„Mean Mom“ – wenn Kinder größer – und Entscheidungen schwieriger werden

21+

Sie sitzt hinter mir im Auto und verschränkt demonstrativ die Arme.
Senkt den Blick nach unten, und lässt jegliche Annäherungs-und Erklärungsversuche gezielt und unterkühlt abblitzen.
Und während ich mit Engelszungen auf das Kind einrede, beteuere, sie nicht bewusst und wissentlich „angelogen“ zu haben – während ich versuche, einen aus ihrer Sicht gefühlten Vertrauensbruch wieder mit versöhnlichen Worten zu kitten, komme ich in’s Überlegen.
Denn selbst in dieser Situation zweifel und wanke ich!

Will ich mich hier überhaupt überschwänglich und ausschweifend erklären und entschuldigen?
Muss ich das?
Oder wäre es jetzt nicht besser, einfach starr den Blick nach vorne – auf’s Lenkrad – zu richten und das Kind in seiner Rolle aufgehen und letzten Endes auflaufen zu lassen?
Denn ohne Reaktion wäre vermutlich das „Spiel“ schnell uninteressant.

Aber spielt sie überhaupt eine Rolle?
Und drückt gerade gezielt diverseste Knöpfe der gerade ohnehin vor Emotionen überquellenden mütterlichen Kommando-Zentrale?
Haut sie nicht gerade wissentlich und absichtlich auf den fetten roten Buzzer, um das Gewissens-Monster sich weiter auftürmen zu lassen? Um es noch lauter brüllen – und mit geballten Fäusten mich selbst ziemlich klein und kläglich dastehen zu lassen?

Oder habe ich hier wirklich einen Fehler begangen, den mir mein – mir gerade ziemlich fremdes – Kind noch Jahre später vorwerfen wird?

Es sind Situationen wie diese, immer und immer wieder im Alltag, die das selbst mühsam und mit zittrigen Fingern aufgestapelte Kartenhaus wieder auseinanderpurzeln lassen.
Und mich zwingen, wieder neu zu mischen und von vorne gedanklich anzufangen.
Wenn wieder einmal alles im Umbruch ist, Situationen sich verändern – und die Kinder neue Wege und Entwicklungsschritte gehen.

Und plötzlich ist wieder alles anders!

Denn selbst wenn die Kinder immer größer werden, Eines ist geblieben:
Immer dann, wenn ich mich in der Rolle als Mutter gefestigt und sicher fühle, wenn alles glatt zu laufen scheint und ich dieses Erziehungs-Dingens mit einer Leichtigkeit zu wuppen scheine, werde ich aus der Bahn geschleudert.

Weil ich mich zu sicher fühlte, weil ich mich vermutlich mit einem selbstgefälligen Lächeln zurücklehnte und  möglicherweise in eben jener unberechenbaren Erziehungs-Achterbahn provokant die Arme in die Luft hielt.
Festhalten? Muss ich mich doch nicht!
Sichern und auf neue Kurven und unvorhergesehene Abgründe vorbereiten?
Brauch ich nicht!

Bis ich in Situationen gerate, in denen ich mich wie ein hilfloser Trottel fühle (was meine Kinder vermutlich auch genau so spüren und zu ihren Nutzen verwenden) oder Entscheidungen treffen muss, die neu für mich sind und in der Findung derer ich mir mehr als schwer tue. Dann wünschte ich mir,  jemand hätte mich vorgewarnt!
Davor, wie unfassbar schwer diese Erziehungs-Kiste tatsächlich ist – und wie viel man davon eigentlich falsch machen kann.
Oder eben dass die gesamte Eltern-Zeit gefühlt aus reiner Improvisation – verbunden mit einem Quäntchen Ahnungslosigkeit besteht!

Die Kinder werden größer – und ich erneut ahnungslos

…auf dem Weg zum „Schulkind“

Ich muss gerade zwei Kinder durch die Pubertät bzw. Vor-Pubertät (gibt es die überhaupt?) begleiten und Eines beim – wenn ihr mich fragt viel zu schnellen – größer werden.
Denn während ich diese Zeilen hier schreibe, befindet sich mein jüngstes Kind gerade beim „Schnupper-Tag“ in der Grundschulde.
(„Es war geil!“ – lasse ich mir später berichten! 😉 )
In weniger als einem Jahr darf ich keines meiner Sprösslinge mehr „Kita-Kind“ nennen – und ehrlich gesagt, diese Tatsache schmerzt mich sehr!

