40 Minuten ein Egoist sein: Wenn Laufen glücklich macht

Ich muss jetzt mal egoistisch sein. Am frühen Mittwoch-Morgen muss ich jetzt auch mal kurzzeitig zu allen Pflichtgedanken, allen To-Dos der restlichen Woche “Nein!“ sagen. Das entscheide ich gerade hier und jetzt.

Wir Mütter schreiben so viel von Selbstfürsorge und Selbstachtung aber nehmen uns nie die Zeit für uns, für das was uns ganz alleine glücklich macht. Weil immer andere Dinge wichtig sind. Versprechen, Verpflichtungen, Aufgaben, vom eigenen Gewissen auferlegte Notwendigkeiten. Jetzt reicht’s mir! Hier und jetzt, in diesem Moment als mir die Frühjahrssonne, die aber vielmehr eine frostige Heuchlerin ist, direkt auf die Nasenspitze scheint und ganz scheinheilig winzig kleine funkelnde Eiskristalle in den Schnee zaubert. Jetzt hat sie mich! Die Sonne! Jetzt denke ich mal an mich!

Und während ich die Kleinste den „Berg“ zum Kindergarten hinauf schiebe, wird mein Vorhaben noch durch einen Kommentar einer an uns vorbei laufenden Mutter bestärkt. Sie meinte, bei der Kälte würde sie auch nicht laufen wollen.

Doch! Genau das will ich jetzt tun! Laufen!
Ich werde jetzt alles, aber auch alles (!),  zu Hause liegen lassen, mich in meine knallenge Thermo-Laufhose quetschen und laufen gehen! Und es ist mir gerade egal, wie sehr ich gestern auf diese lächerliche Liebschaft zwischen der hinterhältigen Frau Holle und dem knochigen Väterchen Frost geschimpft habe. Heute zeigt sich diese ungesunde Beziehung immerhin von ihrer allerschönsten und sonnigsten Seite! 😉

Um 11 Uhr muss ich eine Kollegin im Kindergarten vertreten. 45 Minuten Kindergarten-Englisch für zwei Handvoll Vier-bis Fünfjährige. Ich habe bereitwillig zugesagt, ich mache es auch gerne. Aber es ist wieder etwas, das ich für Andere und nicht für mich tue. Ich brauche jetzt einfach mal das Gefühl, mir selbst einen Gefallen zu tun! Und wenn es bedeutet, bei 5 Grad unter Null um den See zu keuchen, dann sei es drum!
Ganz davon abgesehen brauche ich manchmal das Gefühl, dass mich die ganze Welt mal für diese vierzig Minuten am allerwertesten Hinterteil lecken kann. Ohne jetzt wieder gleich primitiv werden zu wollen 😉

Zum Glück habe ich die Vertretungsstunde bereits um Mitternacht vorbereitet, stelle ich erleichtert fest. Ich hätte sonst nicht ruhig schlafen können. Das muss ich also schon mal nicht mehr heute Morgen erledigen.
Ich könnte mich jetzt allerdings auch depressiv auf die Couch legen, die Decke über’n Kopf. Wäre auch Zeit für mich und hätte auch etwas von „Ihr könnt mich alle mal“. Nah! Ich verspreche mir eine traumhafte Runde um den See. Ganz alleine, allen Gedanken und Menschen davon laufen. Nur ich, die Eiskristalle und die Musik.

Zehn Minuten später bereue ich für einen klitzekleinen  Moment meine „schwachsinnige“ Idee.
Die Nase tropft, die Finger schmerzen trotz Laufhandschuhe und statt der gewünschten motivierenden Musik ertönt das “Küken aus’m  Radio“ durch die Kopfhörer. What!?
„Im Radio ist ein Küken, im Radio ist ein Küken…trallala, trallala, trallallala….“
Geht’s noch? Ich muss unbedingt meine Spotify Bibliothek aufräumen und Kinderlieder strikt von meinen Songs trennen!

Es ist ziemlich rutschig, stelle ich fest. Nun rächt sich, dass ich zu geizig war, mir auch noch Winter-Laufschuhe zuzulegen. Diese Crossdinger – braucht man die wirklich? So wird mein Lauf trotz Werktag zum Hindernis-Lauf. Nicht der Sonntags-Spazierer und Rentner wegen, aber aufgrund der heimtückisch unter’m Schnee versteckten Eispfützen.

PicsArt_03-21-12.25.08Aber die frische Luft, die wie immer nach den ersten zehn Minuten nicht mehr ganz so eisig ist, und der tiefblaue Himmel entschädigen für alles!
Yes! Richtige Entscheidung getroffen. Gut gemacht, Mutti!

Langsam komme ich in den geliebten Flow, das monotone „lauf, lauf, lauf“ welches alle negativen Gedanken und Pflichtgefühle Anderer gegenüber ausschaltet! Mutter ist mal kurz nicht da und erreichbar! Ich komme jetzt einfach mal nicht an letzter Stelle, spätabends auf dem Crosstrainer, wenn alle anderen endlich eingeschlafen sind. Und insgeheim freue ich mich gerade auch darüber tierisch: Ich muss heute Abend nicht mehr trainieren! Haken ist schon dran, vielleicht kann ich ja wirklich mal faul vor der Glotze hängen!?

Für einen Augenblick  fühle ich mich wie im Skiurlaub.
Ich bin warm, die Laufhandschuhe sind mittlerweile so was von überflüssig und die Wangen glühen. Im Radio sagten sie, man könne sich jetzt schon einen Sonnenbrand holen. Nun, gegen ein wenig Farbe in der eigenen Visage hätte ich jetzt nix einzuwenden. Der Rest ist ja in schicker Multi-Funktions-Sportbekleidung eingepackt 😉

Kurz vorm Auto muss ich dringend auf Toilette. Jetzt rächt sich der morgendliche Kaffee. Sicher gelingt es mir alles bei mir zu behalten. Trotz der drei Kinder, überlegt nicht erst!! Beim Laufen aber trotzdem keine nette Erfahrung 😉

Fast ein bisschen zu schnell geht sie mir heute vorüber meine Runde um den See.
Aber ich bin glücklich! Glücklich darüber, die richtige Entscheidung getroffen zu haben und mich mal an (fast) erste Stelle gesetzt zu haben. Jetzt kann ich ausgepowert und friedlich Vertretungsunterricht geben, ein Gastkind heute Mittag mit nach Hause nehmen, Geschwister-Streitigkeiten schlichten, Hausaufgaben kontrollieren und für Arbeiten lernen, meinen eigenen Kurs für morgen vorbereiten und ganz nebenbei noch den blöden, liegen gelassenen Haushalt wuppen!

Und ein Wort zum Schluss, @lieber Seppo, falls Du das lesen solltest:
Läufer sind gewiss die besseren Menschen! Ein Narr, wer das anzweifelt! Weil wir nämlich glücklicher sind!
Und in unseren engen Laufhosen tatsächlich aber auch verdammt sexy aussehen! 😉

Sportlich entspannte Grüße!

Eure

 

Alex

 

 


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