You‘ve got Mail 2.0: Die Lizenz

Also ich bin ja ein klein wenig enttäuscht. Von Nathalie (* Name von der Autorin geändert). Nathalie, der ich monatelang die herzallerliebsten Mails geschickt habe. Die adrette Dame in Stoffhose und Mahagoni-Tönung, mit dem schweren Parfum und den Gesundheits-Sandalen. Die stets höfliche Amerikanerin mittleren Alters, die mich und meine Arbeit immer in den höchsten Tönen gelobt hat.

Die Nathalie, welche ich eigentlich noch nie zu Gesicht bekommen habe und deren äußeres Erscheinungsbild von daher hauptsächlich auf meiner lebhaften Phantasie beruht und lediglich von einem Profil-Foto abgeleitet wird! Jene Frau, wegen der teilweise meine eigenen Kinder zurückstecken mussten! Und dieser Punkt ärgert mich im Nachhinein wirklich ein klein wenig. Wo wir wieder bei den mütterlichen Schuldgefühlen angelangt wären! 

Was habe ich mich in’s Zeug gelegt. Monatelang!

Nie hätte ich gedacht, dass ich in meinem „späten“ Alter als Mehrfach-Mutti noch einmal würde „studieren“ müssen. Schließlich habe ich mich nun mehrere Monate, nahezu Tag für Tag in die „University“ und in den „Online-Classroom“ eingeloggt.

Mit rauchendem Kopf habe ich Online-Präsentationen gesichtet, folgte und beurteilte Video-Aufnahmen, „drehte“ selbst, beantwortete Quizfragen und beteiligte mich eifrig und gewohnt ausschweifend in Online-Diskussionsforen. Und frischte ganz nebenbei meine Englisch-Fähigkeiten wieder auf! Und ich muss zugeben, ich bin dabei (fast) ein klein wenig an meine Grenzen gestoßen! Habt Ihr eine Vorstellung davon, wie schwer es ist mit Kindern im Haus zu lernen!?

Nope! Hatte Nathalie auch nicht. Sie wollte mehr von mir. Immer mehr! Und ich habe geliefert und offensichtlich gute Leistung erbracht.

Und da halte ich ihn in der Hand. Den lapprigen Zettel.

PicsArt_06-14-02.42.55Den Wisch, der den Toiletten-Feuchttüchern alle Ehre machen könnte! Ein selbst ausgedrucktes dünnes Blatt Papier, mit dem ich mir ebenso gut den Allerwertesten hätte eben abwischen können! Selbstausgedruckt! Mit blau-verzogenem Streifen zwecks halb-leerer Druckerpatrone! Pah!

Für einen kurzen Moment überlege ich, meiner Enttäuschung Luft zu machen und die Lizenz demonstrativ in tausend Schnipsel zu zerreißen! Hah! Was wäre das herrlich! Weil ich’s schließlich kann!
Ich würde sowieso zehn Minuten später wieder zum Drucker hechten, kann ja ebenfalls schließlich jederzeit wieder selbst ausdrucken!

Aber was hatte ich denn erwartet?

Nun, ich wollte Blumen! Noch mehr von Nathalies Lob und vielleicht eine nette Ansprache mit Sektflöte in der Hand. DAS wäre nett und der feierlichen Übergabe einer Lizenz gebührend gewesen. Vielleicht noch ein netter Zeitungs-Text mit einem Bildchen von mir. So wie damals bei der IHK-Fremdsprachenkorrespondenten-Prüfung. Aber das kann und darf ich hier nicht miteinander vergleichen! 😉

Schließlich hätte die feierliche Übergabe mit Pomp und Brimborium tausende Kilometer entfernt vom beschaulichen Städtchen in Hessen stattfinden müssen.

Aber selbstausgedruckt!? In Echt jetzt?

Und fast schon hat dies jetzt nun bei mir symbolische Wirkung.

