Mutti pubertiert! Ein Abend mit Dr. Jan-Uwe Rogge

Ich befinde mich in der Pubertät!
Ja, richtig: ICH!
Nicht etwa „wir“, denn erstens war ich schon immer ein Befürworter sogenannter Ich-Botschaften, und zweitens meine ich tatsächlich meine werte, eigene Person.

Alexandra R. L. – genannt Alex – , geborene B., 39 Jahre, hochgewachsen, weiblich.
Denn eigentlich bin ich diejenige, die in letzter Zeit echt ab und an ganz schön am nicht mehr ganz so schnittigen und glänzenden Rädchen dreht! Ja, fast könnte ich mir mein derzeitiges Verhalten gar nicht anders erklären. Muss so sein!

Ich poste Stinkefinger-Bilder auf Instagram, räche mich in Wort und Text an meiner Jugend, stampfe bockig und hilflos unter Zornesröte mit dem Fuß – nur ganz knapp am garstigen Lego vorbei – und hau gerne auch mal hin und wieder mit der Faust auf den Tisch. So sehr, dass die Teller wackeln.
ICH bin diejenige, die himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt ist.
Denn aktuell scheinen im mütterlichen Gefühlsleben nur eben jene zwei Stimmungslagen vorzuherrschen. Ich himmele Menschen an, die ich nicht anhimmeln sollte, finde Andere wiederum umso blöder, schreibe und tue ab und an lächerliche Dinge, schmeiße Jobs hin und bin mir gelegentlich selbst nicht mehr lieb.
Muss die Seele streicheln mit hübschen Boots aus feinstem Leder oder rebellisch-dusteren Nieten-Tretern. 

Und möchte ein Tattoo!

Was nichts sonderlich Erwähnenswertes wäre, hätte ich nur noch nicht ein Einziges am eigenen Körper. Und würde nicht plötzlich diesen sonderlichen Wunsch hegen.
Jetzt! Kurz vor der Vierzig! Am Arm! Da wo’s auch wirklich jeder sehen kann!
Zeichen setzen und Gefühle ausleben! Schmerz und Liebe verdeutlichen!
Das will ich jetzt!
Und beneide dabei heimlich diejenigen, die schon eher auf den Trichter gekommen sind. Ganz ehrlich? Diese Ganz-Arm-Dinger? Find ich auf einmal meeega cool!

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Jep! Kommt also hin, was der „Jan-Uwe“ da gerade so behauptet.

Pardon! Ich meine selbstverständlich Herrn Dr. Jan-Uwe Rogge.
Doch überzeugt der Kerl gleich von Anfang an auf seine ganz eigene sympatische Art, dass dem ein oder Anderen am liebsten (natürlich nur versehentlich!) wirklich das Jan-Uwe oder „Du“ herausrutschen würde! 😉

Ich befinde mich also mitten in der dritten von insgesamt vier Pubertäten!

Denn die würde es laut Aussagen des renommierten Autors geben.
Vier! Und ich wage zu behaupten, die meine, also die zwischen 35 und 50 Jahren ist nicht minder schlimm, gelle? 😉
Jahrelang schob ich es auf die Hormone!
„PMS“, „Midlife-Crisis“ nennen wir’s beim anderen Geschlecht.
Jetzt hat der Sündenbock einen neuen Namen!
Ich pubertiere mal wieder! Wer kann da also schon ein vernünftiges, rationales Verhalten von der Mutti erwarten?
Die Welt steht Kopf, Mama sowieso und dann soll Frau perfekt funktionieren?

Und doch haben wir tatsächlich die Frechheit dies vom eigenen Nachwuchs zu verlangen!

Ich fühle mich dick, hässlich und meistens übermäßig prämenstruierend und mag mich an manchen Tagen am Liebsten in meiner dunklen Höhle verkriechen.
Wenn ich es denn als Muttertier nur könnte!

Nun, es gibt zwei Spezies, die das können:

Hummer! Und Menschen während ihrer zweiten Pubertät!

