Mutti’s Bedtime-Stories: Walpurgisnacht Teil 1

Schon seit einer Weile spiele ich mit dem Gedanken, hier auf meinem Blog eine neue, weitere Kategorie einzuführen. Denn hin und wieder muss Mutti auch einmal etwas ganz Neues, Anderes wagen und schreiben und ihrer Phantasie freien Lauf lassen. Ich würde gerne in regelmäßigen Abständen eine selbst erfundene und geschriebene Gute-Nacht-Geschichte veröffentlichen. Märchen und Geschichten für Kinder. Erzählungen, die Mut machen und zur Phantasie-Reise einladen. Gerne zum Vorlesen oder auch selbst lesen. Und inspiriert von der gestrigen Walpurgis-Nacht, darf ich Euch hier also Teil 1 meiner allerersten „Bedtime-Story“ präsentieren 🙂 (Geeignet ist diese meiner Meinung nach für Kinder von 9-10 Jahren) : 

Schon den ganzen Tag über verhält sie sich so seltsam, dachte Lissy.
Irgendwie nervöser und zappeliger. Noch viel mehr, als sie es üblicherweise ist.
Denn eigentlich sind Mütter doch immer ein klein wenig nervig und so furchtbar anstrengend!
Ständig sollen Kinder helfen und alles machen. Immer die Teller abräumen, die Schuhe ordentlich zur Seite stellen und sofort Hausaufgaben machen.
Und immer müssen die Mamas so schrecklich erwachsen und streng sein!
„Es ist fast schon ein bisschen verhext, oder?“, flüssterte Lissy leise zu sich selbst.

Warum also sollte Lissy’s Mutter, Annegret Nadelholz, da anders sein?
Nein, das ist sie ganz und gar nicht, da ist sich Lissy sicher.
Und heute, ja heute ist Frau Nadelholz ganz besonders eigenartig.

Das fing schon beim Mittagessen an.
Als Lissy von der knochigen und hageren Frau Krummfinger erzählten wollte.
IMG_20180501_144425411Der Mathe-Lehrerin. Sie hatte immer diese verkniffenen Mundwinkel, die so herunter hingen. Fast so wie beim Nussknacker von Oma, der miesepetrig vor sich hin starrend in deren Regal steht. Die grauen Haare der Lehrerin sind stets streng zu einem langweiligen Dutt zurück gebunden und die Bluse bis zum Halse hinauf zugeknöpft.
Vielleicht kam daher die schrille durchdringliche Stimme der betagten Dame?
Vielleicht war es die Atemnot, die der großen, schlacksigen Frau jeden Sinn für Humor nahm und scheinbar keinen Raum für Freude mehr ließ?

Doch zum Erzählen kam Lissy, die eigentlich Lieselotte heißt, nicht mehr.
„Mist! Verfluchter!“ und mit einem riesigen Platsch landete der Salzstreuer mitten im Suppentopf. Er war den zittrigen Händen der aufgeregten Mutter irgendwie entglitten. Tropfen plumpsten von der Decke und ein klitzekleiner Rinnsal giftgrüne Erbsensuppe bahnte sich seinen Weg über Lissy’s Auge.
„Warum nur ist die heute so eigenartig?“ dachte sie sich.

Nach den Hausaufgaben war Mama Nadelholz auf einmal ganz verschwunden.
Es schepperte und klirrte in der Garage, als würde eine wild gewordene Herde Ziegen Samba zwischen all den Regalen mit Farbeimern und alten Leitern, Gartengeräten und Kisten tanzen. Für ein Auto war hier schon lange kein Platz mehr.
Und eigentlich war es sonst Mama immer, die Lissy mit einem kleinen überaus aufgeregten Zicklein verglich.

Es fühlte sich an, als hätte ihre Mutter Stunden in der alten Garage neben dem noch älteren, von vielen knorrigen Apfelbäumen umringten, Haus verbracht.
Als sie schließlich mit zerzausten Haaren aber selig lächelnd endlich wieder heraus kam.

