Homeoffice statt Wochenend-Ehe – Was macht Corona mit uns?

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Als mein Mann und ich uns dazu entschieden, unser Häuschen in der beschaulichen „Brüder-Grimm-Stadt“ Steinau mitten in Hessen zu bauen, hatte das gute und logische Gründe.

Bewusst wollten wir, dass die Kinder ländlich aufwachsen, frei von Gefahren – und zudem ihren nötigen Bewegungs-Freiraum bekommen können.

Und den haben sie durch die große, weite Wiese, durch Felder und Wälder rings ums Haus zu Genüge! 

Der Mann arbeitete im nahe gelegenen Wetterau-Kreis und hoffte, mit dem Wohnort-Wechsel Fahrzeiten zu reduzieren.

Alles machte Sinn und passte für uns, wenngleich ich mich von meinem eigentlichen Arbeitsplatz in Fulda, welchen ich aufgrund vieler, vieler Elternzeiten schon lange nicht mehr aufsuchte, immer weiter entfernte.

Aber das war ok so – und eine bewusste Entscheidung mit allen möglichen Konsequenzen, die daraus folgen sollten.

Nicht jedoch geplant und absehbar war, dass der Mann…

….knapp drei Monate nach Einzug ins neue Einfamilien-Häuschen kündigen würde!

Um dann im Endeffekt Deutschlandweit eingesetzt zu sein und viel pendeln zu müssen.

Auf einmal gab es die Familie auf Distanz

Ich wollte nie eine Wochenend-Ehe!

Und dennoch trafen wir auch hier eine gemeinsame Entscheidung – und tasteten uns an ein neues Familien-und Arbeitsmodell heran.

Eines, das noch ein klein wenig zwickte und verunsicherte, mit den Jahren aber ein passendes und angenehmes Konstrukt für uns alle darstellte.

Keine „echte“ Wochenendehe mit Zweitwohnung (die wollte ich aus reinen Kopf-Gründen nicht!) sondern drei bis vier Nächte pro Woche.

Selbst in Hochzeiten, als der Gatte tatsächlich von Montag bis Freitag außer Haus schlief oder aufgrund diverser Projekte auch einmal am Wochenende fehlte, kamen wir in diesem neuen Gebilde nach und nach zurecht.

Ich lernte Freiheiten dieser Beziehungsform zu schätzen – und auch über mich selbst hinaus zu wachsen.

Denn es musste ja klappen und funktionieren!

Oft war ich in den letzten Jahren unter der Woche „alleinerziehend“ und alleiniger Herr all‘ meiner Entscheidungen.

Und wenngleich ich mir damit nicht immer leicht tat, so genoss ich eine gewisse Form der Freiheit.

Ich hatte meinen ganz eigenen Ablauf

Ich hatte meinen ganz eigenen Ablauf, der mal mehr und mal weniger gut funktionierte.
Aber er war meiner!

Nicht selten katapultierte mich dieser zugegeben eingefahrene Ablauf auch des Nächstens erschöpft auf den Küchen-Fußboden.

In einem steten Mantra ein verzweifeltes

Ich kann nicht mehr!

murmelnd.

Weil es einfach verdammt hart sein kann, wenn der Partner unter der Woche nicht da ist – und bei der Abend-Routine mit drei Kindern helfen kann.

Wenn niemand die Küche aufräumt, während Mama „Einschlaf-Begleitung“ ausübt und „dringende“ Kinder-Probleme löst.

Wenn Frau sich einfach nur auf sich selbst verlassen kann – und alles nacheinander abarbeiten muss. Wenn der Feierabend erst gegen Mitternacht beginnen KANN, weil alles alleine stemmen zu müssen Kräfte raubt und zermürbt.

Doch was mich hat verzweifelt auf dem Boden hocken lassen, machte auch stark und ließ mich wachsen und reifen!!!

Ich war stolz mir meinen Tag selbst einteilen zu können – und Dinge selbst in die Hand zu nehmen.

Stolz darauf, dass wir auch zu Viert ganz wunderbar klar kamen – und spätestens am Wochenende wieder eine funktionierende Einheit waren.

Die Mischung aus Entfernung und Nähe tat uns gut – auch in der Ehe.

Jetzt ist er da – JEDEN Tag

Jetzt aber ist seit einigen Monaten alles anders.

Durch Corona kamen die Wochen des Homeoffice – wie bei so vielen von uns.

Und mit den Wochen des Homeoffice die Erkenntnis, dass das auch ganz wunderbar funktionieren – und sicherlich auch in der Zukunft die ein oder andere Dienstreise vermieden werden kann.

Und auch wenn der Mann nun diesen Text nicht unbedingt gut heißen und lieben wird – dieser neue Alltag lässt mich nicht immer freudestrahlend in die Höhe springen! 😉

Denn er ist jetzt da.
Jeden einzelnen Tag mit mir unter einem Dach.

Ich lauschte in den vergangenen Monaten unzähligen „Telkos“ in welchen Umstandskrämer stundenlang fachsimpeln (Männer! 😉 ) – und kam in meinem ganz eigenen Gesamtkonzept aber sowas von durcheinander!

Denn dass da ständig einer hockt – wahlweise an meinem (!) Lieblings-Arbeitsplatz – bin ich nicht gewohnt!

Das erfüllt mich nicht jede Minute vollster reiner Dankbarkeit, sondern raubt mir auch ein wenig gefühlt die Luft zum Atmen.

Teilweise fühle ich mich schon ein bisschen im falschen Film.

