Wieder geht ein Herzensmensch – Kindern den Tod erklären

Eigentlich sollte hier an dieser Stelle ein anderer Text stehen.

Ich wollte darüber schreiben, wie schwer sich mittlerweile auch meine Kinder mit der aktuellen Pandemie-Situation tun, denn ein ganzes Jahr Ausnahmezustand zehrt und laugt aus.

Auch die Kinder – und gerade mein kleinstes Kind – zeigten in jüngster Zeit einige Auffälligkeiten, die mich betrübten und gar ein klein wenig sorgten.

Denn gerade die Kleinen haben noch nicht die Möglichkeit, ihre Freunde einfach online zu treffen, den ganzen Tag zu chatten und zu schnattern – all das, was die beiden größeren Pubertiere wahrscheinlich auch ohne Pandemie tagtäglich tun würden!

Sie würden vermutlich auch in einem stinknormalen Alltag kaum das Näschen vor die Türe halten und mit den besten Freunden lieber „online“ spielen.

Und ich würde genervt mit den Augen-rollen und sie auffordern, sich endlich mal im „real life“ (sagt man sicher nicht mehr so und ist somit uncool) zu treffen.
Zumindest erinnere ich mich dunkel an eine Zeit vor dem großen C, in der es bereits schon so war.

Doch meine Kleinste hat das alles noch nicht.

Da zählten noch die Streifzüge durch Gärten und über Spielplätze, die Verabredungen zum Kuscheltier-Einhorn-frisieren und vor allem der so wichtige Tanz-Turn-Reit-Whatever-Kurs zum Auspowern und Loswerden überschüssiger Energie!

Nicht alles kann ich alleine ersetzen – es fehlt aktuell einfach viel!

Über all‘ dies wollte ich schreiben, von Sorgen, die dieser Tage belasten und der Frage, wie ich gerade mein kleinstes Mädchen möglichst unbeschadet durch diese verrückte Zeit lotse.

Denn es war in den letzten Wochen nicht mehr einfach.
Gedanken, Emotionen und Gefühle überrollten und überforderten – und ich wollte ihr so gerne helfen!

Nun muss ich einmal mehr auffangen

Nicht ahnen konnte ich, dass ausgerechnet jetzt eine noch viel größere Sorge und Kummer meine Siebenjährige – alle meine Kinder! – treffen würde.

Und dass ich einmal mehr würde auffangen müssen und für alle stark sein.

Denn man kann sich sicherlich eine Weile Corona entziehen, die Nachrichten stur einmal nicht verfolgen und diese verrückte Welt da draußen ausblenden.

Man kann die Kinder ablenken und durch Wochen der Ausnahme entstandene Auffälligkeiten überspielen und hierfür wenig Raum bieten.

Das alles geht und mag sogar hin und wieder ganz prima funktionieren!

Doch dem Tod und der immer wiederkehrenden Gewissheit, wie endlich unser aller Leben ist, können wir uns nicht entziehen.

Selbst die Stärksten, mit dem größten Lebenswillen unter uns, können dies zu einem gewissen Zeitpunkt nicht mehr.

Wieder nehmen wir Abschied

Vorgestern-Abend, während ich einen für mich bedeutsamen Termin wahrnehmen musste, der im Grunde Leben – auch das Anderer! – retten und schützen sollte, ging zur gleichen Zeit ein langes und erfülltes Leben.

Ein Herzensmensch, der prägte und Erinnerungen schuf und meinen drei Kindern die Welt bedeutete!

Jemand, der im Grunde immer präsent war und bei keinem wichtigen Familienereignis fehlen durfte.
Ein Lieblingsmensch, der Neffe, Nichte und deren Kinder liebte, als wären sie alle das eigene Fleisch und Blut.

Denn für einen alleinstehenden Menschen ist DAS alles Familie und das pure Glück im Leben.

Ich behaupte sogar, es ist der Antrieb, weshalb ein Mensch seinen Alltag bestreitet und jeden einzelnen Tag vollster Zuversicht wieder aufsteht.
Selbst mit 91 Jahren – ein Geburtstag, den wir vor zwei Wochen erst zusammen bei uns im Wohnzimmer feierten.

Ich muss meinen Kindern erneut den Tod erklären.

Das tue ich hier nun nicht zum ersten Mal, der Tod ist uns nicht fremd.

Verschiedene Male gingen Lieblings-Menschen in den vergangenen zwei Jahren – und dennoch ist es dieses Mal ein klein wenig anders.

Denn es geht zum ersten Mal eine wichtige Bezugsperson meiner Kinder!

Doch haben Kinder ein Recht, die Wahrheit zu erfahren und dies ab der ersten Minute.

Und so groß die Verzweiflung am Abendbrottisch auch war, so halten wir es für bedeutsam, offen und ehrlich mit den Kindern über den Tod und das Loslassen zu sprechen.

Ganz gleich wie jung die Kinder sind.

Wir haben seit jeher den Kindern die Entscheidung überlassen, ob sie Verstorbene auf ihrem letzten Weg, sprich der Bestattung begleiten möchten – und so unterschiedlich alle Drei in ihrem Wesen sind, fiel auch die jeweilige Entscheidung stets aus.

Für meine kleinste Tochter war es bislang ein sehr, sehr bedeutsamer Schritt.

