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Trotz aller Widrigkeiten: Ich packe meinen Koffer

An diesem für so viele dunklen Freitag stehe ich im Schlafzimmer vorm Elternbett und rolle sorgfältig Pullover.

Ich falte sie ganz klein, denn ich möchte mich ein wenig einschränken, nicht allzu viel Last und Gepäck mit mir führen.

Ich zähle Socken ab und gepunktete Kinder-Höschen und verstaue Mini-Shampoos und Duschgels.
Dieser Nachmittag hält mich beschäftigt und lenkt mich ab!

Doch die Vorfreude ist getrübt, fast schon fühle ich mich, als tue ich hier etwas „Falsches“.
Etwas, das nicht rechtens – und moralisch bedenklich ist.

Und dies aus vielerlei Gründen!

Trotz aller Hindernisse…

Denn fast schon habe ich das Gefühl, ich trotze gerade so vielen Widrigkeiten – oder packe ich vielleicht sogar ganz genau deshalb?

Ich packe meinen und unsere Koffer obwohl wir noch Anfang dieser Woche in großer Sorge um ein liebes Familienmitglied waren. Das große C hatte auch uns die letzten Tage fest im Griff – und nur aus der Ferne konnten wir handeln und hoffen, dass alles gut wird.

Ich würde jetzt nicht Dokumente in die Handtasche verstauen und das Wetter am Zielort checken, hätte sich die Lage in eine gänzlich andere Richtung entwickelt!

Und wir alle sind sehr, sehr dankbar dafür, dass nunmehr die Zeichen zumindest in diesem Punkt auf Abfahrt stehen.

Es ist der Hilfe und Mitwirkung von Medizinern, Pflegepersonal, einer optimalen Versorgung, viel Kampfgeist und sicherlich auch einem Quäntchen Glück zu verdanken – jetzt heißt es geduldig bleiben und die Zeit heilen lassen.

Aber wir können fahren.

Und was ist mit der Infektionsgefahr?

Ich suche den Reisefön und frage mich, ob es nicht waghalsig ist, mit drei Kindern in eine Metropole zu reisen.

Ausgerechnet inmitten der Pandemie und im Winter.

Haben wir uns nicht bislang so viel Mühe gegeben?

Resignieren wir nun oder legen es gar darauf an?
Möchten wir eine Infektion provozieren?
Wollen wir wirklich Untergrundbahn fahren und uns unter viele Menschen mengen?

Und auch hier sehe ich mich in der Lage, Zweifel beiseite zu schieben!

Denn wir reisen in eine Stadt (ich muss es doch noch ein wenig spannend machen, oder? ;) ), in welcher die Inzidenz deutlich unter der aktuellen hierzulande liegt – die Welle scheint hier bereits gebrochen.

Und unter der Inzidenz in den Schulen liegt sie sowieso!

Bauchschmerzen bereitet mir vielmehr das irrsinnige und aberwitzige Vorhaben, ab dem 07. März auf Masken im hessischen Schulunterricht zu verzichten!

DAS sehe ich als Provokation und Herausforderung.
DAS sorgt mich und lässt eine Infektion unserer Familie irgendwann im März fast schon nicht mehr ausschließen.

Wir werden mit FFP2-Masken reisen und viel an der frischen Luft sein.

Und dennoch auch ein klein wenig den Pandemie-Alltag hinter uns lassen.
Absichtlich. Bewusst.

Denn unsere Kinder haben auch in diesen Zeiten Normalität und Unbeschwertheit verdient!

Gerade die mittlere Tochter freut sich so sehr auf diese kurze Reise am verlängerten Faschings-Wochenende (ohne Fasching ;) ) – wie könnte ich ihr jene Vorfreude trüben!?

Aber es ist jetzt Krieg!?

Doch kann ich mir selbst gegenüber eine Städtereise ausgerechnet jetzt rechtfertigen?

Während die Welt den Atem anhält und mit größter Besorgnis die aktuellsten Geschehnisse in der Ukraine verfolgt?

Haben wir JETZT die Legitimation, Spaß zu haben und Freude zu empfinden?

Können wir das nach den vergangenen Tagen überhaupt?

