 Euro vs. 100 Euro! Ey! SO viel größer und fetter bin ich nun auch nicht! Was soll das immer? Hätte mir das früher jemand mal gesagt, dass der Konkurrenzkampf mit den eigenen Töchtern bereits im Baby-Alter anfängt. Immer sind die süßer! Immer sehen DIE schöner angezogen aus! Zumindest die ersten zehn Minuten. Danach ist meistens alles vollgeknatscht!

Was heute der Anlass ist? Das Sonntags-Frühstück im Cafe. Mit der Oma.

Und wir werden zu spät kommen.

Weiß ich jetzt schon. Das nennt man wohl selbsterfüllende Prophezeiung.

Denn die kleine, blonde “Rotzgöre“ ist da anderer Meinung. Was das Kleid betrifft. So nenne ich übrigens aber nicht selbst meine eigene Tochter. Mein Fleisch und Blut. Nein, diese Bezeichnung kam mal von anderer Seite und ließ damals mein stolz und hart erarbeitetes Mutter-Selbstwertgefühl wie ein Kartenhaus in sich zusammen sacken.

Hatte ich wirklich freche Rotzgören kreiert?

Und just in diesem Moment überlege ich, ob diese Person vielleicht doch ein klitzekleines bisschen Recht hatte. Nein! Schnell wieder verwerfen, diesen Gedanken! Immerhin reden wir hier von meinem Kind, das rot angelaufen, im Streuselkuchen-Hektikflecken-Look verzweifelt versucht mir ihren Standpunkt zu erklären. Das Kleid MUSS schwingen beim Drehen! Sonst isses ihrer Definition nach keines! Aha. Auftrag an’s von Zeitnöten gebeutelte Mutter-Hirn: Suche Flatterröcke, die nicht hauchdünne Fähnchen vom vergangenen Sommer sind, sondern mit der Winterleggings kompatibel sind. Zugegebenermaßen mein eigener Stil-Anspruch. Und hätte ich jetzt endlich mal die Sommer-Klamotten aus der Kommode der Kleinsten weggeschafft, so müsste ich nicht ständig allmorgendliche Diskussionen führen. Es ist immer wieder erstaunlich, wie alles zusammenhängt 😉

Und er schaut mich verständnislos an. Mein Mann. Denn ER hätte nicht nachgegeben und das Strickkleid, dummerweise gerade geschnitten und ohne die nötige Schwing-Flatter-Flugkraft, durchgeboxt! Und ich gebe nicht ohne Neid zu: Das wäre ihm auch gelungen! Hätte Mutti-Glucke nur mal den Mann im Haus machen lassen. Wenn er schon mal da ist.

Doch ich wollte es ja jetzt nicht anders.

Und in meiner eigenen Verzweiflung überlege ich kurz am Haargel meines Sohnes -er stylt sich neuerdings- zu schnüffeln. Nennt sich schließlich “Kleber“. Ohne was das Thema betrifft von irgendeinem Erfahrungswert berichten zu können!

Der wiederum, also der Sohn, kommt schlaftrunken ins Bad getaumelt. Mit rot unterlaufenen Augen und verstörtem Blick. Als sähe er ein Wesen von einem anderen Stern. Und nicht seine entzückende (ja, auch ich habe mich schön gemacht!) Mutter, die ihm monatelang bereitwillig die Brust reichte und den Popo mit „extra-sensitiv“ Feuchttüchern wischte. Gut, sie liegt anscheinend in den Genen, diese Morgen-Muffeligkeit. Auch er wird sich nun mit Händen und Füßen wehren sich jetzt, am heiligen Sonntag (!), zu beeilen. Schon wieder ein Termin! Schon wieder schnell anziehen und irgendwo hingehen! Müffel, müffel. Klar, bin ich jetzt daran schuld!

Dabei hatte ich heute morgen auch keinen besonders geilen Start in den Sonntag! Es war einer dieser Morgen, die schon mit Kopfschmerzen im Bett starten und damit jedes Gefühl einen annähernd erholsamen Schlaf gehabt zu haben, im Keim ersticken. Und so schwankte das Mutter-Alien zerknautscht und ebenfalls mit blutunterlaufenen Augen in die Küche um sich mit starkem Kaffee und 600er Ibuprofen zu dopen! Alles für die Familie. Wenn das nicht Aufopferung ist!

