Wenn die Schulzeit zum Albtraum wird

26+

„Da bin ich so froh, dass wir mit Dir damals überhaupt keine Probleme hatten“.

Ich war in der Heimatstadt und hatte nach einem Termin in Zusammenhang mit diesem Blog spontan die eigenen Eltern besucht, um für einige Minuten auf einen Tee und kurzen Plausch zu verweilen.
Bis ich wieder weiter ziehen und die Kinder von Kita und Schule abholen musste.
Gesprächsinhalt in der relativ knappen Zeit war unter Anderem auch das Thema „Mobbing während der Schulzeit“.

Und beinahe hätte ich mich am heißen Tee verschluckt, als ich die zuvor gesagten Worte aus dem Mund des eigenen Vaters hörte und nach einer kurzen Weile schließlich verarbeitete.

Da saß ich also vor einigen Wochen in der Küche meiner Eltern und alles an das sie sich erinnern konnten, war eine ruhige und nicht weiter erwähnenswerte Schulzeit der großen Tochter.
Alles „normal“ und nicht der Rede wert.
Und in diesem Moment bleib ich diejenige, die einfach nur ruhig da saß und sich nix anmerken ließ.

Ungefähr so musste es wohl auch damals gewesen sein.
Denn was meine Schulzeit und insbesondere die Jahre als pubertierender Teenager betrifft, scheinen sich Geister zu scheiden – und Erinnerungen ein klein wenig verzerrt zu sein.
Doch kann ich den eigenen Eltern überhaupt nix vorwerfen.

Ich glaube, ich war seinerzeit wirklich nicht in der Lage zu reden.
Darüber, was in mir vorging und wie es der eigenen Seele ging.
Ich schwieg und ließ Jahre verstreichen.

Doch möchte ich dies heute, fünfundzwanzig Jahre später, gerne ein klein wenig nachholen.
Weil es mir aktuell ein besonderes Bedürfnis ist.

Denn Fakt ist:

Meine Schulzeit war der Horror!

Vielmehr als das!
Man kann sagen, ein viertel meines bisherigen Lebens war ich nicht immer glücklich!

Denn ich war das stete Mauerblümchen. Der „Versager“ und „Streber“.
Die Außenseiterin, gehänselt ob der kranken Mutter.

Ich war die schüchterne graue Maus. Die, ohne Freund und großen Freundeskreis.
Das Mädchen der leisen Töne.
Und allein so etwas bietet schon Angriffsfläche.

Noch heute erinnere ich mich an jenen verregneten Wintermorgen, als ich fünf Minuten vor Unterrichtsbeginn am Schreibtisch weinend zusammenbrach.
Umzingelt von den „coolen“ Mädels und den „starken“ Jungs.
Die, mit den Nasenringen und Marlboros in der Gesäßtasche.
Mit den Knutschflecken und der Haarspray-Tolle.
Die mich auslachten, welch bemitleidenswertes Geschöpf ich doch sei.
Immer ruhig, nie für einen „Spaß“ zu haben.
Es war nur einer von vielen solcher Tage, doch aus irgendeinem Grund haftet er noch heute im eigenen Gedächtnis.

Ich war nie diejenige, die auf Klassenfahrten auf der hintersten Reihe im Bus saß oder mit den „schönsten“ Mädchen der Klasse das Zimmer teilte. Auch färbte ich nicht in Nacht- und Nebelaktionen die Haare und war Mittelpunkt mitternächtlicher Parties und Gläser-Rück-Orgien.

Denn ich war „der Streber“ mit den guten Noten und an der hiesigen Realschule womöglich völlig deplatziert.
Ich war diejenige, die damals schon heimlich in die Hände klatschte, stand als Klassenarbeit die schriftliche Erörterung eines bestimmten Themas an. 😉
Ich war diejenige mit den Einsern in Deutsch und Englisch. Sehr zum Missfallen der anderen Mitschüler.
Lehrer hätten mich gerne am Gymnasium gesehen, doch der Nähe halber fiel die Entscheidung auf die Schule in Laufnähe.
Denn Auto-fahren? Konnte die eigene Mutter aus gesundheitlichen Gründen nicht.
(Liebe Mama, es tut mir von Herzen leid, dass ich mich damals nicht traute, Dich zu verteidigen! )
Später fehlte mir dann die Einsicht (und das Geld!), um die Schule auf dem Gymnasium fortzusetzen – abermals entgegen der Meinung der Lehrer.

