„Versklavt“

Vor vielen Jahren las ich einmal etwas sehr Merkwürdiges in einer großen Mütter-Zeitschrift. Denn damals, ich glaube es war in der Anfangszeit mit dem ersten Baby, hatte ich noch die Zeit all die schönen und vielen Zeitschriften und Ratgeber für junge Mütter zu lesen. Heute sind zwar noch zwei davon abonniert, zieren aber höchstens die Ablagefläche unter dem Wohnzimmer-Glastisch. In der Hand hatte ich seit Monaten leider keine mehr davon! Bin ja schließlich zu sehr damit beschäftigt, meinen eigenen Senf unter die Leute zu bringen 😉

Doch was las ich denn nun genau? Im Detail weiß  ich das gar nicht mehr. Zu irgendeinem Zweck wurden Mütter mit Altersangabe und Anzahl der Kinder vorgestellt und eben noch mit deren Berufsbezeichnung. Und unter einer Dreifach-Mutter stand (sicherlich mit einem Augenzwinkern gemeint) das Wort „Versklavt“.

Damals lachte ich noch laut und gleichzeitig entrüstet auf. WIE kann Frau sich nur selbst so bezeichnen? Wie kann Frau es zulassen von der eigenen Brut dermaßen ausgebeutet und in Beschlag genommen zu werden!? WIE um alles in der Welt kann Frau überhaupt auf die bescheuerte und absurde Idee kommen -ganz Gebär-Maschine- drei Kinder in die Welt zu setzen? 😉

Und ich malte mir ein Bild von dieser armen, bemitleidenswerten Frau aus.
Sicherlich führte sie kein eigenes Leben mehr. Die Haare kurz und praktisch geschnitten, denn auf jegliches Styling muss ja schließlich verzichtet werden. Bereitwillig opfert sie sich jede Sekunde für den Nachwuchs auf, fährt Taxi, kocht Bio, wäscht Mannschafts-Trikots und knobelt zusammen mit dem Sohn Rechenaufgaben.
SO wollte ich niemals enden!

Tja, der Mensch ändert sich.
Und einige Wünsche und Entscheidungen entstehen und reifen erst mit der Zeit. Wenn wir die ersten Herausforderungen stark und stolz überwachsen haben statt nur mit diesen zu wachsen. Wenn wir uns alles zutrauen und auch von ganzem Herzen genau so wünschen. Voller Überzeugung, das Schicksal der in Ketten gebundenen versklavten Dreifachmutter würde uns niemals ereilen! Denn wir sind ja schließlich stark und wissen uns zu wehren und durchzusetzen! Niemals würden wir so etwas von uns behaupten müssen! „Versklavt“ Pah! Nicht mal im Scherz! 😉

Und da knie ich nun vor der Wohnzimmer-Couch. Auf allen Vieren.

Entgegen der Regel hat die Mittlere rotes (!) Wassereis im Bereich der cremefarbenen Couch und des gleichfarbigen Teppichs verspeist. Oder sollte ich eher sagen versucht zu verspeisen? Und Nein! Wir sind nicht bescheuert! Die Couch stammt noch aus Zeiten vor den Kindern. Nicht jedoch der Teppich.
Nun also wische ich ein Sud aus rot-pinkfarbener Brühe vom Fussboden, schrubbe den hellen Teppich und ziehe den Bezug des Couch-Polsters ab. Immerhin. Dem schlauen Erfinder sei Dank ist eben jene Couch abziehbar und waschbar. Und spätestens dann wenn die betagte Tante des Gatten zu Besuch ist und fragt, ob eben jenes Lieblings-Stück schon immer dieses „Blumen-Muster“ (es sind irgendwelche Sabber-Ränder!) hatte, ist es an der Zeit, eine Komplett-Wasch-Aktion zu starten. Oder eben jetzt. Obwohl die Kleinste längst in’s Bett müsste.

PicsArt_05-26-12.22.07Und plötzlich muss ich mir genau in diesem Moment eingestehen, dass auch ich in einigen Situationen, Momenten oder auch an einzelnen Tagen gefühlt vollkommen versklavt bin.

Weil’s in der Situation dann einfach gerade nicht zu ändern ist. Weil der Gatte mal wieder auf Dienstreise und auch sonst keiner da ist. Dann ist es tatsächlich auch manchmal ein Gefühl der temporären (!) Versklavung.

