Deshalb mache ich wirklich Sport

Neulich bin ich auf einen Artikel einer großen deutschen Zeitschrift gestoßen. Die Autorin berichtet darin, warum sie eigentlich läuft. Ich möchte jenen Artikel zum Anlass nehmen und einmal erzählen, warum ich, gerade als Mutter, eigentlich Sport mache.
Und, große Überraschung, dabei geht es auch mir, ganz und gar nicht um die Figur oder ob mir die morgentliche Displayanzeige auf der Waage genehm ist. Klar, ist das ein netter Nebeneffekt. Aber eigentlich ist es, ähnlich wie bei der Autorin, mein Innerstes, die Psyche, die nach Sport, nach Bewegung bis zum Umfallen schreit.

Es ist das Gefühl von Davon-rennen, das mich anspornt. Das mich dazu treibt selbst im größten Winter-Schmudddelwetter, ja auch beim gehassten Nieselregen, die Sportschuhe zu schnüren.

Ich will leiden! (Nein! NICHT zu viel “Fifty Shades of Dumpfbacke-Grey“ gelesen!).Ich will meinen Körper und meine Grenzen spüren. Bis alle Kraft und Energie verbraucht ist.Ich muss mich abreagieren. „I hurt myself today, to see if I still feel“… keine Ahnung warum ich jetzt an Jonny Cash denken muss 😉
Aber, drei Kinder lassen eine Mutter, die 24/7 mit ihren Kindern zusammen ist schon mal auf`m Zahnfleisch gehen. Ist so.

Ich muss mich abreagieren. Aufgestaute Agrressionen und Restenergie loswerden, bis ich eben doch gar nichts mehr fühle. Bis eben das Gefühl, verrückt zu werden, verschwunden ist. Bis ich nicht mehr daran zweifele, eine gute Mutter zu sein und alles richtig zu machen. Weil ich dann, nach dem Sport, dazu keine Reserven mehr habe. Ich muss alle negativen Gedanken vernichten. Bis ich mich nicht mehr darüber ärgere was alles heute, oder dem Tag zuvor, schief gelaufen ist.

Für diese läppischen vierzig Minuten (hab nie behauptet der Ober Profi zu sein) will ich allen Stimmen in meinem Kopf davonrennen. Meist auch auf der Stelle, auf dem Crosstrainer. Aber dazu später…
Denn beim Laufen zählt nur eins. Hirn aus. Nur das monotone „lauf, lauf, lauf“ im Kopf, angespornt von guter, lauter Musik. Mehr will ich nicht denken.

Nein, ich bin auch wirklich nicht meschugge! Meist sind’s nämlich Kinderstimmen, die noch lange in meinen Kopf nachdröhnen. Das lautstarke Gezanke und Gezoffe. Das Protestgeheule. Manchmal auch die Stimme des Ehemannes 😉

Ich übertöne einfach alles mit der Musik im Ohr und versuche den Gedanken davon zu laufen. In Richtung Freiheit auf Zeit.

Wobei, zugegebenermaßen, die ersten fünf Minuten eher fürchterlich, statt befreiend wirken. Kennt Ihr das Gefühl, oder besser diese weitere Stimme? Die des eigenen Körpers? Die sagt in diesen fünf Minuten so etwas wie:“Hör ma Du verrückte Alte! Da hinten, ja genau hinter Dir, steht Dein Auto! Hallo!? Du rennst in die verkehrte Richtung!“
Nein Körper, die Richtung ist genau richtig! Sonst verrennt Mutti sich in ihrem Alltagswahnsinn! Und in sieben Kilometern bin ich ja wieder da, beim Auto.

Ähnlich wie bei der Autorin geht es auch mir nicht darum dabei eine sportliche Figur zu machen. Es ist mir wurscht, wie behindert es aussehen mag wenn ich laufe. Vermutlich habe ich auch gar nicht die für mich richtigen Laufschuhe.
Deshalb habe ich bislang weder eine Laufband Analyse noch einen sportmedizinischen Gesundheitscheck hinter mir! Ja, schlagt ruhig die Hände überm Kopf zusammen. Ich will nur laufen. Alles andere würde mich aufhalten und zum Umkehren überreden. Kenn mich doch.