„Gefunden!“ rief sie freudestrahlend, um für den Rest des Nachmittags eben jenes wilde Gewühle im Schlafgemach der Eltern fortzusetzen. Irgendetwas suchte sie dort schon wieder.

Einige Zeit später, es war mittlerweile längst Abend geworden, wurde Lissy vom lauten Knarzen der alten Dielen geweckt und fuhr erschrocken in ihrem Bettchen hoch.
IMG_20180501_170707860Sie hatte gerade von Frau Sanftmut geträumt, der unscheinbaren aber so liebenswerten Verkäuferin bei Metzger Hinkelbein. Immer schaute die beschämt und schüchtern nach unten, betrat der liebe Herr Strahlemann den Laden. Das hatte Lizzy schon oft beobachtet. Hochroten Kopfes und mit zartbeseiteter, wackliger Stimme reichte sie ihm die zwei Suppenwürstchen (er kaufte immer zwei Suppenwürstchen) um dem kleinen Männlein (er war bestimmt zwei Meter kürzer als  Fräulein Sanftmut) so lange hinterher zu starren, bis er hinter der Ecke beim Änderungsschneider Messerschmidt verschwand.
Erwachsensein muss schon manchmal blöd sein, dachte sich Lissy in einem solchen Moment immer.

Das Knarzen der Dielen hielt an und hinderte Lissy daran, wieder einzuschlafen.
Das alte Haus hat ein großes, warmes Herz. „Es lebt und atmet“, pflegt Mama stets zu sagen, wenn Lissy mal wieder fragt, warum es unbedingt dieses Haus damals sein musste.
„Es hat einen ganz besonderen Zauber, den Du eines Tages noch verstehen wirst.“
Nun, jetzt gerade wünschte sich Lissy, es würde diesen unheimlich knarzenden Zauber nicht geben.

Still und leise schlich sie sich aus dem Bettchen, um nachzusehen, was da am Flur vor sich ging.
Da war Mama. Und sah so komisch aus. Sie trug ein langes, schwarzes Gewand in bester Spitze. Eng und wunderschön und doch so geheimnisvoll zugleich. Fast schien es als schwebte sie die Treppe herunter, so beschwingt und voller Leichtigkeit näherte sie sich der alten schweren Holztüre des kleinen Häuschens.
Vorsichtig durch den Türspalt spähend versuchte Lissy, dem Vorhaben der Mutter zu folgen. Wo wollte sie jetzt noch hin? Papa lag doch bereits tief und fest vor sich hin schnaubend im Elternbett!

IMG_20180501_170711765Jetzt rumpelte es schon wieder in der Garage und angestrengt keuchend zerrte Mama einen großen, schweren Reisigbesen aus der dunkelsten Ecke des Schuppens.
Wollte sie jetzt kehren? Wie verrückt ist das denn, so ganz in der Dunkelheit?!

Nun, Ihr könnt Euch vorstellen, wie es sich anfühlen muss, die eigene Mutter kurze Zeit darauf auf einem Besen mit flatterndem Gewand gen Himmel steigen und davon fliegen zu sehen!
Der Vollmond hüllte alles in silberfarbenes Licht und ließ die urigen verschlungenen Bäume nahezu lebendig wirken, als Mutter’s Silhouette am Horizont auftauchte.

Just in diesem Moment erinnerte sich Lizzy an eine Gute-Nacht-Geschichte, die ihr die Mutter immer erzählte, als sie noch viel kleiner war.
Sie handelte vom Zauber der Nacht. Einer ganz besonderen Nacht. Welche es nur einmal im Jahr geben würde: Die Walpurgis-Nacht.
In eben jener Nacht, so hieß es, würde aus jedem Menschen etwas ganz Besonderes werden, sofern er es denn wöllte. Mütter würden zu fabelhaften Zauberfeen oder machtvollen Magierinnen, ganz wie sie es sich herbei wünschten.
Dies alles würde an einem geheimen Ort geschehen. Auf einer Lichtung, tief versteckt in den Wäldern.

Sollte dieses Märchen nun wirklich wahr werden?

…to be continued….

(hier geht’s direkt zu Teil 2)

 

 


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