Ich, der Avatar

Es wird mir nicht leicht gemacht. Mein Vorhaben. Viermal habe ich bereits gefrustet auf die Auflegen-Taste gedrückt, um zwei Sekunden später die Wahlwiederholung zu betätigen. Ich hasse so etwas und spätestens nach dem fünften Versuch gebe ich auf und schmeiße das Küchen-Handtuch. Meist angekotzt für mehrere Monate. Denn schließlich geht es ja nicht um den schutzbedürftigen und fürsorglich-vorsorglich zu pflegenden Nachwuchs, sondern einfach nur um mich. Und da bin ich nachlässig.

Zugegebenermaßen: Meine eigene Gesundheit ist mir nicht ganz so wichtig. Dabei sollte sie es sein! Gerade wegen der drei Kinder! Ich muss noch durchhalten, bis das letzte volljährig ist! So nüchtern und makaber das auch klingen mag. Also reiße ich mich erneut zusammen und drücke auf Wiederholen. Ich brauche jetzt diesen Termin! Ich muss das jetzt endlich mal angehen! Habe ich doch dieses meine Schicksal tagtäglich im eigenen Spiegelbild vor Augen. Es zu ignorieren, nun das fällt auch nur mir leicht! Ein motziges, trotziges, rebellisches Ignorieren wohlgemerkt! Und ein womöglich ungesundes noch dazu. Aber dazu gleich.

Abermals ertönt die freundliche Stimme des Anrufbeantworters. Ihr wisst schon: „Derzeit sind alle Mitarbeiter im Gespräch, bitte rufen Sie später nocheinmal an.“
Bla Bla Bla.

Verblüffenderweise ertönt jene Ansage in den verschiedensten Variationen und Tonlagen, fällt mir nun beim fünften Versuch auf. Wer macht so etwas?
Die Anrufbeantworter-Ansage abwandeln? Der Inhalt stimmt noch immer, ich bin das arme Schwein, das nicht an den Scheiß-Termin rankommt. Aber ich bekomme jenen Inhalt jedes Mal wieder hübsch anders verpackt.

Und kennt Ihr diese schreckliche Wartemusik wenn man bei diversen Arztpraxen anruft?

Wenngleich hier von Musik nicht die Rede sein kann. Was soll das sein? Gehirnwäsche? Kennt Ihr diese komische „Treppenmusik“? So nenne ich sie jedenfalls. Hört sich immer so an, als läuft ’ne Tussi eiligen Schrittes mit ihren hohen Hacken die Treppe hinauf, meinetwegen auch hinunter. Akkustisch dazu untermalt von leicht-luftigem Frühlings-Geträllere!
Boah! Ich könnte jedes Mal vor Zorn das Telefon gegen die Wand klatschen! Leute! Lasst Euch etwas Besseres einfallen! Nun, das hat man ja hier offensichtlich versucht! 😉
Denn jetzt werde ich immerhin mit „Liebe Patienten“ angesprochen, die A-Karte halte ich aber noch immer in der Hand.

Dabei schiebe ich Panik. Mal wieder.
So ist das nun einmal bei mir. Schwarz-Weiß-Denken. Mal ist mir mein „Schicksal“ wurscht, an wiederum anderen Tagen sehe ich mich aber ganz knapp vorm Exitus.

Was mir solche Beschwerden macht?

Nun, mein Mann nennt mich liebevoll, doch drängend endlich etwas machen zu lassen, seinen „Avatar“. Wieder ein anderer nannte es eine Markierung. Dies sind noch die nettesten und einfühlsamsten Bezeichnungen.
Des öfteren höre ich vielmehr folgende -dramatisch hervor gestoßene- Ausrufe:

„O-H-M-E-I-N G-O-T-T!!! WAS hast DU denn gemacht?“
(insgeheim vermutlich denkend: WER hat DAS mit Dir gemacht?)

IIIIH!! WAS ist DAS denn!
(eine von Kindern bevorzugte Aussage, selbstverständlich lauthals ausgeschrien)

„Sieht eklig aus“
(Wieder Kinder, die ja nun mal von Natur aus grundehrlich sind!)

„Stirbst Du jetzt?“
(Auch Kinder. Herrgott! Mit dieser verdammten Ehrlichkeit! Scares the shit out of me!!!)

„Öhm…Sie haben da was“
(verhaltene Erwachsene)

„Oh! Dein Pulli hat ganz dolle abgefärbt!“
(blinde Erwachsene)

„Sie sollten mal zum Hautarzt gehen damit“
(kein Kommentar!) 😉

PicsArt_03-12-11.22.36Alles wegen eines angeborenen Hämangioms an meiner rechten Schulter.