…Pubertät! Will ich das überhaupt? 😉

Stattdessen streife ich verschämt durch die Regale mit den Pickel-Stiften, welche ich der größeren Brut versprach, endlich zu besorgen.
Ich stolpere über auf dem Boden liegenden Hoodies und auf links gedrehte Jeans.
Sehe die – nunmehr leicht pickligen – Näschen der beiden größeren Kinder viel zu oft vorm Handy-Display – und finde mich immer mehr in Konflikt-Situationen wieder als in den Armen meiner geliebten Babies.
Vielmehr als das:
Ich bin die Böse! Andauernd!

Ein undankbarer Job!

Ich bin „gemein“ und „unfair“, „höre nicht richtig zu“ und „verstehe nicht“.
Immer und immer wieder!
Das macht verdammt nochmal keinen Spaß!
Und führt dazu, dass ich gedanklich manchmal einfach nur die Taschen packen möchte.

Natürlich aber bleibe ich.
Weil ich meine Kinder bedingungslos von Herzen liebe (und nicht mal ein paar Stunden loslassen kann 😉 ) und durch alle Zeiten, die da kommen werden begleiten möchte.
Und doch müssen wir uns immer wieder neu finden. Als Gemeinschaft.
Ich muss lernen mich anzupassen, an neue Situationen und ab und an umdenken.
Um dann dennoch standhaft meine Entscheidung zu vertreten.
Ist ja schließlich meine Aufgabe als Erziehungsberechtigte.

Aber warum ist denn gerade die Tochter so sauer auf mich?

Nun, es handelte sich um folgende – im Grunde banale – Situation:
Am vergangenen Wochenende hatte sie sich zwei größere Wunden am Bein zugezogen und da ich ohnehin an diesem Tag mit dem Sohn einen Termin beim Arzt hatte, bat ich mein Kind uns zu begleiten, um einmal einen Blick drauf werfen zu lassen.
Sehr zu meinem Unverständnis wollte das Mädchen mit den plötzlich hochgewachsenen Beinen nicht.

Das mag nach zwölf Jahren Mutterschaft keine ungewohnte und neue Situation sein, und doch glaube ich im Nachhinein, war die Gegebenheit hier sehr wohl eine Andere!
Doch komme ich gleich darauf zurück.

Nach vielen Diskussionen und Tränen im Vorfeld bestand der Kompromiss darin, dass das Mädchen uns zwar begleite, aber vor Ort selbst frei entscheiden dürfe, ob sie die Sache zeigen möchte, oder nicht.
Völliger Blödsinn“ höre ich später am Abend den Gatten am Telefon sagen.
Er hätte kurzen Prozess gemacht und darauf bestanden, dass die Tochter im wahrsten Sinne des Wortes die Hose herunter lässt.
Damit ihr nun einmal geholfen werden kann (zumindest besser als ich’s kann 😉 ).

Ich sehe das etwas Anders als der Gatte.
Denn in Zeiten wie diesen – wo Eltern tatsächlich auf Empfehlungen stoßen, ihre Babies vor dem Wickeln um deren Einverständnis zu fragen (WTF!!!?) – steht es uns nicht immer zu, über den Körper der Kinder zu bestimmen.
Im Not- und Krankheitsfall sicherlich, das steht außer Frage!

Wenn sich das Körpergefühl ändert

…großes Mädchen und doch so klein!

Doch wir reden hier eher von einer Kleinigkeit.
Und von einem Mädchen, welches gerade erste Veränderungen am eigenen Körper feststellt.
Welches kritisch musternd und wertend Tag für Tag vorm Spiegel steht, auf erste weibliche Züge am noch dünnen Körper wartet und sorgsam Haare bürstet.
Ein Mädchen, welches nunmehr mit seinen zehn Jahren Frisuren und Kleidungsstile ausprobiert, gerade entdeckt, was körpereigener Achsel-Geruch (und deshalb duschen gar keine so schlechte Idee 😉 ) ist – und ganz offensichtlich gerade auf der Suche nach dem neuen Ich ist.

