Mutti’s Bedtime-Stories: Walpurgisnacht Teil 2

Teil 2 (Teil 1 meiner Geschichte findet ihr hier)

In eben jenem alten überlieferten Märchen hieß es ebenfalls, dass auch die Töchter der „Hexen“ in dieser einen besonderen Nacht die Fähigkeit zum Reiten von Besen unterschiedlichster Art erlernen könnten.

Siedend heiß fiel Lissy sofort der kleine Kinderbesen im Wohnzimmer ein. Der – seit Monaten ungeachtet – in der Ecke neben dem Kaufmanns-Laden liegt und von der Mutter längst entsorgt werden sollte. Doch aus irgendwelchen Gründen konnte Lissy sich nicht von ihm trennen.
Mit wackligen Knien und zittrigen Händen schlich sie barfüßig und in ihrem weißen Nachthemdchen über den alten Holzfussboden.

Er fühlte sich heute irgendwie anders an in ihrer Hand. Der Besen.
Schwerer, widerspenstiger. Und als wollte er sie dazu einladen, zog er sie nach draußen vor die Türe. Kaum dort angelangt, fing der Besen an unruhig hin und her zu schwanken. Ganz von alleine, wie von Zauberhand.

Mutter hatte immer gesagt, dass Lissy alles kann, wenn sie nur mutig genug ist und es denn auch wirklich will. Und so setzte sie sich beherzt mit einem Schwung auf den kleinen alten Kinderbesen und… schwirrte durch die Lüfte!

Die Haare flatterten heftigst im Wind und die Lichter der Stadt funkelten winzig klein unter ihren nackten Füßen. Fast schien es ihr, als wolle ihr der große helle Mond heute sanft aufmunternd zulächeln, als sie über die Tannenspitzen des Forstes sauste. Offensichtlich schien der Besen seinen Weg ganz genau zu kennen.
Es dauerte nicht lange, da entdeckte Lissy ein helles Leuchten in der Ferne.

IMG_20180501_144734213Ein großes Feuer brannte auf einer Lichtung und ringsherum war emsiges Treiben.
Lautes Gelächter und wilder Gesang ertönte und es roch süßlich nach Wein und Kuchen. Lizzy traute sich kaum zu atmen, aus Angst mit ihrem Besen entdeckt zu werden. Niemals dürfte Mama sie hier finden. Sie landete schließlich im Dickicht, in welchem sie sich schnell versteckte und aus sicherer Entfernung den fröhlichen Trubel beobachten konnte. Streng und angespannt war hier nun niemand mehr.

Da! Da drüben war die knochige-dürre Frau Krummfinger!
Mit wehenden wildgelockten, offenen Haaren und breitem Grinsen drehte sie selbstvergessen ihre Kreise rund um’s große Feuer.
Ihr Gewandt flatterte dabei und streifte gefährlich nahe die sprühenden Funken.
Nicht weniger funkelten die Augen der sonst so strengen Lehrerin!
Sie war glücklich und gelöst, fast wie von einem geheimen Zauber verhext.

Und ganz da hinten, ja da sah Lissy das schüchterne Fräulein Sanftmut.
Das so gar nicht mehr unscheinbar wirkte. Nein! Ihr Gewand glitzerte und strahlte schöner als jedes Andere. Ihr Gesang war lauter, heller und klangvoller als der all der anderen Frauen.
Oder waren es tatsächlich Hexen? War die eigene Mutter etwa eine Hexe?

IMG_20180501_170645374Aber sind diese Wesen nicht immer böse und schrecklich, bringen Leid und Sorge?
Das hier aber war so ganz anders!
Es schien ein Ort zu sein, der Sorgen und Ängste vergessen werden lässt.
Ein Ort, an dem jeder sein kann, was er denn möchte.
Ein Ort zum Glücklichsein und Vergessen.
Nur für diese eine Nacht!

Auch Mama sah wunderschön aus.
Feen-gleich schwebte sie um die lodernden Flammen und trank vom süßen Wein.
Es schien ein magischer Ort. Als wolle er zeigen, dass jeder Mensch etwas ganz Besonderes ist. Man muss es nur aus eben diesem Menschen herauskitzeln und das Schöne und Gute im Menschen entdecken!

Mama sagte immer zu Lissy auch sie sei etwas ganz Besonderes. Für gewöhnlich wollte sie das nicht hören, hielt sich manchmal sogar trotzig die Ohren zu.
Solch einen Erwachsenen-Blödsinn musste ihr nun wirklich niemand erzählen.

Doch nun stand sie da, im Dickicht und begriff genau in diesem Moment:
Ganz gleich ob Feen, Hexen oder Zauberinnen oder einfach nur Mama und Tochter. Jeder Mensch hat seinen eigenen Zauber und ist wertvoll und kostbar. Jeder Mensch hat etwas, das ihn glücklich macht, antreibt und bewegt!
Und jedes Kind ist etwas wundervolles und ein einzigartiges Geschenk!
Das sogar hoch oben auf einem Besen durch die Lüfte fliegen kann, wenn es nur ganz stark daran glaubt und dies wirklich möchte!

„Lissy!!!“ Mama stand in ihrem löchrigen grauen T-Shirt und mit zerzauselten Haaren im Türrahmen.
Die Augen noch ganz klein zugekniffen und die Stirn in Falten gelegt.
„Du kommst viel zu spät zur Schule!“

Verwundert blickte sich das kleine Mädchen um. Sollte sie das alles nur geträumt haben? War der Zauber der Walpurgisnacht tatsächlich nur ein Märchen?
Werden jetzt gleich ALLE wieder die Alten sein?
Frau Krummfinger mit dem kühlen Blick, das arme Fräulein Sanftmut mit der unerfüllten Liebe?

Mama drehte sich um und huschte eiligen Schrittes in Richtung Badezimmer, als etwas kleines Grünes aus ihren Haaren auf den Boden fiel. Fast hätte Lissy es gar nicht bemerkt. Was es war? Es war eine winzig-kleine, fast unscheinbare Tannennadel.

Aber für Lissy war es das schönste Geschenk und Zeichen, welches ein noch so junger Morgen ihr bescheren konnte!

 

 

 


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