Und manchmal machen wir Mütter uns aber auch zu einem Sklaven unserer selbst.

Denn es kommt wie es kommen muss: Während der Abzieh-Aktion fallen mir tausend Krümel auf. Smarties, Haarspangen, Maiswaffel-Teilchen, alte Chips,  Federn, Haare – alles tummelt sich in den Ritzen, und wartete nur darauf von mir entdeckt zu werden. Ich kann der Versuchung nicht widerstehen und beginne nun, mich zu einem Sklaven meiner selbst zu machen. Kann selbst zu dieser voran geschrittenen Uhrzeit einfach nicht anders und nehme jetzt die komplette Couch auseinander und sauge alles (!) ab. Jetzt an dieser Stelle einfach ausblenden und strikt nur den ursprünglichen Schaden beheben? Es will mir nunmehr mitten in Rage partout nicht gelingen! 😉

„Vanilläääh-Milch!“ fordert währenddessen prompt die Kleinste im Hintergrund, denn die gehört zum Abend-Ritual (pfeiff bald drauf!) dazu.

Schwups! Bin ich ebenfalls ein verflixter Sklave der selbst eingeführten Rituale.

Von denen im Laufe der Zeit immer mehr dazu kamen. Haben sich einfach so eingeschlichen und werden nun vehement vom Nachwuchs eingefordert.
Oder war’s von vornherein Strategie? Ein ausgeklügelter Plan der eigenen, so unschuldig dreinblickenden Brut?
„Lass die Alte ruhig noch ein bisschen schuften, bevor wir endlich, endlich in den Schlaf der Gerechten fallen.“

Nicht aber schlafen darf ich!

Manchmal. Des Nächtens. Dann besitze ich noch nicht einmal ein eigenes Bett! Nur eine Ritze, eine Schlafstelle, welche jegliches Drehen und Wenden oder gar bequeme Ausstrecken der mütterlichen Gliedmaßen untersagt.

In der vorherigen Nacht tobte ein heftiges Gewitter mit Stark-Regen. So stark, dass nicht nur der Nager aufgeregt am Draht rüttelte, sondern auch der große Sohn mit weit aufgerissenen Augen und völlig verschreckt in meiner Schlafzimmer-Türe stand. Und in mein Bett wollte. In dem allerdings bereits die Kleinste lag. Welche stets die unmittelbare Nähe des Bruder als unerträglich abtut und dies mit lautstarkem, protestierendem Gebrüll kommentiert und äußert. Selbst mitten in der Nacht. Hundemüde und zu dieser Uhrzeit jenseits jeglicher Zurechnungsfähigkeit, gehe ich nun für gewöhnlich den Weg des geringsten Widerstandes: Und rolle mich freiwillig in die Mitte des eigenen Ehebettes! (Welches unter der Woche eigentlich meins ganz alleine sein sollte!)
Auf das „Besucherkissen“. Es kostete mich eine Ibuprofen 600 und zwei Tassen Kaffee am Morgen, um die müden verrenkten Knochen wieder in Gang zu bringen.

Nachdem dies nun die vierte Nacht in Folge mit maximal 5,5 Stunden Schlaf war, wollte ich mich kurz hinlegen. Nach dem Mittagessen. Wenn eh gerade das absolute Tages-Tief erreicht ist. Einfach mal 15 Minuten Power-Napping. Akkustisch untermalt von den liebreizenden Klängen von Paw Patrol.  Eine Runde Zwangs-Fernsehen für die Kleinste, bevor ich am Nachmittag noch mindestens eine Handvoll Gleichaltriger im Kita-Kurs unterrichten darf. Keine fünf Minuten später, es war mir bereits gelungen friedlich sabbernd wegzudösen, spürte ich Finger! Überall! Primär jedoch in Auge und Nase. Weil’s ja so interessant und lustig ist. „Du darfst jetzt nicht schlafen. Du musst mit mir Pferde spielen!“. Boah! Dummerweise geht bei der Kleinsten das Konzept der Hypnose durch TV niemals auf. 😉

Manchmal treibt mich auch mein eigenes Pflichtgefühl in die Ausbeutungs-Falle

Dann nämlich wenn ich erkenne, dass bereits Donnerstag ist und Freitag der Gatte mit einem riesen Koffer voller Hemden und Dreck-Wäsche nach Hause reist! Und erschrocken, fast gelähmt starre ich auf den Korb mit den noch immer zu bügelnden 10 Hemden der letzten Tage! Die ich jetzt ALLE noch schnell machen sollte!