Ich war aber auch das magersüchtige Mädchen.

Mit siebzehn. Denn all die Hänseleien (der Begriff „Mobbing“ existierte seinerzeit schließlich noch nicht) ließen mich irgendwann mich und meinen Körper verachten. Auch nach der Realschule noch.
Wenigstens an irgendetwas im Leben wollte ich gefühlt die Kontrolle haben – und sei es am eigenen, ausgemergelten Körper!
Niemand ist glücklich und gleichzeitig magersüchtig! Warum dies im Umfeld nicht so auffiel, ist mir noch heute schleierhaft.
Vielleicht weil Menschen nicht hinsehen. Bei unangenehmen Dingen.

Eine die hinsah war meine Gynäkologin. Es war ein harscher, bewusst herbeigeführter Weckruf und ersparte mir jegliche Therapie.
Denn der prognostizierten „kinderlosen Zukunft“ wollte ich entgegenwirken, fing endlich wieder an zu essen – und therapierte mich somit selbst.
Aber Seelen-Narben bleiben.

Und es war ebenfalls das – lange nachhallende – Mobbing der Anderen, das mich schließlich nicht mehr an mich selbst glauben ließ.
Es ließ mich mit achtzehn wegwerfen und eine weitere Erinnerung schaffen.
Ein Anflug der Rebellion, eine Erfahrung, die  mir auch heute noch in der Seele schmerzt.

Und heute?

Noch immer habe ich seit der eigenen Schulzeit kein einziges Klassentreffen besucht.
Zu sehr scheue ich die erste Begegnung nach Jahrzehnten.

Dabei könnte ich heute erhobenen Hauptes da hin gehen!
Und wie ich das könnte!
Ich könnte es allen zeigen!
Denn das schüchterne Mädchen von damals? Es ist verschwunden! Existiert nicht mehr.

Ich habe vieles erreicht und bin stolz darauf.
Während die ersten von den „Super-Coolen“ bereits mit zwanzig ihr erstes Kind gebaren, machte ich eine ordentliche und solide Ausbildung.
Wenngleich mir die „Bankkauffrau“ nie richtig lag, doch ist dies ein Thema für sich. 😉

Mehr als das:
Ich bildete mich fort in Dingen, die MIR gefallen.
Drückte im Jahr der eigenen Hochzeit mehrere Stunden abends die Schulbank und schloss die zusätzliche Ausbildung zur Fremdsprachenkorrespondentin mit hervorragender Leistung ab.
Bis auf den mündlichen Part – denn da fragte man mich auf Englisch über das Dokumentenakkreditiv ab – in der Annahme das wäre mein bevorzugtes Metier. 😉

Ich wurde stark und mutig

Ach und hey!
Ich, die „graue Maus“, war als offizielles „Versuchskaninchen“ des HR-Fernsehens freiwillig in der Kältekammer! Mit Interview!
Minutenlang – nur ich. Denn wisst Ihr was? Heute plappere ich einfach drauf los.
Und mache jeden Scheiß und Spaß gerne mit! 🙂

Und vielleicht hat auch dies mich die schwere Zeit von damals gelehrt:

Es bringt nichts zu grübeln und jedes einzelne Wort, jeden Schritt, gedanklich erst im Kopf zurechtzulegen.
Um letztendlich doch aus lauter Scheu stumm und bewegungslos zu bleiben.
Mach ich nicht mehr! Und falle ich dabei hin und wieder auf die Schnauze, so sei’s drum.

Ich schreibe an diesem Blog hier!
Welcher ängstliche Versager, der fürchtet, seine eigene Meinung kund zu tun und vor allem die Reaktionen Anderer zu ertragen, tut so etwas?
Nun, auf diversen Kanälen Shit-Storm erprobt bin ich mittlerweile. 😉

Ich habe die drei wundervollsten Menschen auf Erden zur Welt bringen dürfen!

Und den tollsten Mann der Welt  –  und danke dem ganzen Universum noch immer dafür, mit dieser wundervollen eigenen kleinen Familie beschenkt worden zu sein!
Ihr seid es, die mich wachsen lassen und mich dazu gemacht haben, was ich heute bin!

