Reizüberflutet – #CoronaEltern: Hört auf zu meckern – Corona-Tagebuch – Tag 37

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„Schuhu! Schuhu!“
„Kuck mal Mama wie meine Eule fliegen kann!“
„Schau, gleich fliegt sie die Treppe runter!“
„Kuck! Kuhuuuck!“

Sekunden später flattert geschnippeltes und geklebtes Papier im Eiltempo in’s Untergeschoss.

„Ja, ja, voll schön!“

höre ich mich hastig murmeln, ohne wirklich hinzukucken.
Und das tut mir leid.
Aber ich kann gerade nicht.
Denn ich werde unterbrochen.

„Mamaaa!“
„Du musst mir mal mit der Aufgabe hier helfen“

Die große Tochter hockt am Schreibtisch und braucht kurz Hilfestellung.
Das braucht sie meistens auch wirklich nur kurz – und dennoch stöhne ich entnervt auf.
Das tut mir ebenfalls leid.

Zwei Zimmer weiter höre ich einen wütenden Aufschrei – und die Faust des Sohnes haut frustriert auf den Tisch.
Und ich zucke beim Geräusch zusammen.
Das Lyrics-Programm für den Englisch-Unterricht funktioniert nicht.
Wir blöken uns daraufhin gegenseitig an – und es tut mir leid.

„Du darfst nicht so gereizt sein, das färbt alles auf die Kinder ab“

höre ich den Gatten sagen.

Ich atme und zähle.
Schließe die Augen und wünsche mich an einen anderen Ort. Ganz weit weg von allen.

Ich fühle mich Reiz-überflutet!

Heute fühle ich mich eigenartig aggressiv und Reiz-überflutet.

Stimmen hallen lange im Kopf nach, Kinderworte schmerzen doppelt laut in den Ohren – und irgendwo im Brustkorb sind Schmerzen.
Das Herz? Die Nerven?

Reißen hier gerade Stränge, die ich so sehr geflochten, gekittet und zusammengehalten habe?

Oder ist einfach alles für einen vorübergehenden Moment zu viel?

Nehme ich mir die Allgemeinstimmung „da draußen“ vielleicht ein klein wenig zu sehr zu Herzen?
Adaptiere ich sie gerade sogar selbst?

All‘ diese Wut in den sozialen Netzwerken

Denn Fakt ist, ich fühle mich nicht nur ob der Menschen, welche hier mit mir bereits seit Wochen in den eigenen vier Wänden ausharren, Reiz-überflutet, sondern noch aus einem ganz anderen Grund.

Und ich muss mir jetzt einfach mal Luft machen!

Denn ich kann sie dieser Tage nicht mehr sehen und lesen!
All‘ diese Wut und Aggressionen auf sämtlichen Plattformen der sozialen Netzwerke!

Ganz ehrlich?
Seit zwei Tagen mag ich am Liebsten nicht mehr bei Facebook reinschauen.

Denn – und jetzt feuert gerne hemmungslos auf mich ein – mich reizt diese Welle der #coronaEltern unfassbar!
Es ist mir gerade zu viel und ich möchte diese ganzen Texte gar nicht mehr verfolgen und lesen.

Dieser Tage scheue ich den Blick in öffentlichen Gruppen.
Ich sichte bösartige Kommentare und Anfeindungen bezüglich diversester Meinungen –  und werde einfach nur unfassbar traurig.

Es sind nicht nur die Stimmen der Kinder, die in meinem Kopf heute noch lange nachhallen, sondern auch die unzähliger Eltern.

Mütter, die gehört werden wollen, die laut Dinge bewegen und einfordern möchten, für die es einfach meiner Meinung noch zu früh ist. Privates soll politisch werden und das ist auch gut so!

Doch um welchen Preis?

Gegenseitig fordern sich Eltern auf unter dem Hashtag #CoronaEltern gemeinsam aktiv zu werden – und  für künftige Entscheidungen sichtbar!
Ich lese von Einzel-Schicksalen, Familien-Konstellationen und Problematiken.

Eine nie zuvor dagewesene Situation

Und muss zweifelsohne zugeben, es IST gerade eine schwierige, noch nie da gewesenen Situation.
Für uns alle!
Und eben auch auf die unterschiedlichste Art und Weise.

JEDE Familie hat dieser Tage ihr eigenes Päckchen zu tragen, muss improvisieren, umdenken – und nicht zuletzt überleben.
Nicht nur finanziell.

