Ich wollte längst schreiben. So viele Worte und Gedanken wirbelten in meinem Kopf! So sehr…
Schluss mit Zweifeln und Kommentaren: Der Sommer ist für ALLE da!!! Und der Bikini auch! #bodypositivity #ü40
Ich stehe vor dem Spiegel und drehe und wende mich. Unsicher betrachte ich mich von allen Seiten und spüre die Blicke.
Ja, ich kann sie schon hören, die Stimmen.
Und ich fühle die Gedanken Anderer (es sind eigentlich nur meine, nur weiß ich das in dem Moment noch nicht) wie feinste Nadelstiche auf der nackten, noch winterblassen Haut.
Blau schimmern geschlängelte Linien an der Wade und in der Kniekehle, blaue Flecken und Besenreißer zieren weiße Haut.
Haut, die nach einem ersten Kontakt und Versuch mit der noch jungfräulichen Sommer-Sonne protestierte und mit juckenden Pusteln ausschlug.
Siebenundvierzig Jahre alte Haut, die mir heute noch nicht verziehen hat, dass sie so schnell es nur geht doch jetzt bitte braun und sexy werden soll.
Ich versuche mit Body-Make-up zu vertuschen, nur um Minuten später frustriert wieder abzuwischen. Es bringt nichts und fällt nur auf. Es wirkt irgendwie armselig.
Ich höre die Fragen, beim Blick auf meine Schulter – all’ die Aussagen, die mir schon begegneten.
Irritierte und entsetzte Fragen, Ratschläge und Kommentare, um die ich niemals gebeten hatte.
“Menschen werden sich bestimmt ekeln, bei diesem Anblick”
schießt es mir durch den Kopf.
Das schaut wirklich gruselig aus, ich bin verunstaltet und verkrüppelt damit.
Niemand schimpft, niemand bewertet – nur ich selbst
Ich stehe im pinken, neuen Bikini da – und beschimpfe mich selbst.
Niemand wird verstehen, dass ich nichts dafür kann, dass man es nicht operieren kann, dass sich niemand auf der Welt sich dieser Sache jemals annehmen wird.
Ich bin damit geboren und ich werde damit sterben.
Nur erklären, erklären ist immer mühsam.
Das Freibad allerdings versteckt nichts.
Es legt brach und offen und konfrontiert mit Fragen und Blicken.
Ich sehe eine Frau im Spiegel.
Noch immer schlank und sportlich, aber vom Alter gezeichnet.
Es sind nicht mehr die Beine einer Zwanzigjährigen, ich habe nicht mehr die Haut einer Zwanzigjährigen.
Vielleicht sogar bin ich – weit jenseits der vierzig – unsichtbar, bin nicht mehr attraktiv.
“Alle, die mich kennen und die ich nunmehr ein Jahr nicht gesehen habe, werden mich bewerten und mustern”
will mir mein garstiges Hirn mit seinen trügerischen Gedanken weißmachen.
Innerlich lege ich mir schon Erklärungen zurecht
Innerlich gehe ich bereits auf Verteidigung, lege mir Antworten und Rechtfertigungen zurecht.
Erklären werde ich, dass ich es wieder nicht rechtzeitig schaffte, mir im Herbst die Krampfadern operieren zu lassen.
Und dass ich sie noch einen weiteren Sommer spazieren tragen werde.
Erklären muss ich, dass die blaue – vom wucherigen Hämangiom gezeichnete – Schulter einzigartig-gruselig ist und zu mir gehört.
Peinlich wird es mir sein, dass meine Haut nach der Rasur und ersten Sonnenstrahlen rebellierte und Kinder werden fragen nach meinen vielen roten Pünktchen auf dem Bauch.
Ich ziehe an den Bändeln vom Oberteil, damit es noch straffer sitzt und streife die Shorts über.
Mulmigen Gefühles setze ich mich mit dem Kind ins Auto, um das erste Mal in diesem Jahr ins Freibad zu gehen.

Auf einmal ist alles gut & wunderschön!!!
Eine Stunde später glitzern Sonnenfunken lustig auf der Wasseroberfläche.
Meine Beine spielen im kühlen Nass und warm kitzelt die Sonne meine Schultern.
Ich höre fröhliche Kinderstimmen und blicke in tiefblauen Himmel, ein leichtes Lüftchen weht.
Hier und da riecht es nach Kokos-Sonnenöl – es ist ein Sommer-Tag wie ich sie liebe.
Ich blicke mich um und sehen Menschen!
Menschen aller Art und jeden Alters!
Ich sehe Vielfalt und Körper – jeder ein Unikat!
Ich sehe Narben, die Geschichten erzählen und Haut, blass, braun, runzelig, knackig, schlaff und straff. Und ich sehe Bäuche und Brüste und ich sehe Hüften und Knochen.
Vor allem aber sehe und spüre ich in diesem Moment das Leben!
Ich sehe gelöste Gesichter, froh nach einem langen Winter wieder die Leichtigkeit spüren zu können!
Und da ist wieder dieses Feeling, welches ich an Freibad-Tagen so sehr liebe.
Weg und verflogen all’ die selbstzerstörerischen und unsicheren Gedanken vom Vormittag, denn wir alle sind Menschen!
Ich bin an diesem Tag unter so, so vielen Menschen wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten.
Und genau das, das ist im Grunde wunderschön!
Nichts ist zu spüren von Scham und das sollte auch genau so sein!
Hört auf, Körper zu kommentieren & seid endlich FREI!!!
Es ist Sommer. Der Sommer ist für alle da.
Er ist da, um Glücksfunken zu sammeln und um zu wachsen.
Und er ist da, um innerlich zu wachsen und an Stärke und Selbstwert zu gewinnen!
Er ist dazu da, um sich von kritischen Gedanken zu befreien!
Der Sommer soll ein bisschen “Scheiß-Drauf-Eis” mit vielen, bunten “So-What-Streuseln” schenken – und mit einer extra Portion “Ich bin wertvoll” garniert werden!
Der Sommer ist nicht zum Kalorien-zählen und verzichten da!
Er ist auch ganz und gar nicht dazu da, andere Körper zu kommentieren!!! Also lasst das sein!
Sommer bedeutet Lust und Freude – in allen Belangen.
Also weg vom Spiegel und rein ins Nass!
Lasst Sonnenstrahlen tanzen und die Seele baumeln, hüpft in den Bikini – der Rest kommt von ganz alleine!
#bodypositivity #youarebeautiful
Eure
Der Text gefällt? Dann Daumen hoch für die Alex!

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