Vom schlechten Mutter Gewissen, furchtbar miesen Tages-Anfängen und unnützen“Wenn-erstmal-Gedanken“

Ich sitze zu Hause am Esstisch. Gefühlt kurz davor Rotz und Wasser zu heulen. Unfähig auch nur einen Schluck Kaffee zu trinken oder geschweige denn ins „tränendurchweichte“ Brötchen zu beißen. Ja, wieder Übertreibung! Aber ernstes Thema. Wie gelähmt sitze ich da, fühle mich leer und verzweifelt. Geplagt vom schlechten Gewissen und dem Gedanken eben alles falsch gemacht zu haben.

Das schlechte Gewissen, weil ich die aufgelöste Vierjährige im Kindergarten zurück gelassen habe. Obwohl sie eigentlich wieder mit mir nach Hause wollte. Weil ich wusste, dass sie zu Recht weinte und wieder heim wollte. Weil ich daran schuld bin, dass der Start in den Tag so furchtbar mies ausgefallen ist. Und weil ich dennoch nicht nachgeben konnte (Ihr wisst, dass ich dann verloren hätte) und mich mit einem Bussi und Winken verabschiedete.

Denn es war, genau genommen, meine Schuld, dass dieser Tag so ungünstig und hektisch begonnen hatte. Das sehe ich gerade ein.
Weil ich habe ihn heute nicht eingeplant, diesen „Motz-Bock-Trotz-Zeitpuffer“. Ich hätte es besser wissen müssen. Fünfzehn Minuten Trotzalter-Reserve müssen drin sein! Das steht der Vierjährigen sogar zu!
Ich habe ein schlechtes Gewissen, weil ich, zu spät dran, die Kleinste aus dem Schlaf reißen musste. Obwohl sie sicherlich noch etwas mehr davon hätte gut gebrauchen können. Weil es aber eben nicht anders ging.

Denn ich bin wieder alleine mit den Kindern, diese Woche. Der Papa ist dienstlich verreist. Ich KANN sie nicht zu Hause lassen. Das Kind muss mit, egal wie müde. Selbst wenn sie jetzt krank gewesen wäre, die Autofahrt hätte sie(egal wie!) überstehen müssen.
Weil es im strömenden Regen auch nicht für die Geschwister zumutbar ist, die halbe Stunde Fussweg zur Schule auf sich zu nehmen. Weil es zu spät war etwas anderes zu organisieren.

Und dann kam er tatsächlich, der Trotzanfall, weil sie eben keine Maschine ist. Nicht zack, zack funktionieren muss. Der Anfall, der unter ausgeschlafenen Voraussetzungen sicherlich ausgeblieben wäre.

Dem Kind war die von mir getroffene Kleiderauswahl nicht genehm. Es musste die „Regenbogen-Strickjacke“ sein. Die Strickjacke, von der ich gar nicht wusste, dass sie existiert! Es sollte sich später herausstellen, dass sie einen bunt geringelten Pullover meinte.

Doch in meiner Rage, hab ich sie einfach nicht verstanden. Ich hatte keine Zeit zum Zuhören und noch schlimmer: Auch ich habe gemotzt und geschimpft. In meiner Verzweiflung. Weil ich auch nach dem dritten Kind in solchen Situationen eben nicht ruhig und gelassen bleiben kann. Da kommt dann zu viel zusammen. Der Zeitdruck. Das schlechte Gewissen gegenüber der anderen Geschwister, die jetzt wegen diesem „Drama“ zu spät kommen würden. Das Gefühl alleine zu sein.
Der Schlafmangel, weil ich nie ins Bett gehe. Weil ich alles alleine schaffen muss. Nein falsch, weil ich es so will! Weil ich mir keine Ruhe gönne! Weil ich den Papa, wenn er nicht auf Dienstreise ist, nicht mithelfen lasse.

Und schon kommen die Schuldgefühle ins Spiel. Und lassen mich mein Kind anzicken, dass es jetzt wohl im Schlafanzug das Haus verlassen muss. Was es natürlich nicht tut. Weil ich sie schnell mit irgendwas anziehe, unter lautstarkem Protest ins Auto setze und anschnalle. Schlimmer geht`s kaum. Kleiner Kollateralschaden? Aber nur so, kommen die zwei großen Kinder noch pünktlich vor acht in der Schule an.

Ich hätte im Auto schon losheulen können. Was hätte ich nur gemacht, müsste ich sofort irgendwo an die Arbeit fahren? Durcheinander wie ich bin. Ihr Mütter, die das nach so einem Morgen müssen: Ihr habt mein tiefstes Mitgefühl und vollsten Respekt.

Doch auch ich musste die Vierjährige im Anschluss in der Kita zurücklassen. Nicht nur des Prinzips und des Nicht-nachgebens Willen. Nein, weil auch ich etwas tun muss! Alleine! Ohne Kinderlärm. Ich habe neue Projekte begonnen. Die Sache mit dem Kindergarten- und Schul-Englisch. Was ich so gerne machen möchte. Dinge, die aber auch der Vorbereitung und Einarbeitung bedürfen. Am PC. Alleine und konzentriert.