Habe ich hier nun JETZT schon meinen persönlichen „Papa Ante Portas“ hocken? 😉

Sicher, wir werden die Corona-Scheidungsrate wohl kaum erhöhen, auch ein viertes Kind wird es durch die aktuell gegebenen „Gelegenheiten“ NICHT geben!

Wenn Homeoffice und Privates miteinander verschmelzen

ABER:

Plötzlich ist da jeden Tag jemand, der mit entscheiden will – und Vorschläge macht.

Der optimieren, rationalisieren und durchorganisieren will.
Der Prozesse entschlanken möchte und Lösungsvorschläge parat hält.
(….wenn der Übergang zwischen Homeoffice und privat zu verschwimmen scheint! 😉 )

Der – auch ohne weiße Stöpsel im Ohr – mit mir am großen Konferenztisch sitzen möchte und Abläufe über den Haufen wirft.
Um zu helfen, um zu entlasten.

Und ich tue mir schwer damit!

Möchte nicht von alten Gewohnheiten lassen und eingefahrene Sichtweisen ändern!

Ich möchte wurschteln wie ICH möchte – und dabei scheitern und verzweifeln.
Ich möchte MEIN Ding machen – selbst Erkenntnisse gewinnen!

Werde ich paranoid?

Ich fühle mich beobachtet. Irgendwie.

Kontrolliert – auch wenn das vielleicht gar nicht so ist.

Aber allein die Tatsache, dass da jemand ist, komme ich morgens nach den Schultaxi-Fahrten und Einkaufen nach Hause, irritiert mich noch immer ein wenig.

Ich fühle mich beobachtet, „kruschpel“ ich zwei Stunden im Obergeschoss herum – und räume Kinderzimmer auf oder miste aus.

Fühle meine Aktion – die mir in jenem Moment doch so „ober-end-wichtig“ erscheint – hinterfragt, weil Männer tatsächlich diese Form von täglicher „Arbeit“ nicht sehen.
(Für die wurde der Begriff „mental load“ ja auch NICHT erfunden!!!)

Plötzlich höre ich gut gemeinte Lösungsansätze, welche ich selbstverständlich mit vorgeschobener Unterlippe kommentiere.

Bin ich am Vormittag mal müde, fühle ich mich beobachtet, mache ich Rast auf der Couch.
Denn unweigerlich kommen (ebenfalls gut gemeinte) Ratschläge, wieso es gesünder für mich wäre, des Nächtens früher schlafen zu gehen.

Ich aber will sie in dem Moment nicht hören – auch wenn ich möglicherweise beim Festhalten eigener Prinzipien und Ansprüche irgendwann urplötzlich tot umfallen könnte!

Ich fühle mich beobachtet, hämmere ich auf die Tastatur und arbeite an einem neuen Blog-Beitrag statt nun endlich mal die fällige Zusatz-Krankenkassen-Abrechnung vorzubereiten.

Sicher sind ganz viele der eben genannten Dinge auch nur einfach Hirn-Gespinste in meinem Kopf!

Aber ich hadere nun einmal mit so viel plötzlicher räumlicher Nähe!

MEIN ganz eigenes Ding – gerade wichtiger denn je

Aktuell halte ich es für essentiell, an Dingen festzuhalten, die hier nur mein ganz alleiniges Ding sind.

Dazu gehört die Zeit auf dem Crosstrainer ebenso wie das Laufen um den See, die zügigen 1500 Meter im Freibad – und auch das Schreiben an diesem Blog hier.

Oder auch das letzte Wochenende in Berlin beispielsweise.

Positiv aber ist….

Sorry Leute, ich MUSS hier nun wieder relativieren – allein des Haussegens wegen. 😉

Ja, einige nicht unbedeutende Dinge sind in der Tat auch leichter, seitdem werktags beide Elternteile zu Hause sind!

Heute Abend beispielsweise habe ich eine Elternbeiratssitzung an der Grundschule.

Unter normalen Gegebenheiten?
Hätte ich vermutlich nicht hingehen können.
Jetzt kann der Papa Abendbrot machen, sich um vergessene Hausaufgaben kümmern – und Kinder ins Bett schicken.
(Begleitet wird ohnehin nur noch Eines)

Ich kann getrost auch nur mit dem Sohn nach Fulda zum Arzt-Termin fahren, weil zu Hause ja jemand körperlich anwesend ist!
(Allein das reicht ja schon – die Mädels sind 11 und 7 – wenn eine schreit, hört Man(n) das auch während der Telko 😉 )

Ich habe also auf der einen Seite mehr Freiheiten – büße Andere dafür aber ein – und muss Ratschläge in Kauf nehmen.

Im November ändert sich wieder alles

Im Oktober/November steht die nächste Bankenmigration beim Mann an.
Er wird dazu öfters mehrere Tage am Stück verreisen müssen – auch über’s Wochenende.

Denn hier hören nun einmal die Möglichkeiten des Homeoffice auf.

Und auch wenn ich mich nun klammheimlich darauf freue, morgens wieder ganz unbeobachtet (er „beobachtet“ mich eigentlich gar nicht) mein ganz eigenes Ding machen zu können, weiß ich Eines jetzt schon:

Der Knallkopf in der Corona-Jogginghose (ich würde meinen Mann schon gerne mal wieder im Anzug sehen! 😉 ) wird fehlen.

An allen Ecken und Enden – und in jedem Winkel des viel zu kleinen Einfamilien-Häuschens!

Viel Spaß mit der Homeoffice-Ehe! 

Eure 

Alex

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