Die Ungewissheit der aktuellen Zeit – Abschied von der Kita? – Corona-Tagebuch

16+

Pfingstmontag, später Abend.
Ich habe aufgehört die Tage zu zählen.
Denn gibt es das noch immer? Das Corona-Tagebuch?

Jetzt wo Schulen wieder geöffnet sind und beide großen Kinder bereits einige Tage „Präsenzunterricht“ hinter sich haben?
Wo Menschen in Strömen deutsche Küsten aufsuchen und einzelne Bundesländer nahezu zum altgewohnten „Normalbetrieb“ übergegangen sind?

Ich selbst kann für mich hier keine Grenze oder einen Übergang mehr feststellen.
Könnte nicht sagen, wann es endete das „Corona-Tagebuch“.
Tage und Lockerungen, Änderungen und mehr oder weniger vorsichtige Schritte in eine alte, neue Normalität sind miteinander verschmolzen, so scheint es mir.

Ist das der berühmt, berüchtigte fließende Übergang?
Gibt es sie noch, die „Corona-Zeit“ – oder haben wir das Virus als steter Begleiter und versteckte Gefahr nunmehr einfach hingenommen und akzeptiert?

Sind wir zu unvorsichtig und sorglos geworden (bin ICH zu sorglos geworden?) oder ist es lediglich ein natürlicher Prozess der Adaption an Dinge, die wir nicht ändern und auslöschen können?
Ich weiß es nicht.

Was ich aber weiß ist, dass gerade vor mir mein kleinstes Kind auf dem Badezimmer-Teppich liegt und bitterlich weint.

Das erste Mal seit diesen drei Monaten.

Das erste Mal während jenes Corona-Tagebuchs.

Ja, ich glaubte, alles im Griff zu haben und meine Aufgabe ganz gut gemeistert zu haben, während der vergangenen 12 (?) Wochen!
Das tat ich auch die meiste Zeit.

Die Kleinste war glücklich und hatte uns und ihre Geschwister.
Und für eine sehr, sehr lange Zeit schien ihr das zu genügen.

Mein Kind wuchs und gedieh, lernte Dinge, welche sonst nur während eines langen Sommers möglich sind, und strahlte Tag für Tag.
Bis jetzt.

Das Ende der Kita-Zeit

„Bald ist ja schon August“

sagte der Papa vorhin, kurz vor der Schlafenszeit – und es schien meinem Kind wie Schuppen von den Augen zu fallen.

Dann – so Gott will – wird sie ein Schulkind sein und die Kita-Zeit lediglich eine Erinnerung an junge Kindheits-Tage.

Bitterlich schluchzt mein Kind und bittet darum, nur noch einmal in die Kindertagesstätte gehen zu dürfen.

Zum Abschied-nehmen von einer Zeit, welche so sehr prägte und aus welcher sie – wie unendlich viele andere Kinder auch – abrupt heraus gerissen wurde.
Ihre Freunde wolle sie noch einmal sehen und sich verabschieden, so ihr großer Wunsch.

Und ich tue, was in diesem Moment mein Job ist.
Beschwichtige und Vertröste, mache Versprechungen und versuche Hoffnung aufzubauen.

Unter gar keinen Umständen sollte ich nun mit winseln und jammern, oder etwas nicht?!

War ich es nicht sogar selbst, die hier kürzlich darüber schrieb, den Kindern niemals vorweinen zu wollen, welche Einbußen von ihnen dieser Tage erwartet werden?

Das will ich auch immer noch nicht – und lenke somit ab.

Erzähle von schönen Dingen und tollen Erlebnissen, während ich die Zahnbürste zücke und das lückenhafte Milchzahn-Gebiss putze.
Lücken, welche ich umgehe, wie im echten Leben dieser Tage auch.

Ich übertünche mit Zahnpasta – und positiven Gedanken – und lasse die trüben nicht zu.

Auch jetzt.

Schnell beruhigt sich mein Kind und schläft selbst ungewöhnlich schnell ein an diesem späten Abend.

Brauchen wir noch einen Kita-Platz?

Ich aber sitze im Anschluss vor dem Laptop.

Und schreibe jene Mail, welche ich nunmehr seit zwei Tagen vor mir her schiebe.
Mitten in der Nacht.

Gebe die erforderliche Rückmeldung an die Kindertagesstätte zwecks Wiederaufnahme des eingeschränkten Regelbetriebes  – und melde ihn an.
Den gewünschten Platz, den „Bedarf“, falls noch Plätze frei sein sollten und wir an die Reihe kämen.

Ich habe keinen berechtigten Grund und keine Notwendigkeit für diese Form der Betreuung in der aktuellen Zeit, denn ich bin bekanntlich zu Hause.
Ich kann alleine für mein Kind sorgen.

Und doch handel ich jetzt gerade für mein Kind.

Um ihr wenigstens eine Chance, die sie verdient hat, zu geben.
Die Chance, mit einer intensiven Zeit abschließen zu können und nochmals unter die alten Freunde zu kommen.

Ich kann meinem Kind nicht versprechen, dass sie vor der hoffentlich (!) gewohnt stattfindenden Einschulung noch einmal in den Kindergarten gehen wird, doch will ich ihr zumindest die Möglichkeit nicht verwehren.
Weil es ihr Wunsch ist.

Und weil es an der Zeit ist, dass auch mein jüngstes Kind wieder Freunde sieht.

Ich und die Geschwister werden nicht auf ewig diese Kontakte ersetzen können, das muss ich nunmehr realisieren.

Das tat ich vorhin schon, als ich kniend auf dem Badezimmer-Teppich saß und Tränen trocknete.

Ich weiß nicht, was die nächsten Wochen bringen werden.
So viele offene Fragen kursieren auch in unserer Familie.
So viel ist ungeklärt.

Doch hier habe ich gerade reagiert.

Im Sinne meines Kindes, welches mir heute Abend ein klein wenig die Augen öffnete und die Scheuklappen behutsam herunter nahm.
Es war ein Schlüsselmoment, der mir zeigte, dass doch nicht alles nur gut – und meine Kinder gänzlich unbeschwert sind.

Und dennoch will ich weiter mein Bestes geben, damit die schönen Momente überwiegen.

In dieser doch so ungewissen Zeit.

Eure 

Alex

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