Selbst die Spülmaschine piepst immer genau dann, wenn ich mich unmittelbar davor stehend in der Küche aufhalte! „Los! Räum mich aus! Füttere mich! Spiel mit mir!…..“ Wenigstens der gegenüber kann ich mich des öfteren jedoch durchsetzen! 😉

Zum Glück gibt es Auszeiten und Fluchten aus der Sklaverei!

Und die gilt es dann besonders zu genießen! Und abermals kommt mir folgende Erkenntis:
Wir sollten versuchen die Auszeiten, die wir ganz alleine für uns haben, bewusster wahrzunehmen und auszuschöpfen! Ohne schlechtes Gewissen und ohne dabei an die Kinder zu denken. Die werden uns schon früh genug wieder in den Schoko-verschmierten Klauen halten und ihr Recht, Rituale, Zeit und Seelen-Trost einfordern. Und ich mach’s auch von Herzen gerne!

Doch Abends um 23 Uhr beispielsweise darf ich auch mal an mich denken!
Und diese Zeit genieße ich in vollen Zügen! Gehe bewusst nicht gleich in’s Bett sondern kümmere mich um mich! Ich hab es nämlich nicht verdient nach einem langen Tag der reinsten Kinderbetreuung erschöpft in’s Bett zu fallen und mich selbst als Mensch gar nicht mehr wahrzunehmen! Dafür halte ich mich nun – zu meinem Vorteil ohnehin nachtaktiv-  lieber künstlich wach. Ich fange also an auf dem Cross-Trainer zu trainieren und dabei zu netflixen, ausgiebig zu duschen und zu cremen, viel verbotenes Eis mit noch verbotenerem Eierlikör zu essen! 😉

Und komme ich mal in den Genuss der Runde Freiheit um den See, dann will ich auch diese im Schweiße meines Angesichts mit jeder Faser des ausgebeuteten Körpers genießen!
Und nie wieder vor einem Solo-Wochenende in Berlin jammern! Never ever again! 😉

Ist aber nun mein Vorhaben von damals gescheitert?

Bin ich genau diese Frau geworden? An manchen Tagen sicherlich.  Da muss ich dieser armen anderen Mutter, die mittlerweile selbst wahrscheinlich aus dem Gröbsten raus ist, Recht geben.

Doch vielleicht meinte sie mit dem Begriff „versklavt“ auch einfach nur eine andere liebevolle Bezeichung für eine eigentlich wunderbare und dankenswerte Sache!
Nämlich dem Glück Mutter zu sein! Und wahnsinnig tolle Kinder zu haben, die Dich nun einmal brauchen und lieben!

Und schließlich ist es immer das, was wir selbst aus der Sache und eben jener fantastischen Aufgabe machen! 

In diesem Sinne, lockert die Ketten und passt auf Euch auf!

Eure

Alex

 


2 Gedanken zu “„Versklavt“

  1. Versklavt ist mir jetzt schon was drastisch… aber vielleicht liegt es daran, dass ich zwei habe, keine drei. Ich fühle mich aber definitiv öfter mal fremdbestimmt. Das Chaos im Haus, dass man nicht gemacht hat, am Ende aber doch selbst weg räumt, weil der Besuch gleich da ist oder man gerade Zeit zum Staubsaugen hat, kranke Kinder, wenn man gerade was Tolles zum Ausgleich für die Fremdbestimmung machen möchte, 5 Tage hintereinander Nudeln essen, obwohl man gerne was anderes hätte aber kein Bock auf das Rumgemeckere beim Abendessen hat, Lehrergespräche in der Schule, auf die man keine Lust hat, usw.
    Klar ist es schön, sie aufwachsen zu sehen und manchmal das Gefühl zu haben, etwas sinnvolles dazu beizutragen. Aber es ist schon gut, dass man die Aussicht darauf hat, dass sie groß werden und man wieder selbstbestimmter sein wird. 😉

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