Ich. Mutter im Wandel der (Kinder) Zeit

Es war an einem wunderschönen Hochsommerabend. Zur besten Grillzeit. Die Abendsonne schien durch die orangenen (oder war`s rosa?) Vorhänge und zauberte ein warmes Licht in den Raum. Genau in diesem Moment, an jenem alles verändernden lauen Juli Abend passierte es. Mein altes „Ich“ verschwand. Einfach so. Schlich sich einfach so davon und kam nie wieder. Klingt melancholisch? Nein, ich trauere diesem „Ich“ gar nicht mehr hinterher. Ich mag es gar nicht wieder haben. Denn an dem Abend, in dem beschriebenen Raum wurde mein erstes Kind geboren. 

Ich möchte jetzt gar nicht erzählen, dass ich noch immer genau der Mensch bin, der ich damals vor zehn Jahren in eben jenem Kreißsaal war. Oder besser: geworden bin. Auch das bin ich nicht mehr. Ich möchte hier jetzt auch nicht den Hobbypsychologen spielen! Und allen, denen das jetzt zu tiefgründig, nachdenklich, zu philosophisch sein mag: Ihr dürft an dieser Stelle ruhig aussteigen. Ich sinniere derweil weiter, schreibe sie nieder, meine Gedanken, Beobachtungen an meiner eigenen Person. Und wer weiß, vielleicht findet sich hier die ein oder andere Mama wieder…

Denn, ich wage zu behaupten, der Mensch ändert sich, immer und immer wieder. Er wandelt sich, wird reifer, erfahrener, geprägter, im besten Fall auch mutiger, zuversichtlicher und lebensbejahender. Das Innerste, die tief verborgene Persönlichkeit, die bleibt gewiss und kommt, ob nun positiv oder weniger, auch immer wieder an die Oberfläche. Auch bei mir.

Aber ich habe gelernt, Menschen sind fähig, sich neu zu erfinden, sich allen Lebensphasen anzupassen und reich und stark auch wieder daraus herauszugehen. In die nächste Phase. Man muss es nur wollen und akzeptieren. Und jedes „Ich“ hat seine guten und weniger guten Seiten.

Die Phase zum Beispiel nach der Geburt des ersten Kindes. Sobald mein Sohn auf meiner Brust lag umschloss sie mich. Ich nenne sie die „Baby Blase“. Wir waren für einige Zeit in unserem eigenen Universum. Mutter war umnebelt. Von Glücksgefühlen, Emotionen, Sorge um das eigene Kind. Gut, meist auch geistig umnachtet, geprägt durch schlaflose Nächte und Stilldemenz. Aber irgendwie drin, in der Blase. Blind andere Dinge, früher meist sogar extrem bedeutsame Dinge, zu sehen.

Oder andere Menschen. Das andere Geschlecht zum Beispiel.
Schon mal jemals ne Frischlingsmutter im Brunft- und Flirtmodus erlebt. Geht gar nicht. Gibt`s nicht. Soll bestimmt auch so sein. Wir sehen gar keine Männer. Wir sehen nur unser herzallerliebstes Baby.
Und der arme Papa? Gut, bei dem, aber auch höchstens wirklich nur bei dem, wird ne Ausnahme gemacht. Bisschen sich selber aufraffen und überzeugen geht ja noch 😉

Aber die anderen? Kucken wir mit dem Allerwertesten nicht an. Deshalb ist es in der Phase auch egal wie wir aussehen. Zum Teufel mit dem „Mojo“, dem Sex-Appeal! Der für uns zu diesem Zeitpunkt wichtigste Mensch auf Erden interessiert sich bei uns ja eh nur für eins: Die nackte vom stundenlangem „Extreme-Stilling“ gebeutelte Brust. So what? Wofür also schön machen? Für den Ehemann? Der mag doch auch nur nackt….

Aber selbst das geht ja als ganz, ganz frische Mami gar nicht. Die Bar tropft, der Bauch hängt. Uh! Egal. Wir sind ja in unserer netten, feinen Babyblase.

Von den anderen optischen Veränderungen, dem äußeren „Ich“ als Mutter mag ich hier aber gar nicht länger schreiben. Nur eins noch: Auch wenn vielleicht die Zahl auf der Waage nie wirklich ein Problem war. Klar wandelt sich auch die Optik. So durfte ich mich nach der Geburt meines dritten Kindes einer Bauchnabel OP (und der war wirklich explodiert! Immer noch keine eitle Tussi! Nur grottenschlechtes Bindegewebe!)und einem Krampfadern Stripping unterziehen. Alles nette kleine Brut-Souveniers, die mein neues „Ich“ nicht akzeptieren wollte. Und mein Bauch gleicht noch heute einer Landkarte! Deshalb kaufe ich auch seitdem meine Bikinihosen strikt eine Nummer zu groß. Jaaa, ich bin die, die im Freibad ihre Höschen schön sexy hexy bis zum wieder hergestellten Bauchnabel hochzieht! 😉

Aber zurück zur Blase. Und es dauert auch ne Weile bis die, wie bei der eigentlichen Geburt auch, ganz plötzlich und ohne Vorwarnung platzt. Ich habe meine ersten beiden Kinder im kurzen Abstand bekommen. Von daher, kam ich zwischenzeitlich gar nicht raus aus meinem Vakuum. Es platzte erst irgendwann zwischen dem zweiten und dritten Kind.