Keine Hindernisse bei einem ohnehin wackligen Vorhaben! Es sind meine ersten Lauf-Versuche. Die soll nix trüben. Ich bin sehr eigen.
Funktioniert aber immerhin seit einem Jahr hervorragend. Ohne Schmerzen aber mit neuer Kondition! Yes!

Und sollte ich irgendwann, wieder mal von Schnappatmung befallen, neben dem Jogger-Klauer in den Büschen landen! Das wär’s wert! Nein, ich lüge. Ich pass schon auf mich auf.

Und: ich mag auch kein Rudel-Laufen! Das ist MEINE Zeit! Für mein Ego! Ich möchte mich nicht unterhalten. Ich will lieber alleine sein. Nur ich und mein eigenes Tempo. Quatschen und Schnattern? Für mich persönlich doch bei nem gemeinsamen Kaffee viel schöner!

Bitte denkt jetzt auch nicht, ich wäre unzufrieden oder gar unglücklich mit meinem Leben! Das bin ich nicht! Ich liebe meine laute, wilde Familie! Ich liebe es, dass mein Leben seit nun fast 18 Jahren nicht mehr still steht (solange kenne ich meinen Mann…sag doch ich bin alt!). Und ich begrüße alles was noch kommen mag. Aber ab und an wollen Körper und Geist einfach auf Reset gesetzt werden!

Danach kann mir keiner mehr was! Ich bin friedlich, stolz und mit mir und meiner Umwelt im Reinen.

Und umarme gleich noch einen Baum! 😉

Quatsch! Lieber umarme ich meine Kinder, denen es immer wieder gelingt, dass ich sie trotz Davonrennens nach spätestens einer Stunde wieder vermisse! Mit allem Krach, der nunmal dazu gehört!

Leider kann ich nicht immer, wann mir der Sinn danach steht, dieser neuen Leidenschaft nachkommen. Da der Papa auch öfters auf Dienstreise ist, und am kurzen, kinderfreien Vormittag die üblichen Verpflichtungen rufen, muss ich ausweichen. Ins Schlafzimmer.

Während Andere (Menschen sind ja schließlich unterschiedlich) nach getaner Arbeit, sprich die Kinder sind endlich im Bett und das Haus einigermaßen wieder hergestellt, erschöpft auf die Couch fallen und kurze Zeit später friedlich einschlafen steht (abends um elf) mein bester Freund für mich im Schlafzimmer parat!
Nope, nicht der Paketzusteller oder Hausfreund! Mein bester Freund zum Auf-der-Stelle-davon-laufen. Mein Crosstrainer.

Dann ist wieder meine Zeit! Auch Zeit endlich mal auf dem, am Crosstrainer angebrachten Ipad, Erwachsenenfilme und Serien zu sehen. Ohne Fragen oder Kommentare der Kinder. Nur ich alleine. Und ich vespreche Euch, auf der Couch würde ich die nie sehen. Denn säße ich erst einmal auf derselbigen, auch ich wäre innerhalb von Minuten weg.
Und mein Hintern vermutlich ne Nummer breiter ;).

Aber am nächsten Wochenende wieder! Ja dann, dann genieße ich die große Freiheit am See. Davonlaufen. Nur ich, meine Laufschuhe, der See und die Bluetooth Kopfhörer! Mein Mini-Urlaub. Natur. Bewegung. Nieselregen. Ich kann`s kaum erwarten!

Ja, ärgert mich ruhig alle. Dreh dich ruhig, Du doofes Gedankenkarussell! Komm doch, Du verflixtes Grübel-Ungeheuer! Dir werd ich`s schon noch zeigen.

Und fang mich doch, wenn Du kannst!

Aber nach dem Davon-laufen seid ihr alle tot. Ihr trüben und schweren Gedanken. Das Monster hat schlapp gemacht. Aber ich nicht! Denn ich fühle mich leichter und lebendiger als je zuvor!


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