Durchatmen: Time out für die Nerven

22.15 Uhr. Ich stehe auf der Terrasse und sauge tief die frische Luft in mich auf.  Das muss jetzt einfach sein. Eben gerade habe ich noch schnell zwei Kinder-Fahrräder in den Schuppen geräumt, ebenso wie zwei Fahrrad-Helme, einen Packen Straßen-Malkreide und mehrere Paar Schlamm-Schuhe eingesammelt und diese in das tiefe XXL-Waschbecken im Hauswirtschaftsraum gestellt. Putzen werde ich sie heute definitiv nicht mehr. Im Obergeschoss ist noch wildes Geflüster und Gegacker zu hören. Die Mädels, eigentlich längst in’s Bett gebracht, wollen zusammen im neuen Hochbett der Kleinsten nächtigen. Dürfen sie, sind ja schließlich Ferien. Nur Ruhe hätte ich gerne jetzt! Endlich, endlich meine Ruhe!

Und würde ich noch rauchen, was ich allerdings seit nunmehr vierzehn Jahren nicht mehr tue, so wäre nun ein typischer: „Jetzt ’ne Kippe“ Moment!
Erstaunlich, wie so etwas immer wieder aufkeimt. Nach all den Jahren. Und ein klitzekleines bisschen befürchte ich: Wäre nun auch nur ein Glimmstängel (diesen blöden Begriff verwenden nur wir Nichtraucher, oder?) im Hause, ich könnte wohl jetzt in diesem Moment der Versuchung nicht widerstehen.

Stattdessen konzentriere ich mich: Einatmen, ausatmen.
Frische Luft und ein paar Sekunden nur für mich. Durchatmen. Wird schon wieder.
Nur noch eine Stunde warten und ich kann endlich trainieren und irgendetwas Blödes auf Amazon oder Netflix kucken. Nur noch eine Stunde aufräumen, die Schwestern immer wieder zur Ruhe ermahnen und durchhalten! Doch noch will ich nicht reingehen. Die Haustüre ist sperrangelweit offen, aber ich mag noch nicht. Schön sieht er aus, der Himmel.  So sternenklar und friedlich. In der Ferne ist ein Martinshorn zu hören und am Horizont startet ein Hubschrauber. Rettungshubschrauber vermute ich.

Wäre jetzt Sommer, ich würde das Trainieren später sausen lassen und es mir mit einer Flasche Bier auf der Terrasse gemütlich machen. Nachher, wenn endlich Ruhe ist! Und während ich die frische Luft in mich aufsauge wird es mir bewusst:

Ich kämpfe nunmehr seit fast elf Jahren mit den Nerven! 

Mit den Nerven, die an Tagen wie diesem hauchdünn sind und zu zerreißen drohen. Mit aufgestauter Energie und Emotionen ohne zu wissen wohin damit.
Doch, eigentlich weiß ich es: Nachher auf den Crosstrainer 😉

PicsArt_04-05-12.17.17Aber seitdem ich Mutter bin, muss ich ab und an mit diesem Gefühl klar kommen. Dem, der bis auf’s Äußerste angespannten Nerven. So  sehr, dass es fast schon weh tut. Und ich innerlich Stop! rufen muss.
Kräftig Ausatmen. Gleich ist’s geschafft.

Gewiss ist es nicht jeden Tag so, denn welcher Mensch würde das schon aushalten?  Aber hin und wieder gibt es diese verrückten Tage. An denen alles schief geht und abends im Kopf nur noch dieser eine Satz dröhnt:
„Ich kann nicht mehr“.

Und doch kann ich. Immer und immer wieder.
Denn wir sind stark, wir Mütter, und haben gelernt uns immer wieder zusammenzureißen und am Riemen zu reißen. In so vielen schwierigen und anstrengenden Situationen. Haben gelernt, uns einen Ausgleich zu suchen und manchmal auch das Glück in den ganz kleinen Dingen des Lebens zu sehen. Und ich bin mir sicher, es wird noch so Vieles zu bewältigen geben. Wir werden stark, mutiger, selbstbewusster und wachsen mit unseren Aufgaben. Mit jedem weiteren Kind und jedem weiteren Jahr. So auch ich.

Doch ab und an müssen wir einfach mal alleine auf der Terrasse stehen, in den klaren Himmel gucken und nix Anderes tun als Atmen. 

Ich erinnere mich an die ersten Monate mit dem allerersten Baby.
„Schreikind unklarer Ursache“ steht im gelben Vorsorgeheft. Notiert von einer Kinderärztin, die ich seit jenem Tag nie wieder aufsuchen sollte! Ja, er hat viel geschrien, mein Sohn. Weil er etwas hatte, weil es ihm nun mal nicht gut ging und nicht weil er mich ärgern wollte! Nicht aufgrund einer unklaren Ursache und auch nicht aufgrund meiner Unsicherheit als Erstlings-Mutter.
Warum ich mich aber gerade genau jetzt daran erinnere?
Nun, es waren die Spaziergänge an der frischen Luft. Am späten Abend, ganz alleine, die mich „retteten“. Nachdem der Gatte nach Hause gekommen war und helfen und ablösen konnte. Was bin ich oft in der Nacht spazieren gewesen in dieser Zeit. Einfach um alleine zu sein und ein- und ausatmen zu können. Doch nach der schlimmen Zeit kam ganz bald eine wunderschöne, ich hatte ein unglaublich glückliches, liebenswertes Baby und Kleinkind und heute den besten Jungen der Welt! 😉

Ich sollte nach ihm übrigens nie wieder ein „Schreikind“ haben. Doch Tage, die mich ächzend auf dem Zahnfleisch kriechen lassen, gibt es immer wieder. Heute hilft mir nicht mehr der Gatte, sondern der Crosstrainer. Gerne alternativ auch die Laptop-Tastatur 😉
Anders ist es nicht mehr möglich, ist der Mann doch unter der Woche selten im Haus, sondern hunderte Kilometer entfernt in einer anderen Stadt.
Aber das ist kein Problem mehr. Ich wurde stärker und komme klar. Auch mit drei Kindern. Allein im Haus. Nur die Sache mit den Nerven. Die wird wohl noch eine Weile so bleiben.

Aber gehört das nicht zum Mutter-sein dazu?

Und wird das jemals enden? Ich glaube nicht. Vielleicht wird es ruhiger, irgendwann. Doch Sorgen werden wir uns immer machen, denn das ist unser Job. Ein Leben lang. Und manchmal schlagen Sorgen eben auf den Magen und zerren an den Nerven.
Nein, es wird also vermutlich so bleiben und ist einfach als ein Teil von uns anzunehmen. Als ein Teil vom Leben zu akzeptieren, mit dem wir umgehen müssen. Die Sache mit den Nerven wird vermutlich nie verschwinden, es wird einfach nur anders.
Es ist dann nicht mehr das wilde Gewusel, der Krach, das Geheule und Genöle, die Geschwister-Streitereien oder das lautstarke Fangenspielen im ganzen Haus, das dann an den Nerven zerrt.
Es sind die anderen Sorgen. Die der größer gewordenen Kinder.

Vielleicht sollte ich mir einfach noch eine weitere gemütliche Bank zum Verweilen vorm Haus anschaffen. Einen netten ganz persönlichen Durchatme-Fluchtort an der frischen Luft einrichten. Ich bin mir sicher, er wird noch viele, viele Jahre in Anspruch genommen werden 😉

Ich wünsche allen Müttern da draußen bombastisch starke Drahtseil-Nerven! Ihr leistet Großartiges jeden einzelnen Tag!

Eure

Alex


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