Doch anstatt alle an einem Strang ziehen, verspüre ich dieser Tage vielmehr eine Kehrtwende!

Vorbei der Zusammenhalt der Anfangszeit, als wir uns alle noch für vorübergehende (!) Zeit in einem Boot sitzen wähnten.

Weg die Menschlichkeit, Solidarität und Hilfsbereitschaft.
Wir rufen zum gemeinsamen Hashtag auf – und sind letzten Endes anscheinend doch nur Einzelkämpfer.

Freute ich mich in den ersten Wochen der Krise noch ob der Tatsache, dass wohl endlich erst einmal Ruhe ist mit diesen irrsinnigen Konkurrenzkämpfen, geht’s jetzt – auf andere Art – doch schon wieder von Vorne los!

Der Wettkampf geht von vorne los

Ich fühle mich einem Wettkampf ausgesetzt, wer hier unter der gegebenen Situation mehr zu leiden hat.

Mamas im Homeoffice mit zwei Kindern? „Hausfrauen“ mit vier oder fünf Kindern?
Eltern mit Kindern unterschiedlichsten Alters?
Mütter, die nun 24/7 Kita-Kleinkinder bespaßen müssen?

Fakt ist doch, keine Familie gleicht der Anderen – und somit sind auch alle Vergleiche völlig sinnlos und belasten nur zusätzlich.

Ich möchte mich also gleichermaßen gerne dem entziehen – und schreibe dennoch jetzt gerade drüber.

Springe nun selbst waghalsig auf den laut scheppernden, motzig und hitzig dampfenden Zug auf.
Eine Fahrt, deren Endstation noch lange Zeit ungewiss ist.

#coronaEltern

Wirklich ein geeigneter Hashtag für mich?
Bin ICH mit unserer Familienkonstellation ohnehin ganz und gar nicht System-relevant?

Die „dumme, rückständige Nudel“, welche sich gemeinsam mit dem Mann dazu entschieden hatte, auf unbestimmte Zeit zu Hause bei den Kindern zu bleiben?
Bin ich mit dieser Einstellung nicht sogar ein naiver System-Sprenger?
Weil ich – Exot – nirgendwo hineinpasse?

Weil ich gerade gar nicht das dringende Bedürfnis nach umgehenden Kita- und Schul-Öffnungen verspüre?

Oder weil ich zurecht komme?
Und vor allem weil ich es eben gar nicht anders kenne?

Ich war schon immer oft alleine für meine Kinder verantwortlich

Denn Überraschung (!):
Ich bin es gewohnt, mich rund um die Uhr um die eigenen Kinder zu kümmern!
Gerade, war der Gatte in der Vergangenheit oft auf Dienstreise  – und ich hielt ihm bereitwillig den Rücken frei.

Ich kenne es nicht anders und komme nun sogar besser klar, als vor der Corona-Krise!
Denn ohne ständige Taxi-Fahrten zu Kita, Schule und Hobbys, ohne den Druck ständiger Termine, haben wir mehr Zeit für einander.

Und die genieße ich sehr!

Dass ich Lehrerin, Entertainerin, Bastel-Tante, Köchin, Putze, Taxi-Fahrer und Haushalts-Organisatorin bin ist mein Alltag.

Es macht mir nichts aus – und ich leide dieser Tage nicht mehr wie in einem alten Alltag auch.

Glücklich ist, wer gerade nicht im Homeoffice arbeiten muss!

Doch habe ich eine Stimme NICHT im Ohr – eine fehlende Stimme, die mir hier einen weiten Vorteil und zeitlichen Vorsprung verschafft.

Die Stimme eines Chefs.
Oder einer Chefin.
Die nach Abgabe-Terminen und Videokonferenzen fragen und dadurch zusätzlichen nervlichen Druck aufbauen.

Das muss ich hier offen und ehrlich eingestehen!

Und denke daher, dem seit zwei Tagen kursierenden Hashtag gar nicht würdig zu sein.
(Womit wir irgendwie doch wieder bei alten Diskussionen und Problemen, Differenzen zwischen Müttern wären)

Ich brauch das nicht alles.
Jetzt. Sofort. Gleich.

Ich möchte einfach nur, dass wir gesund bleiben – und nicht voreilig Schritte unternommen werden, welche wir später bitter bereuen!

Denn fast habe ich das Gefühl, wurde mit den ersten Lockerungen der kleine Finger gereicht, reißen nun zahlreiche #coronaEltern gleich am ganzen Arm.