Ja, sogar VOR dem dritten Kind! Was ganz nett ist, denn auf einmal war diese Schwangerschaft gar nicht mehr so wichtig. Es richtete sich nicht mehr der ganze Fokus nur noch nach dieser einen Schwangerschaft. Ich verpasste sogar manchmal die Vorsorgetermine, weil ich einfach vergass, dass ich in anderen Umständen war.

Und auch das Neugeborene ist nicht mehr der Mittelpunkt der Welt. Schließlich rufen zum einen auch noch zwei andere Geschwisterkinder nach Aufmerksamkeit und man kennt ja alles schon. Zeit sich gedanklich wieder um andere Dinge kümmern zu können.
So kam es, dass mich nach der Geburt des dritten Kindes gar keine neue Blase mehr umschloss. Und auch das war schön. Herrlich befreiend. Es gab noch eine andere Welt, jenseits grüner Säuglingskacka, Brustentzündung, Beikosteinführung. Laaangweilig!

Ich dachte plötzlich schon während der Schwangerschaft auch wieder mal an mich. An das zwar neu entstandene Mehrfachmutter-„Ich“, aber immerhin. Ich trieb Sport in der Schwangerschaft und auch schnell wieder nach der Geburt. Babybücher lagen ungeachtet in der Ecke. Stattdessen entdeckte ich neue Interessen. Und das Baby? Wurde trotzdem ganz unproblematisch und nicht weniger fürsorglich und liebevoll aufgezogen groß. Ist zumindest bislang ne coole Socke geworden. Wurde ja nicht ständig verhätschelt.

Und nun bin ich hier angekommen. Im hier und jetzt. Ein Mutter, die gelernt hat wie eine Löwin für ihre Kinder zu kämpfen und dadurch stärker, aufgeschlossener, redseliger und viel selbstbewusster als früher geworden ist. Ja, dieses „Ich“ haben meine Kinder gezaubert. Und dafür bin ich sehr, sehr dankbar.

Ehrlich, ohne meine Kinder wäre ich aufgeschmissen. Bestimmt wäre ich noch heute schüchtern, unsichtbar und verschlossen (ok, ich übertreibe wieder). Vielleicht würde ich noch heute auf andere etwas eingebildet oder gar arrogant wirken. Weil keiner merkt, dass es nur die Unsicherheit ist, die jedes einzelne Wort sich erst dreimal im Kopf umherdrehen lässt, bevor es dann, am Ende gar nicht mehr den Mund verlässt. Was für`n Sch….! Irgendwie, durch jedes weitere Kind, verflog diese Unsicherheit.

Mag sein, dass ich heute mittlerweile sogar ein klitzekleines bisschen zu geschwätzig, schreibwütig und aufgeschlossen erscheinen mag. Vielleicht kehre ich nun auch ein Stück weit zu viel mein Innerstes nach außen (Nein, ich rede auch hier nicht von Noro-Virus!). Was soll`s schon! Denn das derzeitige Ich ist mir viel lieber. Es lebt sich so zumindest leichter und hoffentlich auch sympatischer! Und diese neu gewonnene Lockerheit, ich nenn`s jetzt absichtlich nicht Coolness, kam durch das, niemals mehr missen wollende, Leben mit meinen Kindern.

Aber mein „Ich“, ob nun optisch oder innerlich, ist verdammt nochmal eben auch eine Frau! Die sich nach Jahren in der Blase neu entdeckt hat. Dinge, gefunden hat, die sie (neben den Kindern) glücklich machen. Neue Interessen und Vorlieben!
Ich habe das Laufen für mich entdeckt, Schreiben, Englischkurse für Kinder…

…und Männer?
Lieb ich immer noch den Einen. Bin aber nicht mehr blind und sehe die Welt um mich herum.
Hey, ich besitze immerhin auch wieder eine stolze Sammlung an High Heels (die ich nie trage) statt Chucks.
Und Röcke (für die ich kaum Gelegenheit habe sie zu tragen) statt Jeans.

Ich bin wieder da. Nur verändert. Und das gefällt mir!

Und sollte ich mal versehentlich einer Person des anderen Geschlechts auf den Hintern starren (Himmel! Wie konnte mir das nur passieren!): dann ist das in Ordnung! Dann gehört das auch dazu, wenn das umnebelte Muttertier wieder dem weiblichen „Ich“ weicht.

Die Blase ist futsch. Zeit für neue Ufer! Meine Kinder bleiben das Wichtigste und Tollste in meinem Leben, meine Meisterleistung. Aber „Mutti“ ist offen für neue Wege! Selbstverständlich mit dem Papa und den drei Nervensägen an ihrer Seite, aber wieder frei im Kopf!

Bereit ein neues, weiteres, älter gewordenes „Ich“ zu entdecken!


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