Die ausgedruckte Enttäuschung in meiner Hand. Was habe ich da eigentlich monatelang gemacht!?
Nun, hätte ich die Bescheinigung mit der Post zugeschickt bekommen. Vielleicht noch aus festem Urkunden-Papier und mit einem glänzenden hübschen Siegel versehen. Ich würde mich nun in der Tat besser fühlen! Psychologisch wäre es geschickter gewesen! Zumal ich in der Tat monatlich eine fee zur Instand-Haltung der Lizenz zahlen muss!

„Herzlich willkommen in der Sekte!“ sagt da verschmitzt lächelnd der Gatte nunmehr zu mir. Und ein klitzekleines bisschen überlege ich, ob er nicht sogar Recht haben könnte. 😉

Aber wofür war’s nun gut gewesen?

Nun, die vergangenen Monate habe ich auch gemerkt, wie viel mir die Arbeit mit kleinen Kindern bedeutet!
Schließlich reden wir hier von einem pädagogisch ausgearbeiteten Programm zum Unterrichten kleiner Kinder! Ich habe erkannt, wie viel Spaß und Freude dies mir bereitet und wie viel ich von „meinen“ Kids zurückbekomme! Die Umarmung an der Türe, betrete ich die Kita ist so viel mehr wert als ein glänzendes Siegel!

Ich habe viel über die einzelnen Entwicklungsschritte von Babies und Kindern gelernt und nehme dadurch selbst bei meiner eigenen Kleinsten Dinge bewusster wahr!
Ich weiß nun, wie Kinder lernen und Informationen sowie Neues verarbeiten und was eine gute, abwechslungsreiche und vor allem prägende Unterrichtsstunde aus macht! Ich weiß wie wichtig eine gewisse Routine auch – oder gerade insbesondere-  beim Unterrichten von Kindern ist!
Ich habe singen gelernt und bin damit extrem über mich hinaus gewachsen! 😉

Sicher, diese eine Lizenz gilt nur für das Konzept der amerikanischen Firma für welche künftig unterrichtet wird. Aber es ist auch viel Allgemeines hängen geblieben!

Ich habe erkannt, dass Frau auch als Mehrfachmutter kurz vor der Vierzig durchaus noch in der Lage ist, Neues zu lernen.

Und komme mir gerade vor, als hätte das mit der Gehirnwäsche bereits funktioniert!
Während ich mir hier gerade die ganze getane Arbeit schön schreibe! 😉
Bald im Übrigen kaufe ich mir Tennissocken und beigefarbene Uni-Blusen!

Ich habe zudem erkannt, wie wichtig auch die Arbeit und Kommunikation mit den Müttern bzw. Eltern ist.

Wie bedeutsam es ist, diesen Lerninhalte verständlich und nachvollziehbar zu erläutern oder diese bei kleinen Kindern auch aktiv zur „Mitarbeit“ zu ermutigen.  An dieser Stelle einen lieben Gruß an alle Mitlesenden!  😉

Und auch wenn ich nun ein klein wenig enttäuscht bin, die Lobeshymnen ausblieben und selbst Gatte und Familie den feuchten Händedruck vergaßen, wage ich zu behaupten, dass man aus jeder Sache etwas für’s Leben lernen und mitnehmen kann! Auch wenn’s vielleicht Dinge und Erkenntnisse sind, was Frau nicht braucht oder anders tun würde!

Nachher stoße ich mit mir selber an!

Fahr gleich mal beim Discounter vorbei. Mit dem billigsten Sekt und dazugehöriger Flöte aus Wegwerf-Plastik. Muss ja schließlich für die horrende monatliche Gebühr sparen!

Aber auf Eines freue ich mich wirklich:
Auf die Arbeit mit den Kita-Kindern. Meine Abwechslung vom Mama-Alltag und das Gefühl vielleicht ein klein wenig bewegen zu können!

Ich hoffe, dem lapprigen Wisch nun künftig noch viel mehr Leben einhauchen zu dürfen und wer weiß, vielleicht schreib ich auch noch einmal Nathalie. Für’s Süssholz-Raspeln bedanken und so. Vielleicht lädt sie mich ja dann mal zum Grillen ein! 😉

Liebe Grüße!

Eure

Alex

 

 

 

 

 

 

 


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