Ich packe die Koffer und sorge mich darum, ob die Pullover nicht etwa zu warm und die Schuhe zu unbequem sind, kontrolliere die kleine Reiseapotheke und überprüfe Fiebersäfte nach Haltbarkeit.

Und komme mir ob solcher Probleme lächerlich vor.

Was haben wir gezankt und gestritten!

Um Impfungen und Sichtweisen, über Aluhüte und Spaziergänger – oder gar jene lächerlichen (Entschuldigt bitte!!!) „Corona-Eltern-Diskussionen“.

Wer hat mehr Arbeit und mental load, welche Familie „leidet“ hier stärker…

Nun, nicht weit von uns verlieren gerade Familien-Mitglieder ihr Leben – aus Gründen, welche fern unserer Pandemie-geprägten Vorstellungskraft liegen!

Und ich sorge mich um die Temperaturen am Zielort…

Als Mutter habe ich große Angst

Ich bin Mutter und mit jeder Faser meines eigenen Seins möchte ich meine Kinder vor Schmerz und Unheil, vor negativen Erfahrungen schützen!

So wie wohl viele Mamas auf dieser Erdkugel.

Das mag mir auch zum größten Teil gelingen.
Und wenn nicht mir, dann ob einem gewissen medizinischen Fortschritt und Wohlstand hierzulande.

Doch beobachten wir hier gerade eine Situation beyond our control!

Und das ist verdammt furchteinflößend und so schmerzhaft zu beobachten!

Mütter können ihre Kinder nicht mehr schützen, Familien werden zerrissen, verlieren ihr Heim oder sterben gar!

Und ich packe Koffer…

JA! Ich packe Koffer!

Und während ich die letzten Malsachen verstaue, beginne ich leise zu nicken.

JA! Ich packe Koffer!

Um meine Kinder zu schützen!

Um meinen Kindern Normalität und Freude in einer dunklen und verrückten Welt bieten zu können.

Und um zu leben und bewusst dankbar und froh zu sein!

Solange uns das eben möglich ist!

Die Reise ist längst bezahlt, noch länger geplant – und wir müssen weiter machen und nach vorne sehen.
Ganz gleich, wie das „vorne“ aussieht.

Das wussten wir nie.
Nicht vor zwei Jahren, zu Beginn dieser Pandemie – und auch viele Jahrzehnte zuvor nicht.

Und vielleicht ist es manchmal gar nicht so verkehrt, es so zu halten, wie diese Musiker auf der Titanic.
Vielleicht sollten wir stur weiter machen, Normalität unseren Kindern vorleben – und hin und wieder Angst verdrängen.

Denn ja, verdammt, ich habe eine riesengroße Angst!

Ich fürchte falsche Handlungen und Schritte, politische Fehlentscheidungen und die Unberechenbarkeit eines – ich kann es gar nicht in Worte fassen – so schrecklich machthabenden Mannes.

Ich kann hier an dieser Stelle kein politisches Statement abgeben, das steht mir nicht zu.

Denn ich fände es nicht richtig, interessierte ich mich jahrelang nicht sonderlich für Politik.

Aber ich kann und darf Angst haben – und diese aber gleichermaßen für meine Kinder (und diese Reise!) absichtlich fern halten.

Weil wir das als Familie verdient haben.
Auch hinter uns liegt eine belastende Zeit – und ein kleines bisschen gemeinsames „Wir“ ist gerade so bedeutsam!

Wir wollen uns einmal mehr umarmen und die anderen sehen, möchten leben und voneinander lernen.

Jede Reise bringt uns als Familie einander näher und prägt – darauf sollten wir auch jetzt nicht verzichten.

Mit im Herzen allerdings reisen morgen all‘ die unschuldigen Menschen, die sich nun nicht mehr über Kleidungsstücke und Ausflugsziele sorgen können, sondern um das blanke Überleben kämpfen und in keine liebgewonnene Heimat zurückkehren werden.

Ja, es ist ein dunkler Freitag – an unserem Zielort soll die nächsten Tage die Sonne scheinen.

Ich werde ihr Zugang zu meinem Herzen gewähren.

Eure 

Alex

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