Ich bin stark! Ich weiß um meine Stärken und Schwächen – und still bin ich schon lange nicht mehr! 😉

Ich möchte hinsehen!

Und ich hoffe aus tiefstem Herzen, meine eigenen drei Kinder vor Unheil und Leid während der Schulzeit, während der Jahre zwischen zehn und zwanzig bewahren zu können.
Ich möchte hinsehen, da sein und wenn nötig auch reagieren!
Ich möchte helfen, trösten und unterstützen, wann immer der Wunsch dazu da ist!
Möchte Zuversicht spenden und meine Kinder ermutigen ihren Weg weiter zu gehen.
Und ich möchte auch kämpfen!
Für meine Kinder, wann immer es von Nöten sein mag!
Ich will diese stärken und darin bekräftigen, immer und ausnahmslos an sich selbst zu glauben!

Denn ich weiß aus eigener Erfahrung, dass diese Zeit vorüber geht und danach Großartiges folgen kann.
Wenn man sich selbst nur die Chance gibt!

Auch wenn es für eine Weile aussichtslos erscheint und die „blöden Jahre“ gefühlt nie vorüber gehen wollen, so kann ich heute sagen, dass das Leben nun einmal eine Aneinanderreihung der verschiedensten Phasen und Gefühlslagen ist.

Und JEDE Phase hat es verdient, das Beste daraus zu machen und gelebt zu werden!

Eure 

Alex

P.S. Das T-Shirt aus dem Beitragsbild stammt aus einer Serie, die ich längst nicht mehr schaue. Doch musste ich es haben. Als mein ganz eigenes, persönliches Zeichen. Ein Zeichen dafür, dass jede noch so blöde Schulzeit vorüber geht und kein junger Mensch sich jemals aufgeben sollte! Denn aus verletzlichen und unsichtbaren Teenagern können durchaus starke und selbstbewusste Erwachsene werden!
Menschen, die leben, lieben und glücklich sind! 

Der Text gefällt? Dann Daumen hoch für die Alex! 😉

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6 Gedanken zu “Wenn die Schulzeit zum Albtraum wird

  1. Dresden Mutti Antworten

    Ein toller und mutmachender Beitrag 🙂

    0
    1. Mama steht Kopf Antworten

      Lieben Dank! 🙂

      0
  2. EvaMaria Antworten

    Leider ging es mir in meiner Schulzeit auch so. Und ich merke auch jetzt, dass ich oft nicht selbstbewusst genug bin. Dass ich wenn jemand wo redet immer denke, die reden über mich… es gibt viele Situationen. Ich habe drei tolle Kinder und einen wundervollen Ehemann. Und auch ich hoffe, dass meine Kinder nie sowas mitmachen müssen. Man wird vielleicht stärker. Ja, ich hab immer geschaut, dass ich alles schaffe und habe auch lange nie jemanden an mich richtig herangelassen.

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    1. Mama steht Kopf Antworten

      Liebe EvaMaria,

      ja, das merke ich auch an mir selbst. Eine solche Erfahrung kann man nicht abwerfen. Ich versuche in solchen Situationen gegen mich selbst anzukämpfen – mittlerweile gelingt mir das ganz gut. Und wenn dem mal nicht so ist, so hab‘ ich heute meine ganz eigene wundervolle Familie, die mich innerlich stärkt! Ganz liebe Grüße! Alex

      0
  3. mamiexmachina Antworten

    Toller, ehrlicher Beitrag mit schönem Fazit! Ich wurde in meiner Jugend auch gemobbt und habe sehr darunter gelitten. Aber auch wenn mich das geprägt hat, konnte ich es irgendwann hinter mir lassen. Und jetzt ist mein Leben einfach nur schön 🙂
    Liebe Grüße, Simone

    0
    1. Mama steht Kopf Antworten

      Das freut mich! Ich muss zugeben, eine solche Zeit prägt für’s Leben und ab und an bemerke ich an mir bestimmte Verhaltensweisen, die so vielleicht nicht wären. Ich merke, wie ich mich selbst ausgrenze, obwohl gar kein Anlass dazu besteht. Einfach nur, weil hin und wieder dieses schüchterne Mädchen von damals aus dem tiefsten Inneren wieder hervorkommen möchte. Zum Glück lasse ich das aber nicht mehr allzu oft zu! 😉 Ganz liebe Grüße! Alex

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