Sprich unsere Kinder im Alter von ca. 11 Jahren bis wann auch immer das wieder aufhört!
Und vielleicht ist’s ja auch ein bisschen der Neid, welcher nun gefühlt weit über hundert schnatternde Muttis hier in die Aula des Provinz-Gymnasiums geführt hat?
Weil wir die eigene Pubertät, Midlife-Crisis, prämentstruellen Syndrome oder anstehenden Wechseljahre nun einmal nicht so ausleben können, wie es sich der Nachwuchs gerade ungebremst erlaubt!
Wir erwarten nun Hilfe und Weisheiten, schlaue Ratschläge, das ultimative Handbuch zum Umgang pubertierender Teenager! Wir wollen gestärkt, selbstbewusst und voller neuem Tatendrang diesen Saal wieder verlassen! Jawohl!
Und lachen stattdessen Tränen.

Denn der nette, ältere Herr in Stoff-Schal und mit Brille hat überhaupt nicht die Absicht, uns hier nun einen staubig-trockenen „Ich-zeig-Euch-jetzt-wie’s-besser-geht-Vortrag“ zu halten. Der Mensch, dessen Bücher auch pro forma noch immer ungelesen im eigenen heimischen Wohnzimmer-Regal stehen, nimmt erst einmal die hier anwesenden Eltern unter die Lupe. Und reißt gleich zu Beginn einen Lacher nach dem Anderen, schließlich sei Erziehung auch Humor und Lachen!
Wisst schon, die Kiste, wenn man(n) trotzdem lacht!

Aber worum geht’s jetzt genau?

Nun, Titel des Vortrages ist der Folgende:

„Pubertät – Loslassen und Halt geben“

Klingt vielversprechend und macht Hoffnung, am Ende des Abends beide Ansprüche, beide Fähigkeiten,  gekonnt miteinander vereinen zu können. 😉

Und wieso jetzt der Hummer?

Ein Hummer, so erklärt der Erziehungsberater,  ist das einzige Tier, welches ebenfalls eine Pubertät durchlebt!
Wenn ihr mich fragt, also vielmehr „arme Sau“ statt Meeresbewohner! 😉
Bei ihm wächst das Fleisch übermäßig schnell, so dass der Panzer kaum hinter her kommen kann. Fühlt sich gewiss bescheiden an!
So kommt es, dass das arme Viech sich lieber auf dem Meeresgrund verkriecht. In einer dunklen, geschützten Höhle. Weil er mit den abrupten körperlichen Veränderungen erst einmal klar kommen muss.
Das übrigens, was mir bis heute Monat für Monat nicht gelingen will! 😉
Weil er aber also Schutz, Ruhe und Einsamkeit sucht, um mit sich selbst und dem eigenen Inneren klar zu kommen! Er will und braucht die stinkige Muffel-Höhle!
So wie der eigene Nachwuchs eben auch.
Gewähren wir dem Nachwuchs also doch bitte diesen ganz eigenen Rückzugsort!
Gelüftet werden kann später immer noch! 😉

Und auch wenn der liebe Herr Rogge hinter jedem Busch eine super-hysterische Mutter vermutet und Frauen über 35 Jahren dringendst rät, nicht mehr beim schwedischen Klamotten-Giganten einkaufen zu gehen, so muss ich ihm hier Recht geben!
Ebenso geht es um die Theorie, dass Erwachsene, dass Eltern (!) nicht Kumpel pubertierender Teenager sein können!
Dies macht er am Beispiel der drei Vatertypen (Pubertierende lieben angeblich die Väter) deutlich. Da gäbe es den „Kumpeltyp“, den „Wischi-Waschi-Typen“ und den „General“.

Leidenschaftlich lässt er sich nun am sogenannten Kumpel,
Typ „Sozialpädagoge Ende 40“, aus. Der krampfhaft locker versucht, mit den pickligen Vierzehnjährigen auf „gut Freund“ zu machen! Das würde allein wegen der Schleimspur schon nicht funktionieren und lächerlich sei’s obendrauf!
Ebenso wenig wie es funktionieren kann, dass der Typ „General“ versucht, in den letzten Jahren der Kindheit (irgendwann zwischen 11 und 15) versucht, noch einmal die bislang versäumte Erziehung im Last-Minute-Schnellverfahren durchzuziehen!

Vielmehr sollen wir Eltern die Leuchttürme sein.