Doch ich sollte nicht die einzige mit Gliederschmerzen bleiben. Und jammernd steht sie nun neben mir. Die Mittlere. Klagt über Nacken- und Rückenschmerzen, die es ihr nur schwer ermöglichen, sich nun die -von mir zurecht gelegten- Kleidungsstücke an den Körper zu bringen. Wieder Zeitverzögerung. Immerhin gibt’s hier keine Diskussionen bezüglich des Stylings. Ich kenne mein wildes Wald- und Wiesenkind. Ist mit offener Hemdbluse, roter Haarsträhne und zerrissenen Jeans vollkommen glücklich. Hach! Eine Sorge weniger. Muss nur noch die Schmerzsalbe gefunden und das arme Kind an Nacken und Schultern massiert werden. „Kommt das eigentlich vom Schulranzen?“ schießt es mir dabei durch den Kopf. Denn ist es nicht erschreckend, dass heutzutage selbst Grundschul-Kinder an Verspannungen und Rückenschmerzen leiden? Gut, früher gab’s das sicherlich auch schon, hatte damals nur keinen interessiert. Aber mir macht es nunmal Sorgen, in diesem Moment! Aber Stop! Mutti! Keine Zeit mehr zum Sorgen machen! Wir müssen weg! Hirn aus, Gas geben!

Und das mein ich Ernst mit Hirn aus! Denn, zugegebenermaßen, es sind nicht nur alle Anderen. Ein wichtiger Faktor in punkto Zuspätkommen: Ich selbst! Ich kann mich nicht ausbremsen! Und ich spreche hier schon lange nicht mehr vom Schön-machen im Bad, sondern vielmehr vom Bad schön-machen! Habt Ihr eine Vorstellung davon, wie das aussieht, nachdem sich fünf Personen in Windeseile darin fertig gemacht haben?

Ich widerstehe also der magischen Anziehungskraft jetzt Schlafanzüge vom Boden zu sammeln, Zahnpasta-Tuben zuzuschrauben, Klopapierrollen wieder aufzudrehen und Shampoo-Reste vom Waschbeckenrand zu kratzen. Nur auf die Klospülung drücke ich noch hastig, den Rest muss ich, so wie eigentlich jeden Morgen, schweren Herzens hinter mir lassen. Wieder einmal gescheitert, das Projekt „Schöner Wohnen“.

Endlich! Wir stehen alle eingepackt in Winterschuhen und dicker Jacke im Flur!

Bereit zum Abfahren. Fünfzehn Minuten nach Plan. Nur! Immerhin. Und ich bin so stolz auf mich! Ihr könnt euch denken, was nun kommt! Denn genau jetzt, während Mutter erleichtert und triumphierend gen Haustüre schwebt, ok trampelt, kommt was kommen muss. Und bei ausbleibender sofortiger Handlung in Strumpfhose, schwingenden Rock und unfassbar teuere Winterschuhe kommt. Oder fließt. Das Kind muss auf’s Klo! Jetzt! War klar!

Letztendlich sind wir aber doch angekommen. Bei unserem -mittlerweile späten- Sonntags-Frühstück mit der Oma und dem Rest der Familie. Ich erspare Euch jetzt den Bericht hierüber. Denn es ist, wie es immer ist. Drei Kinder sterben den ultimativen Langeweile-Tod und Mutti verbringt die meiste Zeit auf’m Klo. Nicht etwa Näschen-pudern und Make-up checken! Nee! Pipi abhalten, Kacki-abwischen, Hände waschen. Warum ich mich für so etwas überhaupt noch schick mache ist mir allerdings schleierhaft!

Vielleicht sollte ich das Strickkleid, das mir noch immer im Hirn umher schwirrt, mal ganz schnell vergessen. Stattdessen schreibe ich auf die geistige Einkaufsliste: Feuchttücher für unterwegs, neue Ibuprofen-Tabletten aus der Apotheke, Kaffee-Kapseln und Batterien! Für sämtliche Wecker im Haus. Beim nächsten Sonntags-Event sind wir die Ersten! Ganz sicher! 😉

 


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