Das stille Leiden – Vom Mittelschmerz zur prämenstruellen Depression

26+

Es zieht und zwickt unfassbar unangenehm und zwingt mich gerade auf die Couch.
„Geh‘ zum Arzt“ sagt der Sohn erschrocken auf meine Aussage, ich hätte Bauchschmerzen und bräuchte kurz eine Pause.
Bauchschmerzen, die aus dem Nichts auftreten – und nach ein paar Stunden wieder verschwinden.
Und so stark sind, dass ich alles liegen lassen muss.
Den Staubsauger, die eben noch enthusiastisch abgezogenen Betten und den Mann.
Den muss ich auch links liegen lassen.

Nachdem ich ihn eben mürrisch und vor allem grundlos angemault hatte.
Immerhin weiß ich jetzt, warum ich mich seit zwei Tagen so unendlich faul, müde und träge fühle.
Ich weiß, warum der Kuchen heute wieder schmeckt und warum Witze unterhalb der Gürtellinie die letzten Tage besonders verlockend und urkomisch waren.
Und warum ich den Gatten besonders lieb hatte.

Und ich weiß auch, dass ich genau genommen nicht wirklich Bauchschmerzen habe!

Ich ovuliere!

Das sollte ich jetzt hier nicht schreiben?
Ist ein Tabu und wirklich zum Fremdschämen?
Mit diesem Frauen-und Hormon-Kram soll ich endlich aufhören?
Nun, wurde mir alles schon gesagt und geraten.

Mach‘ ich aber nicht!
Warum auch!?
Denn meistens kamen eben jene Ratschläge vom männlichen Geschlecht – und außerdem bin ich es leid, dass Frauen bei solchen Dingen noch immer nicht wirklich ernst genommen werden!
Ich habe einen Gynäkologen.
Ein netter, sympathischer und vor allem kompetenter Kerl.
Ich mag ihn sehr und auch seine Frau, fühle mich in der Praxis wohl.
Doch berichte ich über lästige und unangenehme Schmerzen beim Eisprung oder gar den Hormon-gefluteten, tränenreichen Tagen vor den Tagen, dann stoße ich lediglich auf ein Achselzucken.
Wie auch sollte ich hier Verständnis erwarten?
Auch mein ehemaliger Gynäkologe – ebenfalls wie der Begriff schon verrät männlichen Geschlechts – spielte Klagen diesbezüglich herunter.

Dabei gibt es das alles, worüber ich allmonatlich leide und klage, nachgewiesenermaßen!
Es existiert und ist nicht eingebildet!
Und doch sollen wir Frauen hier an dieser Stelle die Klappe halten, mit verkniffenen Lippen den Schmerz weglächeln, uns nicht so anstellen und weiter machen wie bisher.

Wir sollen Hormone nicht Überhand nehmen lassen und schon einmal gar nicht alles auf eben jene schieben.
Prämenstruelle Depression oder gar Dysphorie?
Billige Ausrede und totales Hirngespinst!
Flüssigkeitsansammlungen an undenkbaren Stellen im eigenen Körper, welche regelmäßig vor den Tagen zu Schmerzen führen?
In Brust und Unterleib!?
Hab‘ ich laut Ultraschall definitiv.
Aber ich soll halt nicht meckern.

Frauen leiden leise

Monat für Monat leiden unzählige Frauen leise, weil es bei diesem Thema noch immer ein Tabu ist zu klagen.
Weil wir ja schließlich unseren Mann stehen und Emanzipation, gleichwertige Bezahlung und Beachtung wollen!
Schlucken Schmerzmittel und wischen heimlich am Klo Tränchen weg.
Anstatt offen drüber zu reden, was uns gerade körperlich einschränkt oder so sehr auf Gemüt und Seele drückt!

So will ich es einfach hier tun.

Nicht als Entschuldigung, nicht als Universal-Ausrede für den allmonatlichen psychischen Break-Down (und ich hab ihn wirklich!) und schon einmal gar nicht aus Wichtigtuerei.
Sondern um ein Tabu zu brechen und Augen zu öffnen!
Um die lieben Ehemänner ein klein wenig seltener mit dem Kopf schütteln zu lassen. 😉
Dann lass‘ Dir helfen!“ sagt immerhin der eigene Gatte, denn er versteht mittlerweile.
Weiß sich auf die jeweilige Situation einzustellen – und mir gerne auch einfach aus dem Weg zu gehen bis alles „vorüber“ ist
(„wake me up till it’s all over“ 😉 ).
Doch wie soll uns Frauen geholfen werden, wenn keiner zuhört!?

Der Mittelschmerz

Angeblich verspüren diesen nicht viele Frauen.
Etwa jede vierte bis fünfte.
Hierbei handelt es sich um einen in der Zyklusmitte auftretenden Schmerz während der Ovulation.
Meist als Folge des Folikel-Sprungs.
Da jedoch dieser Schmerz von Frau zu Frau unterschiedlich empfunden wird, kommt er meist gar nicht zur Sprache oder wird als nicht wirklich existent heruntergespielt.
Nun, ich kenne keine Schmerzen während der Regel – noch nie gehabt.
Diesen Schmerz jedoch sehr wohl!
Und wenn es zieht, drückt und spannt – so sehr, dass ein Laufen kaum noch möglich ist – dann ist das alles Andere als ein schlechter Scherz!