Und schon ist es auch hier wieder präsent. Das schlechte Gewissen. Muss das jetzt sein? Hätten solche Projekte nicht noch Zeit? Da müssen die Kinder doch zurückstecken. Ist ja fast wie arbeiten gehen…

Die Bügelwäsche wartet zusätzlich, das Haus muss geputzt werden, der Großeinkauf erledigt. Alles Aufgaben, die ich ohne meine Kinder machen möchte. Damit ich später wieder für diese Zeit habe. Denn am Nachmittag möchte ich für die Kinder da sein. Bedingungslos. So ist zumindest der Plan. Klappt leider nicht immer, denn auch die Kurse finden mal Nachmittags statt und der Haushalt fragt auch nicht welche Tageszeit gerade ist.

Spülmaschine ausleeren oder einen weiteren Papierdrachen mit der Kleinsten basteln? Schon wieder ein schlechtes „Mini-Gewissen“.

Fakt ist, wir Mütter leben doch von einem schlechtem Gewissen und einem „Wenn-erst-mal“-Gedanken zum anderen. Seien wir ehrlich!
Unfähig das Hier und Jetzt mit unseren Kindern in vollen Zügen zu genießen.

Irgendetwas ist doch immer da, das uns belastet und zum Nachdenken zwingt.
Das kann unmöglich nur bei mir so sein! Und wir sind so blöd! Später werden wir es bereuen, das steht jetzt schon fest. Dass wir uns von dem verdammten Gewissen manchmal jeden Raum für Fröhlichkeit, für das Unbeschwerte nehmen lassen.

„Ich schaukele hier am Spielplatz mit der Vierjährigen? Aber ich müsste doch jetzt noch… Eigentlich sollte ich jetzt stattdessen….Hab ich nicht dem Großen versprochen….“

Das hört nie auf! Gerade mit mehreren Kindern. Ich kann es also drehen und wenden, das Gewissen ist immer da.

Und erst diese dämlichen „Wenn erstmal, dann….“ Gedanken. Das fängt schon direkt nach der Geburt an. Diese gut gemeinten, aber dummen, Ratschläge von allen Seiten! Die wir uns dann selber einreden. Die aber gar nicht nötig sind!
„Wenn erstmal die Drei-Monats-Koliken rum sind, wird alles besser“, „Wenn das Kind erstmal krabbeln, sitzen, laufen kann wird es einfacher“,“Wenn das Kind erstmal im Kindergarten ist“.

Wollen wir wirklich immer auf den nächsten „Wenn-erst-Moment“ warten? Uns von einem zum anderen hangeln? Hinterher hetzen? Versuchen den neuen Moment so schnell wie möglich zu erreichen? Und dabei das Hier und Jetzt ganz aus den Augen verlieren!
Was, wenn dieser angeblich „bessere“ Moment, aus welchen Gründen auch immer, nie kommen kann!
Was hätten wir dann wieder für ein furchtbar schlechtes Gewissen die vergangene Zeit nicht genossen und ausgekostet zu haben!?

Es wird auch jetzt noch ein Weilchen dauern, bis ich mich beruhigt habe. Bis ich alle Gedanken sortiert und diesen miesen Start in den Tag reflektiert und verarbeitet habe.

Ich glaube, da hilft jetzt nur eins. Tränen abwischen, Hirn aus! Und F… you Du blödes Gewissen, Sch… auf Euch Ihr Schuldgefühle. Zum Teufel mit Euch „Wenn erstmal,dann…“ Gedanken.

Es ist schön!So wie es gerade ist! Mit allen Pannen, Fehlern und Stolpersteinen! Irgendwie machen wir (zumindest die meisten von uns) doch letztendlich intuitiv fast alles richtig. Und unsere Kinder verzeihen und lieben uns. Das zeigen sie uns jeden einzelnen Tag! Wir müssen nur genau hinschauen, einen Tacken ruhiger werden und sollten einfach dankbar dafür sein!

Ich hatte mich übrigens schon im Auto wieder mit der Kleinsten „vertragen“. Denn das ist wichtig! Nachdem alle in der Schule angekommen waren. Dann habe ich sie auf meinen Schoß gezogen und mich entschuldigt. Fürs Anmeckern. Für die Hektik. Wir haben geschmust und Tränen getrocknet. Auch wenn die vereinzelt im Kindergarten nochmal kamen. Für den Moment war alles gut. Im Auto war kein „Wenn-erstmal“ Gedanke nötig und auch kein schlechtes Gewissen mehr. Für diesen Moment war beides weg.

Und so sollte es eigentlich immer sein. Denn fröhlich und unbeschwert? Mit den Kindern herumalbern und spielen? Geht nur wenn es Mutti gelingt dem Grübelmonster ordentlich eins auf die Mütze zu geben!

Aber das wird mir nachher gelingen! Ganz sicher! Und neuen Mutes beiße ich in das – leicht salzig schmeckende – Marmeladenbrötchen.


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