Mach’s gut (Ur)Oma!

12+

Ich habe viele Fragen beantwortet. Die letzten zwei Tage.
Geduldig wiederholte ich meine Aussagen. Immer und immer wieder.
Denn das war und ist richtig.

Es ist der einzige und alleinige Weg, mit einem derartigen Thema umzugehen und die eigenen Kinder – gerade das jüngste – an eine solche Erkenntnis heranzuführen.
Die Erkenntnis, dass eben alles endlich ist und Menschen gehen müssen.

Als ich vor zwei Tagen die Nachricht vom schnellen Tod der geliebten (Ur) Oma erhielt, hatte ich die Wahl.
Zwischen bedrücktem Herumdrucksen und dem Kind eine vorläufige Lüge aufzutischen, um ihr die traurigen Neuigkeiten in trauter Zweisamkeit und ganz behutsam nahe zu bringen.
Und der Option die Tochter gleich in die unvorhersehbaren Geschehnisse einzuweihen.

Doch geht das in so einem Fall überhaupt? Behutsam?
Haben nicht auch Kinder ein Recht auf die Wahrheit, statt mit kläglichen Umschreibungen vorerst hingehalten zu werden?
Macht es das wirklich besser?

Nun, ich hatte keine Zeit darüber nachzudenken, denn mein Kind drängte auf eine Antwort.

Ich musste es gleich sagen

Als ich ihr dabei half in Jacke und Schühchen zu schlüpfen und sie mir im Kita-Flur freudig erzählte, was sie alles gleich bei meinen Eltern tun wolle.

Denn das war der Plan.

Wir wollten endlich mal wieder Oma und Opa in meiner Heimat besuchen, hatten uns eine Weile nicht sehen können und mein Kind fieberte dem Nachmittag so sehr entgegen.
Dass uns das Leben einen etwas anderen Tagesablauf vorgab, konnte sie ja nicht erahnen.
Trotzig stampfte mein Kind mit dem Fuß auf, als ich berichtete, dass wir heute aus Gründen nicht zu den Großeltern fahren können.
Das Warum zu beantworten – ich wusste in eben jenem Moment nicht, wie ich es hätte tun sollen.
Und entschied mich letztendlich für die Wahrheit.

Ich kann kaum in Worte fassen, wie sehr es mich in jenem Moment innerlich zerriss.

Zu beobachten, wie mein kleinstes Kind derart in Tränen ausbrach und eine bis eben noch heile Welt für einen Bruchteil in sich zusammenfiel.
Meine Oma mütterlicherseits war für mein jüngstes Kind etwas ganz Besonderes und Faszinierendes. Das weiß ich.

Besuchten wir den Bruder, musste immer auch bei der Uroma vorbei geschaut werden.
Waren wir noch in Gespräche vertieft, dann vergnügte sich meim Kind auch gerne alleine im Untergeschoss des alten Hauses bei der nicht weniger alten Frau.
Bei der liebenswerten, warmherzigen und lebensfrohen Frau!
Die Frau, mit dem herzlichen Lachen und dem gleichermaßen dicken Sturrkopf.
Ja, ich kann mein Kind verstehen. Denn ich hab‘ sie auch geliebt.

Fragen überschlugen sich im Kopf der Kleinsten, verzweifelte Überlegungen und Versuche, das Leben – und das Sterben – zu verstehen.
Und ich beantwortete sie alle.
Wir saßen auf dem Balkon und blickten in den Sternenhimmel, denn da würde ja nun ein Stern mehr leuchten, erklärte ich dem armen Kind.

Wir sprachen über die Art und Weise wie die Oma ging und dass es eigentlich keinen schöneren Start für diese letzte Reise geben kann.

Aber wie geht es mir?

Was mein Kind jedoch nicht weiß, ist wie es gerade in mir aussieht.
Dass ich abends – wenn alle Kinder eingeschlafen sind – heimlich weine und das, was lange Zeit vorhersehbar war, nicht akzeptieren mag.

Denn ich mache mir Vorwürfe.
Viel zu beschäftigt war ich gewesen in letzter Zeit.
Ich war zu beschäftigt und gefangen in meiner eigenen kleinen Welt.
Versunken darin, immer in Eile und stets darum bemüht, möglichst viele Dinge gleichzeitig zu erledigen.

Ich hatte nie Zeit.

Zeit, meine Oma mal in Ruhe anzurufen.
Immer schob ich irgendetwas vor, glaubte stets noch rechtzeitig die Kurve zu bekommen.
Das „Ich ruf morgen an“ – ich weiß gar nicht, wie oft ich das dache und auch laut aussprach.

Es sind diese Dinge, die man kommen sieht und dennoch nix ändert.

Weil wir falsche Prioritäten setzen und gefangen in der eigenen Gedankenwelt nur uns und höchstens noch die Allernächsten um uns herum sehen.
Immer wieder sprach ich davon, mal wieder dringend anrufen zu müssen, dachte an meine liebe Oma.
Doch folgen Worten und Gedanken keine Taten, so ist’s nur leeres Gefasel!

Das weiß ich nun einmal mehr.
Und werde versuchen, Dinge künftig anders zu sehen und es besser zu machen.
Schade, dass dafür mal wieder erst ein harscher Weckruf von Nöten war.

Denn von all’diesen Vorhaben wusste die Oma nichts!
Davon wissen auch all‘ die anderen Menschen nicht, an die ich regelmäßig denke, mich aber nie melde.
Weil Mütter unter chronischem Schlaf-und Zeitmangel leiden und manchmal einfach die Kraft- und Energiereserven fehlen – für den erhofften Anruf.
Weil wir uns von den Kindern und dem eigenen Leben mitreißen lassen – weil es auch gut so ist und genau so sein soll!