Kann ich von einem solchen Mädchen, dessen eigene Welt gerade beginnt auf dem Kopf zu stehen und im Umbruch zu sein, so etwas verlangen?
Denn offensichtlich schämte sie sich ob der Position der Verletzung – und die Situation war ihr unangenehm.

Darum geht es ja auch in dieser eigenartigen – und auf den ersten Blick völlig blödsinnig erscheinenden – Wickel-Diskussion.
Darum, Respekt vor dem Körper Anderer zu zeigen und einem Kind zu signalisieren, dass man es ernst nimmt.

Nun, ich musste nichts verlangen, mein Kind zeigte letzten Endes freiwillig.
Nach lächerlichem, guten Zureden meinerseits (und vermutlich hätte ich auch das einfach lassen sollen).

Und nun sitzt sie hier.
Grottentief beleidigt, denn selbstverständlich bin ich nun an der vergangenen Situation und ihrer Entscheidung schuld.
(Sie sollte mir weniger als eine Stunde später im Übrigen doch „verzeihen“!)

So aber, wie ich aktuell bei den großen Kindern an so vielen Dingen „schuld“ bin! 😉

Ich mache viele Fehler

An diesem Tag mache ich noch mehrere Fehler und treffe „falsche“ Entscheidungen.
Selbst die Sechsjährige zeigt sich missmutig ob meiner Entscheidung, den Martins-Umzug im Heimatort vorzeitig abzubrechen.
Es ist kalt und wir müssen noch von meinem Heimatort nach Hause fahren, alle Kinder haben Hunger und das jüngste Kind zeigt sich zutiefst übermüdet und durchgefroren.
Doch diese Gründe erklären?
Einem Kita-Kind gegenüber vielleicht nicht ganz so schlau.
Und dennoch versuche ich auch dies.

Ich bin abends die Böse, kann das Kind nicht einschlafen und treffe auch hier auf regelrechte „Meister des Knöpfe-Drückens„.
Dann, als ich mich entscheide, lange genug das Kind beim Einschlafen begleitet zu haben und verstohlen und gelangweilt dabei auf’s Handy-Display schiele.

„Ich bin wichtiger als Dein Blog“
(ich surfte gelangweilt bei Instragram – was die Sache noch viel schlimmer macht! 😉 )

Bäm! Treffende Worte aus dem Mund einer Sechsjährigen.
Trigger-Alarm hoch zehn, mit dem Ergebnis, dass ich reumütig weitere fünf Minuten im Bett kuschel.

Neue Situationen – neue Entscheidungen

Ich treffe im Laufe der Woche Entscheidungen, die „unfair und gemein“ sind.
Und zeige mich innerlich selbst überfordert, was diese Entscheidungsfindung betrifft.
Weil sich neue Situationen ergeben.
Daraus, dass die Kinder größer und unabhängiger werden.
Und befindet sich der Gatte auf Dienstreise, so obliegen einige dieser Entscheidungen mir.

In diesem Fall möchte der Sohn zusammen mit anderen Jungs alleine mit dem Zug in die Heimatstadt fahren – und dort einen Ausflug machen.
Ich entscheide mich dagegen.
Weil ich noch nicht so weit bin.
Weil ich meinen Sohn noch nicht für soweit halte.
Weil ich es für zu früh empfinde – und der Gedanke mir nicht behagt.
Und bin somit schuld und gemein!
Ich nenne dem Sohn ein Alter, zu welchem ich bereit wäre und muss nunmehr mit erhobenem Haupt dazu stehen.
Und fühle mich doch so klein und ratlos!

Fast habe ich ein klitzekleines bisschen das Gefühl, ich fühle mich umso winziger, je größer die Kinder werden.

Weil nun diese Erziehungs-Kiste noch einmal eine ganze Schippe obendrauf bekommt.
Weil Dinge und Entscheidungen komplexer werden und ich selbst erst hineinwachsen muss.
In die Rolle als Mutter größerer Kinder.

Oder eben auch in die Rolle der „Mean Mom„! 😉

Haltet die Ohren steif! 

Eure 

Alex

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