Brustschmerzen und Wassereinlagungen

Sie kommen unmittelbar nach dem verflixten Schmerz, der sich genauso schnell verdünnisiert, wie er aufgetreten ist.
Wasser speichert sich im Gewebe und führt zu unangenehmen Spannungen in Brüsten – und gerne auch Unterleib!
Ich berichtete erst kürzlich dem Gynäkologen von einer Art sichtbaren, schmerzenden Beule im Unterleib – unmittelbar nach dem Eisprung bis kurz vor Einsetzen der Regel.
Der Ultraschall bestätigte die Wasseransammlung, welche mir allmonatliche Probleme bereitet.

Depressionen

Ich ticke aus.
Anders kann ich es hier nun leider nicht beschreiben.
Und es tut mir so unendlich leid! Jedes einzelne Mal!
Für meine Kinder, meinen Gatten und mein ganzes Umfeld – ach was, für das gesamte Universum!

Es-tut-mir-leid!
Ich fühle mich in diesen Tagen wirklich nicht zurechnungsfähig!
Sage und schreibe furchtbare, dunkle und verletzende Dinge – und verliere fast vollständig den Glauben an mich selbst.
Ja, ich fühle mich ausgewechselt, stehe neben mir und bin nicht ich selbst!
Bis der Spuk vorüber ist und der Nebel im Hirn sich lichtet – und das dunkle Band von der Seele wieder verschwindet.
Was ich hier machen soll? Ich weiß es nicht! I don’t fucking know! 
Die dumme Hormonspirale entfernen lassen?
Gerüchten zufolge könnte sie der Grund allen Übels sein, doch wer weiß das schon wirklich?
Und vor allem:
Wer (außer dem eigenen Gatten!) hört hier tatsächlich zu?
Welcher Mediziner nimmt eine temporäre (!), Zyklus-bedingte Depression denn schon ernst?
Nun, leider ist mir persönlich noch niemand begegnet.

Und ich soll‘ ruhig sein. So scheint es mir.
Mich zusammenreißen und “leise leiden“.
So wie viele andere Frauen auch!
Soll Informations-Broschüren glauben, dass ich das bestmöglichste Verhütungsmittel für mich gewählt habe. Und dass alles, aber auch alles halb so wild und zum Teil reine, steuerbare Einbildung ist!
Ich soll weder eine Memme noch ein schimpfendes Ekel noch die Tränen überflutete Transuse sein!

Nun, den Ausschalter zum vollständigen Eliminieren der eigenen Weiblichkeit – ich hab‘ ihn leider noch nicht gefunden.

Eure 

Alex

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12 Gedanken zu “Das stille Leiden – Vom Mittelschmerz zur prämenstruellen Depression

  1. Katharina Püschel Antworten

    Ich habe Mittelschmerz auch völlig ohne eingeworfene Hormone… Und schon seit der Pubertät. (De facto war es mit Pille besser, aber damit hatte ich andere fiese Nebenwirkungen). Bei mir fühlt es sich an als stecke ein Gemüsemesser in meiner Leiste, und jede Bewegung zerreisst mich für Stunden. Und ein Schmerz bleibt noch für mehrere Tage…
    Gucken immer nur alle verwundert – ist ja nicht die Periode, mit der ich nie Probleme hatte. Habe auch bis heute nichts gefunden das hilft. Aber schön zu lesen dass ich nicht allein bin.

    1+
    1. Mama steht Kopf Antworten

      Das bist Du definitiv nicht! Ganz liebe Grüße!!

      0
  2. Claudia Antworten

    Du bist definitiv nicht allein. Ich spüre ihn auch. Aber bestimmt nicht so schmerzhaft wie du. Ich hatte auch eine Hormonspirale. Und was soll ich dir sagen? Nachdem ich sie entfernen ließ, waren fast alle meine Nebenwirkungen weg. Auch die depressiven Gedanken. Es gibt auf Facebook auch eine sehr informative Gruppe. Risiko Hormonspirale…
    liebe Grüße Claudia

    0
    0
    1. Mama steht Kopf Antworten

      Da schau ich mal rein…Danke Dir und ganz liebe Grüße!!!

      0
      1. Sara

        Danke für das brechen eines Tabu Thema und danke für die brutale Offenheit. Du sprichst mir aus der Seele! Ich konnte beim Lesen richtig mitfühlen! Es ist eigentlich eine Schande das viele Frauen selbst versuchen dieses Thema anzusprechen bei mir war es oft der Schmerz selbst und die pure genervtheit über das „Achselzucken“ oder ein (nur das daran denken macht mich aggressiv) „Stell dich nicht so an“ von Frauen in meinem Umfeld. Ähm sorry, hab ich was verpasst oder merkt ihr einfach nicht mehr wenn ihr durch das Eierwandern zur Furie werdet?! Ich habe bis zum ersten Geburtstag meiner Tochter mit diesem Hick hack gelebt und habe nun die Spirale, ich bin (muss man ganz ehrlich sein) nicht ganz davon befreit aber es passiert nicht mehr im 4-Wochen Takt und das ist für mich persönlich wahnsinnig erholsam und daraus auch für meine Familie.