Oder auf? Moment, ich google mal, um Euch die korrekte Platzierung am menschlichen Korpus nennen zu können. Hmm, finde Nix. Optisch zu sehen sitzt es über’m Schlüsselbein und am Nacken. Tschö! Kurzhaar-Frisur 😉
Geht jedoch innerlich bis weit unter’s Schlüsselbein wie ich erfahren durfte. Es ist blau, lila, relativ groß und anscheinend furchteinflössend. Für alle Anderen. Ganz gewiss. Und vielleicht macht es mich an dieser einen speziellen Stelle meines Körpers auch ein klein wenig ähm…weniger attraktiv. 😉
Doch lebe ich damit seit nunmehr fast vierzig Jahren! Es gehört nun mal so sehr zu mir, dass ich meist auf die oben genannten Aussagen selber zusammenzucke und mich frage, WAS genau denn jetzt passiert ist?
Habe ich mir Kaffee über’s Hemd geschüttet? Früher dachte ich die meinen einfach Baby-Kotze auf der Schulter.
„Ach! DAS!“ So meist meine erleichterte Reaktion.
„Das hab‘ ich doch schon immer!“

Und doch denke ich in letzter Zeit vermehrt über die Option „Loswerden“ nach.

Irgendwann. Wenn ich mich traue. Und wenn’s überhaupt geht. Nicht der Optik wegen! Doch ist es tatsächlich schlimmer geworden. In all den Jahren. Von Schwangerschaft zu Schwangerschaft, von Jahr zu Jahr, welches mich näher an die gruselige Vierzig bringt, ist es dunkler, intensiver geworden! Leider auch intensiver was etwaige Schmerzen und Ängste betrifft.

Ja, ich habe mittlerweile Probleme damit! Beschwerden, welche die Lebensqualität einschränken! Ich kann beispielsweise Nachts nur auf einer Seite schlafen, weil’s dick wird und schmerzt. Ich vergleiche es gerne mit Krampfadern. Schmerz nach intensivem Sport oder übergroßer Hitze. Und es macht mir mittlerweile ernsthaft Angst! Was wird in zwanzig Jahren sein? Was ist, verletzte ich mich einmal genau an dieser Stelle? Ich würde womöglich verbluten?!

So ist es eigentlich meine Verantwortung, als Mutter und auch mir gegenüber endlich Transparenz zu schaffen. Informationen und Optionen einzusammeln. Möglichkeiten und Risiken abzuwägen und zu entscheiden! Statt hier nur davon zu schreiben. 😉

Letztendlich komme ich doch noch zu meinem Termin zur Besprechung des Thorax-MRT. Warum nennen die das jetzt eigentlich Thorax MRT? Geht das nicht definierter, lokaler? Jenes MRT jedenfalls, welches ich bereits im August (!) über mich ergehen ließ, um im direkten Anschluss danach völlig entmutigt die CD mit den Aufnahmen in meine Handtasche zu stecken. Um sie bis zum heutigen Tage darin herumzuschleppen.

Ich hatte mir dort, vor Ort, schon Informationen versprochen. Doch war die Antwort zugleich ernüchternd und gemäß meinen Erwartungen.Die Kurzfassung: Selbst das MRT konnte nicht klären, ob eine Verbindung zum Blutkreislauf besteht oder nicht. Ist’s nicht immer damit verbunden? (Das jedenfalls wollte mein Gefäßchirurg geklärt haben). Das Ding is‘ groß nach innen und sitzt tief und keiner kennt sich damit so richtig aus. Punkt! Einzige Aufmunterung: Freundlicherweise geht’s unterm Schlüsselbein knapp am Bewegungsapparat/Muskeln vorbei. Meinen Arm kann ich ja bekanntlich noch bewegen. Noch. Yeah!

Wer mich kennt weiß, dass nach solchen Erlebnissen jetzt das Schwarz-Denken wieder einsetzt und umkreist von düsteren Gedanken mache ich mir wenig Hoffnung, dass nun der Gefäßchirurg aus eben jenem MRT Schlüsse ziehen kann. Ich weiß, so etwas nennt man Vorverurteilung, Pessimismus und selbsterfüllende Prophezeiung zugleich!

Nun, Ende Mai werde ich vielleicht mehr zu berichten haben. Denn dann erst ist der Termin! (Geht’s noch!?) Sollte ich bis dahin noch leben oder mir nicht vielleicht woanders eine Zweitmeinung besorgt haben. Habe ich eigentlich schon von meinen Hang zum Hypochondrischen, verbunden jedoch mit einem nicht-selbst-zum-Arzt-gehenden-Scheuklappen-Verhalten berichtet? Gefährliche Mischung 😉

Welche Beschwerden habt Ihr, um die Ihr Euch gerade als Mutter dringend kümmern müsstet, dies aber sträflich vernachlässigt? Berichtet gerne hier davon, dann muss ich mich nicht so alleine fühlen! 😉

Ebenfalls gerne dürft Ihr mich hier an dieser Stelle auch offiziell in den Arsch treten! Damit ich eben diesen hochbekomme und endlich etwas versuchen lasse!

Eure

Alex

2 Gedanken zu “Ich, der Avatar

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