Und dieses Beispiel finde ich wirklich sehr schön!
Wir als Eltern stellen die blinkenden, deutlich sichtbaren Leuchttürme im sichereren Hafen dar! Mit weit geöffneten Armen nehmen wir jedes noch so trotzige Kind wieder auf, verzeihen „dem verlorenen Sohn“ ganz wie es das Lukasevangelium uns schon lange lehrt, und weisen dem Kind den Weg in den sicheren Hafen.
Wir umkreisen aber nicht, oder jagen gar hinter her! Wir bieten Geborgenheit und Verlässlichkeit, gewähren aber auch Freiräume!

Und schaffen Rituale und Regelmäßigkeiten!

Denn auch das brauchen und wollen unsere Kinder, wenngleich sie es uns nicht in der Form zeigen! Auch Pubertierende wollen feste Aufgaben im Haushalt haben, regelmäßige und bestimmte Dinge, die es gilt zu erledigen. Und auch Rituale gilt es weiterhin am Leben zu erhalten, und wenn’s das gemeinsame Wandern ist!
„Dann gehst’e halt OHNE Lust mit uns wandern.“ 😉

Gerne zitiere ich an dieser Stelle auch:
„Dann räumst DU halt ohne Lust auf. Die, die mit Lust aufräumen sind eh nicht hier! Die sind nämlich alle in der Psychiatrie!“

In lebhaften Beispielen aus Alltagssituationen und mit sehr viel Wortwitz verdeutlicht Rogge, dass es die perfekte Erziehung nicht geben kann.

Niemand weiß genau, wohin die eigene Erziehung führt, was genau aus dem eigenen Nachwuchs wird. Das Ende ist immer offen und in den „Pädagogik-Himmel“ möchte sowieso niemand kommen! Immer wieder beruft er sich auf Pestalozzi, insbesondere dann, geht es darum, dass wir wirklich niemals Kinder miteinander vergleichen sollten! Ein Kind kann nur mit sich selbst verglichen werden.

An nur einem einzigen Abend klopfen sich hunderte Eltern vor Lachen auf die Schenkel, krümmen sich auf den Stühlen und nehmen dennoch auch ernste und wichtige Botschaften mit nach Hause.

Zum Beispiel, dass Elternschaft und Erziehung nur zwei Dinge bedeuten sollte!
Nämlich Dankbarkeit und Demut!

Lautes Gegröle ertönt bei der selbst zitierten Antwort an eine Mutter kurz vorm Ende der Trotzphase (die erste Pubertät), welche behauptete Licht am Ende des Tunnels zu erkennen:
„Nö, meine Liebe, das ist nur der entgegenkommende Zug!“

Ja, da rollt noch Einiges auf uns zu!
Doch mit Nachsicht, Verständnis, offenen Armen, Glaube an sich selbst und vor allem das eigene Kind, sollte das doch zu schaffen sein! 😉

Mit dem Rat an uns Mütter, uns morgens lieber das Glas Weißwein hinter die Binde zu kippen, statt das Kind im Mama-Taxi dem verpassten Bus hinterher zur Schule zu fahren, beendet Rogge einen tränenreichen und äußerst kurzweiligen Abend!

Und da er ebenfalls dazu rät, auch während all‘ der Kindererziehungs-und Pubertätsphasen immer noch Paar zu bleiben, entscheiden der Gatte und ich
(ja, der war im übrigen auch dabei) noch einen Abstecher zum Italiener zu machen.
Bisschen gut essen, trinken und reden. Wertvolle Zweisamkeit genießen. Bevor’s bei der Mutti wieder los geht, mit dem Pubertieren, Prämenstruieren und Irrationalisieren. 😉

An dieser Stelle noch einmal großes Lob an das Gymnasium des Sohnes und insbesondere den Schulelternbeirat sowie Förderverein, die diese tolle Veranstaltung in’s Leben gerufen haben!

Eure

Alex

P.S. Werbung für das Ausleben sämtlicher Pubertäten im Leben eines Menschen! (unbezahlt und unbeauftragt)
Die Karten für diesen Abend haben wir selbst erworben, gute Dinge müssen schließlich unterstützt werden!
Bock hatte ich aber dennoch drüber zu schreiben!

 


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