        0
    2. Karolin Antworten

      Also ich kenne zwar den Mittelschmerz nicht, aber ich war mit der Hormonspirale auch nicht mehr zurechnungsfähig. Ich konnte nicht mehr ruhig bleiben bei meinen Kids, war ständig gereizt und auf der anderen Seite hätte ich heulen können. War bei mehreren Ärzten…jeder sagt alles i.o. Meine Hausärztin hat mir dann geraten, die Spirale entfernen zu lassen. Und was soll ich sagen…vier Wochen später und es geht mir besser. Also bitte nicht von irgendwelchen Frauenärzten abspeisen lassen, dass das nicht an der Hormonspirale liegen kann. Psychische Erkrankungen sollen sogar als Nebenwirkung in den Beipackzettel aufgenommen werden (wenn man den denn zu sehen bekommt-ich habe ihn nie gesehen). Ich habe im Nachhinein viel gelesen und war sehr geschockt, wie viele unter den Nebenwirkungen der Hormonspirale leiden. Es gibt sicher keine Garantie, dass es an ihr liegt. Ich hatte für mich entschieden, dass ziehen zu riskieren, bevor ich noch irgendwelche anderen Medikamente nehmen muss.
      Alles Gute für dich 🙂

      0
      1. Mama steht Kopf

        Danke für Deine lieben Worte!!! So sehe ich das auch! Im Grunde möchte ich nicht, dass womöglich die Hormonspirale letzten Endes noch zur Einnahme irgendwelcher Medikamente führt….Ganz liebe Grüße!

        0
  3. Sabine Antworten

    Danke für deinen Beitrag! Es tut irgendwie gut, wenn man weiß, damit nicht allein zu sein.
    Nach der Geburt meiner Tochter fing das Elend bei mir an:
    Beim Eisprung kann ich kaum gehen- ohne Magnesium geht gar nix. Als ob ich die Wehen bekomme… und sage und schreibe knapp 1,5 Woche später der Sch… nochmal bei der richtigen Periode! Dazu noch depressive Anfälle direkt nach dem Eisprung , wenn das Östrogen abfällt. Und explodierende Brüste. Ein kurzer Zyklus noch dazu und ich kann mich jede Woche auf was anderes „nettes“ freuen. Mir helfen Schüssler Salze und Homöopathie. Vielleicht wäre das auch eine Option für dich.
    Liebe Grüße

    0
    1. Mama steht Kopf Antworten

      Danke Dir für den Tipp!! Ich bin gerade ganz baff wie vielen Frauen es schlecht geht! Und immer glauben wir stark und tapfer bleiben zu müssen…Ganz liebe Grüße!

      0
  4. Adriane von Carlowitz Antworten

    Danke für den Beitrag! Endlich kommen wir auf den Trichter mit diesen Themen offen umzugehen. Meines Erachtens kann das rettend für so manche Beziehung sein.
    Ich denke inzwischen, dass die Anerkennung der Weiblichkeit (als körperliche und seelische Dimension) der nächste Schritt der Emanzipation ist. Die hormonelle Verhütung macht die Frauen letztlich verfügbarer und ist nur eine scheinbare Freiheit und Unabhängigkeit. Letztlich leidet der Körper und die Seele.
    Ich empfehle sehr das Buch „the woman code“. Es beschreibt ein Leben mit dem Zyklus.

    Nach dieser Erkenntnis habe ich sofort meine Hormonspirale entfernen lassen und meiner Seele und meinem Körper ging es in vielerlei Hinsicht eklatant besser. Es ist erschreckend, wie wenig Gynäkologen über die Nebenwirkungen aufklären und über die ganzheitlichen Auswirkungen bescheid wissen (z.B. das häufige Ausbleiben der Menstruation als eine der Hauptursachen für Übersäuerung).

    Der offene Umgang tut auch meiner Familie gut (insbesondere den Männern), da sie sich nicht mehr hilflos fühlen oder verletzen lassen.
    Und ich genieße es tatsächlich durch den offeneren Umgang mit der Weiblichkeit und ihren Höhen und Tiefen meinen Körper wertzuschätzen.

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    1. Mama steht Kopf Antworten

      Eben! Auch DAS ist Emanzipation! Der offene Umgang mit der Weiblichkeit! Frauen und Männer sind nun einmal unterschiedlich und das ist auch gut so! Danke für die Buchempfehlung und Deine ehrlichen Worte! LG! Alex

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  5. Janina Antworten

    Bin heute erst auf deinen Blog gestoßen und finde ihn einfach wundervoll!
    Ich selbst leide seit meiner 2. Geburt auch an einer extremen Form von PMS…nach Jahren der Ungläubigkeit und „Runter-Spielen“ seitens Ärzten habe ich nun endlich ein pflanzliches Medikament gefunden, was das Ganze zumindest erträglicher macht.

    Vielen Dank für deine Offenheit! Das Thema sollte wirklich viel ernster genommen werden.

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