Auf einmal soll alles im Hau-Ruck-Verfahren von statten gehen, was wochenlang ruhen durfte?

Nach Wochen der Vorsicht und Vernunft scheint das nun alles hinfällig und vergessen.
Corona ist ja jetzt Alltag, bekommen wir eh alle früher oder später.
Der Nervenkitzel ist rum, Italien vergessen – weiter geht’s bitte endlich!

Ich sehe das leider nicht so.

Klar weiß ich, dass Menschen Perspektiven brauchen und ein Datum, auf das es hinzuarbeiten gilt!
Aber bitte nicht um jeden Preis!

Eltern mit Vorerkrankungen und alte Menschen (unsere Omas und Opas!) sind genauso kostbar wie Andere auch!

Noch wissen wir nicht, wie groß die Gefahr ist, dass Kinder dann erst Recht andere Familien-Angehörige infizieren.
Sind die, die dann „hopsgehen“ hier die Kollateral-Schäden?
Würden das die Kinder der eventuell verstorbenen Eltern-Teile auch so sehen?

Das klingt drastisch und überzogen? Soll auch so sein!

Ich lese Texte schimpfender Mütter – alle mit dem Fazit

„Ich kann nicht mehr!“

Die Mutter als Lehrerin

Mütter, die sich unter Anderem nun in der Rolle der Lehrerin sehen – und von Stunden am Schreibtisch berichten.
Auch ich habe heute erst einmal mehr erkennen müssen, dass es schon sehr wichtig ist, „dahinter her“ zu sein.
Doch möchte und muss ich auch darauf vertrauen können, dass meine Kinder ihre Aufgaben ALLEINE erledigen – und ich nur überfliege, kontrolliere oder hier und da Hilfestellung gebe.

Bin ich zu lasch? Zu sorglos? Zu ungebildet?
Ich weiß es nicht.

Ich für meinen Teil habe einfach entschieden, mir meine Kräfte einzuteilen!

Für einen Dauerlauf auf unbestimmte Zeit.
Ich möchte nicht in ein paar Tagen mit der Visage auf dem Asphalt kleben!
Weil ich versuchte, alles zu geben. Mach ich nicht.

Dann tun sich eben in dieser besonderen Zeit Lücken auf.

Und dennoch bin ich eine gute Mutter! 

Das sind übrigens ganz gewiss sehr, sehr viele von Euch da draußen!
Ich möchte mir nicht ausmalen, wie viele Tränen der Verzweiflung schon die vergangenen Wochen geflossen sind.
Doch müssen wir noch immer einen kühlen Kopf bewahren.

Wir sollten nicht nach Dingen fordern und schreien, welche aktuell einfach noch unangebracht und unüberlegt wären!
Und dazu gehört für mich auch eine voreilige Öffnung von Schulen und Kitas.

Sparen wir uns bitte die Puste und hören auf, übereinander herzufallen.
Denn auch wenn sich hier gerade Fronten auftun und viele, viele Familien unterschiedlichster Meinung sind:
Wir sind alle nur Menschen!

Menschen voller Ängste und Emotionen, wir fühlen uns perspektivlos und verloren, vielleicht sogar übersehen.
Wir bangen und weinen um die Kinder und die Chancen, welche diese nun verpassen. 
Und diese innere Zerrissenheit kann uns keiner abnehmen. 

Die Schultüte für die Kleinste? Müssen wir nun zu Hause basteln 🙁

Ich wünsche mir…

Und so sehr ich heute auch gereizt sein mag.
So sehr Stimmen hallen und mir all‘ diese Bewegungen heute ins Mark gehen, am Zahnfleisch kratzen und piksen (Wirkung erzielt! 😉 ) – so sehr fühle ich mit allen Eltern da draußen mit.

Und ich wünsche uns ein greifbares Ziel!

Perspektiven und Hoffnung – und Frauen, die wieder selbstbestimmt durchs Leben ziehen können!

Kinder, die Gleichgesinnte treffen und zusammen Matsch-Kuchen backen.
Meinetwegen auch wieder Sportfeste und Kaffee-Tafeln oder Elternabende.

Ich wünsche mir selbst auch nichts sehnlicher als die alte Normalität!

Aber vielleicht sollten wir nicht allzu früh daran festhalten – und Verständnis für jede (!) andere Meinung haben. 

Alles wird gut. Irgendwie. Irgendwann. 

Eure 

Alex

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