Doch vielleicht sollten wir ab und an die To-Do-Liste ein klein wenig überdenken.

Und die Menschen, die noch um uns herum leben (!) nicht vergessen!
Ich kann hier nicht behaupten, ich wünschte eine Stimme hätte mir geflüstert, wie wenig Zeit tatsächlich noch ist. Denn die gab es! In mir selbst und auch von außen!

„Ruf JETZT an“

sagte der Mann stets, doch ich wollte auf den geeigneten Zeitpunkt warten.
Das ist ebenso Bullshit, wie bei der Kinder-Planung auf den richtigen Zeitpunkt zu warten.
Es gibt nie „den richtigen“ Zeitpunkt für einige Dinge im Leben!

Und doch war es gut so!

Meine Kinder werden noch öfter Begegnungen mit dem Sterben haben.
So viel sei mehr als gewiss.
Sich von einem Menschen verabschieden zu müssen ist nie leicht.
Egal unter welchen Umständen und welche Überraschungen das Leben für uns bereit hält.

Doch mit der Gewissheit, dass eben jener Mensch ein sehr langes und erfülltes Leben hatte und die Zeit zu gehen schlicht und einfach gekommen war, ist vielleicht die „einfachste“ Herangehensweise an ein solches Thema.

Denn meine Oma ging genau so, wie sie es sich immer erhofft hatte!

Immer mit dem Kopf durch die Wand, selbstbestimmt und voller Zuversicht und Lebensfreude!
Mobil, selbstständig und relativ fit – bis zuletzt!
Sie ging in den eigenen vier Wänden und ohne jegliche Vorwarnung.
Konnte bis zuletzt das lange Leben genießen!
Ist es nicht genau das, was man einem Menschen wünschen kann?

Mach’s gut Oma!

Oma, Du warst eine coole Socke und es tut mir so unendlich leid, dass ich so sehr beschäftigt war in letzter Zeit.
Bei Dir hat der Griesbrei früher immer am Besten geschmeckt und in der Grundschule, warst Du – als die Oma auf’m Moped – meine gefeierte Heldin!

Bitte grüß mir mal den Opa, da wo Du jetzt bist.
Und sag ihm er soll endlich damit aufhören, die kalten Pommes aus der Tasche zu futtern! Das ist eklig!
Und grüß‘ auch all die anderen tollen Menschen, die Du jetzt triffst.
Gibt da mittlerweile ’ne ziemlich coole Band und Mischung aus großartigen Musikern hab‘ ich mir sagen lassen! 😉

Grüß mir die eigene Uroma und vergiss nicht Deinen Job zu machen!

Denn laut meiner Kleinsten hat die nun einen Schutzengel mehr!

Schön! Dass Du Heilig Abend bei uns zu Hause in gemütlicher Runde verbracht hast!
Das werden ich und die Kinder nie vergessen und bin unendlich froh und erleichtert, Dir – und uns – damit eine so große Freude gemacht zu haben!
Schade, dass wir das nicht wiederholen können.
Und im übrigen, eine Karte zum 100. hätte ich bestimmt irgendwo noch auftreiben können, auch wenn ich letztes Jahr beim 90.  Anderes behauptet habe.

Ach ja:
Du schuldest uns außerdem noch ein Mittagessen beim Petersberger Chinesen!
Aber ich will mal nicht so sein! 😉

Wir blicken jetzt wieder nach vorne und gehen unseren eigenen Weg als Familie weiter.

Mit dem Rucksack voller schöner Momente, kostbarer Erinnerungen, Wünschen und Träumen.
Mit vielen Plänen für die Zukunft und hoffentlich einer ordentlichen Portion Glück.
Vielleicht auch mit einem Quäntchen Zuversicht, Selbstvertrauen und Starrsinn.
Mit Vertrauen in uns selbst und in das Leben, Ehrfurcht und Dankbarkeit und unglaublich robuster Stärke.
So, wie Du es immer getan hast!
Mit dem Wanderstock in der Hand, für die Tage, in denen wir uns so klein und gebrechlich fühlen, denn auch die gehören zum Leben dazu.

Deine

Alexandra (und nur DU darfst mich so nennen! )

P.S. Ich weiß, Du bist mir nicht böse, dass ich hier und jetzt von Dir schreibe.
Du fandst es nämlich ziemlich cool, dass ich angefangen habe zu schreiben.
Tut mir leid, dass ich keinen Text mehr für Dich in der Zeitung veröffentlichen konnte.
Vielleicht bist Du ja jetzt online? 

Der Text gefällt? Dann Daumen hoch für die Alex! 😉

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2 Gedanken zu “Mach’s gut (Ur)Oma!

  1. Steffi Weitzel Antworten

    Ganz toll geschrieben…mir kommen die Tränen….ich musste mich vor wenigen Monaten auch von meinem Opa verabschieden, den ich über alles Liebe. Genauso wie die Oma. Du sprichst mir aus dem Herzen. Ganz toll!!!
    Ganz viel Kraft für die kommende Zeit!!!
    Wie haben mit den Kindern Luftballons für unseren Opa in den Himmel geschickt! Alles erdenklich Gute!

    2+
    1. Mama steht Kopf Antworten

      Ganz lieben Dank für Deine Worte!!!! Luftballons sind eine wunderbare Idee! Liebe Grüße! Alex

      0

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