Schmerz bleibt Schmerz – da zählt das Alter nicht

Ich schreibe hier gewiss auch von einem Alter, in dem man ganz tief im Unterbewusstsein damit rechnet, dass der nächste Anruf einmal nicht die Sich-nicht-öffnen-wollende-Waschmaschinen-Türe bedeutet.
Jeden Tag.

Doch ist ein Herzensmensch noch so rüstig und stark, dass er selbst im hohen Alter alleine (!) wohnt und voller Zuversicht Tag für Tag das Leben begrüßt, gibt man derlei Ahnungen wenig Platz.

Dann wünscht man diesem lieben Menschen vielleicht sogar ganz insgeheim, dass „es“ irgendwann einfach so, unvorhersehbar und ohne Leid passiert.
Ohne vorhergegangene Krankheit und Isolation, ohne Schmerzen und Resignation.

Und auch wenn das „einfach so“ dann ein paar Stunden dauert, weil jener Mensch seit jeher einen solch unfassbar starken Lebenswillen hat und es gewohnt war, robust und zäh‘ wie eine Löwin zu kämpfen.

Auch dann ist es ok, denn irgendwann muss selbst der zuversichtlichste und stärkste Lieblingsmensch unter uns gehen.

Und wir müssen loslassen und ziehen lassen.

Dann trifft es zwar immer noch hart und unvorbereitet, dann fließen nicht weniger Tränen – aber es schenkt gleichermaßen besänftigenden Frieden.

Der Gedanke, niemals hätten wir es anders gewünscht!

Ich glaube, dass wir mit solchen Gedanken den Kindern eine gute und verständliche – vielleicht sogar tröstende – Erklärung abgeben können.

Die Gewissheit, dass ein Mensch nicht leiden musste und bis zur letzten Sekunde ein selbstbestimmtes und eigenständiges Leben führen durfte, lindert!

Liebe Tante „Korri“,

Die Ostereier und Schokohasen, die der Mann letzte Woche auf Deinen Auftrag hin kaufte, habe ich zum Teil schon erhalten.

Ich werde die Sache für Dich zu Ende führen, ich weiß, es war Dir unglaublich wichtig, liebtest Du doch alle vier Kinder – unsere und den lieben Neffen – so sehr!

Es tut mir leid, dass das diesjährige Osterfest noch einmal anders verlaufen wird, als ohnehin schon erwartet.

Du hättest so gerne Anteil daran gehabt.
Und es wäre uns ein Weg eingefallen dies zu ermöglichen!

Kannst Du nicht bitte doch nochmal anrufen und ganz viele tausend Fragen stellen?
Damit wir lachen und kichern können und das Telefon reihum gehen lassen – ich weiß, Du hast es mit Humor genommen!

Was machen wir an Weihnachten ohne Deine „Betonplätzchen“ und wer liest den Kindern künftig geduldig vor oder spielt ausdauernd zum X-ten Mal ein und dasselbe Brettspiel?

Was wird aus Deinen Plänen, die Du selbst jetzt noch hattest?

Vielleicht – wenn es wieder möglich ist – werden wir einen davon für Dich umsetzen und packen Dich nicht nur ganz tief in unsere Herzen, sondern in Gedanken auch in’s eigene Familienauto.

Wie geht es jetzt weiter?

Ich realisiere erneut, dass wir uns nicht an das Sterben und Abschied-nehmen „gewöhnen“ können, uns abhärten und Schmerz damit ausschließen.
Weder die Kinder, noch wir Erwachsenen.

Wir werden Tage wie diese wohl in unserem Leben noch ziemlich oft durchleben und daran wachsen müssen.
Auch wenn wir uns gerade wieder einmal ganz klein und verletzlich fühlen.

Und doch sind es gerade die Jüngsten, die mit solcher Stärke und Tapferkeit in jedem Tag die Sonne und das kleine, große Glück sehen! 

Gerade die Kleinste, um die ich mich nun einmal mehr sorge – und fürchte, dass jene Trauer on top ihr stark zusetzt, steckte bereits gestern wieder mit ihrem dicken, fetten Lachen an!

Und schafft es, Trauer anzunehmen.

Denn das ist wichtig!

Ich möchte, dass meine Kinder lernen, die Traurigkeit und den Verlust anzunehmen und beobachte, wie ihnen das gelingt.

Genauso aber sehe ich auch, wie sie der Freude selbst an dunklen Tagen Raum lassen – wir lachen und weinen, umarmen uns und albern, alles an einem einzigen Tag.

Geht ein Mensch, erwachen ungeahnte Emotionen aber es geht nicht das Glück für immer!

Das möchte ich meinen Kindern vorleben und genau das scheinen sie selbst so umzusetzen – fast so, als könnten wir Erwachsenen von ihnen lernen.

Wir werden die nächsten Wochen auf Reisen gehen.
Erneut.

Nicht nur begleiten wir eine liebgewonnen Menschen auf seinem letzten Weg, auch lernen und entdecken wir so viele unbekannte Seiten!

Zettel, Notizen und Erinnerungen werden uns in die Hand flattern und Tränchen rieseln lassen.
Immer wieder.

Ungeahnte Talente treten zum Vorschein und lassen uns einen Menschen noch nach seinem Tod immer wieder neu lieben und kennenlernen.
Selbst wenn wir glaubten, diesen längst in und auswendig zu kennen.

So war es bislang gewesen und so wird es auch nunmehr wieder sein.

Und so sehr das schmerzt, betrachte ich das gleichzeitig als Geschenk und möchte es so auch meinen Kindern weitergeben.

Mach’s gut liebe Tante!

Alex

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