Ein Jahr. Was hat die Pandemie mit uns gemacht?

+16

Und jetzt sitzen wir wieder hier und malen gemeinsam Eier mit Acryl-Farben an.
Als wäre nichts geschehen, als hätte das vergangene Jahr gar nicht stattgefunden.

Als würde sich ein Ausnahmezustand nicht gerade zum ersten Mal jähren.

Und doch fühle ich anders als damals im März 2020.

Älter fühle ich mich, so unfassbar viel älter.
Als wäre alles verblasst, wie die Farbe auf den Eiern vom Vorjahr.
Die draußen der Witterung und dem harschen Gegenwind ausgesetzt waren.

Als wäre ICH verblasst – mit all‘ meinen Gefühlen, Emotionen, dem anfänglichen Aktionismus und der Zuversicht.

Wir malen also wieder Eier an und basteln.

Um den Kindern die Nachmittage abwechslungsreich zu gestalten, um Farbe in’s Leben zu bringen.
Nur…

…strahle, lache und fühle ich mich ein Jahr später nicht mehr „besonnen“ dabei.

Wir gehen wieder spazieren und suchen den Frühling am plätschernden Bach – nur duftet es dieses Jahr (noch) nicht so, wie zu Beginn jenes eigenartigen neuen Lebens.

Als seien auch die Sinne etwas verblasst, denn wir haben in den letzten Monaten zu oft und intensiv versucht, uns einfach nur noch darauf zu konzentrieren.

Und während ich trotz aller Widersprüchlichkeiten noch immer Glück verspüre (dazu brauch ich nur das Kind neben mir beobachten!!) wird mir bewusst, wie wenig wir doch alle wussten!

 

Wie wenig ICH wusste, was da alles auf uns zukommen mag.

Ein Jahr also.

Und das Ende, welchem wir Silvester noch naiv-freudestrahlend entgegenprosteten (ich nicht!) zeichnet sich derzeit nicht einmal am Horizont ab.

Und ich kann nur hoffen, dass ich einfach zu sehr von der Frühlingssonne geblendet werde – und es deshalb nicht sehen und erkennen kann!

Erstklässler dauerhaft im Homeschooling – vor einem Jahr noch unvorstellbar!

Vor einem Jahr sagte ich noch, wie unvorstellbar es für mich wäre, JETZT eine Erstklässlerin im Homeschooling zu unterrichten und wie froh ich sei, davon nicht betroffen zu sein.

Jetzt mache ich es.

Erst jeden einzelnen Tag, nunmehr im Wechsel zwischen „Distanz- und Präsenzunterricht“.
Begriffe, die uns vor einem Jahr noch unbekannt waren.

Und es geht!
Denn es muss und wir haben keine Option!

Heute, ein Jahr später, winke ich mit Tränchen in den Augen dem Kind hinter her, welches sich so sehr auf den ersten Sportunterricht seit Monaten freut.

Und frage mich gleichzeitig mit einem mulmigen Gefühl, wie das wohl gehen mag – bestmögliche Ansteckungsvermeidung und Vorsichtsmaßnahmen, verbunden mit keuchenden Masken-losen Kindern im Hallensport.

Doch muss ich – ein Jahr später – offenbar lernen, zu vertrauen.

Lockdown = viel Kuschel- und Schmusezeit? Am Arsch!

Vor einem Jahr hatte ich noch die romantische Vorstellung, Lockdown bedeute viel Kuschel- und Netflix-Zeit mit den Kindern auf der Couch.

Darf ich hier bitte an dieser Stelle einmal ganz laut hysterisch auflachen?

Denn wenn Eines während der letzten zwölf Monate NICHT stattgefunden hat, dann war es ein ganzer fauler Nachmittag vorm Bildschirm auf der Couch. Den gab es gar nicht!
Zumindest nicht für MICH!

Der Nachwuchs machte davon schon ausgiebig Gebrauch.
Aber ich?

Ich konnte in einem Jahr Pandemie gefühlt nicht ein einziges Mal so richtig verschnaufen!

(Und dennoch, ein paar ganz wunderbare Urlaubstage am Meer und in den Bergen fanden auch im letzten Jahr statt! Und nix weiß ich gerade mehr zu schätzen als DAS!!!)

Zumindest aber waren und sind wir alle Fünf in unserem Zuhause gibt es für MICH selten Freizeit!

Denn fünf Menschen machen Arbeit. Unfassbar viel Arbeit!

Sie verschmutzen auch in Pandemie Zeiten Unterhosen und Oberbekleidung und sie haben Hunger.
Sehr, sehr viel Hunger.

Sie wollen bekocht und „besnackt“ werden – die ganze verdammte, verfluchte Zeit.

Sie verknatschen Geschirr – so unfassbar viel Geschirr!

Und sie verschleppen und verlegen ihren Kram.
Überall-im-ganzen-Haus.
Aus Langeweile, aus Gedankenlosigkeit – ich weiß es nicht.

Und – liebe Feministinnen da draußen – Fakt ist, ich bin hier die Blöde, die das alles stört und die räumt und wischt und wäscht und macht! Denn auch in einem Pandemie-Jahr ist es mir nur minimalst gelungen, meinen Anspruch an Sauberkeit zu reduzieren.
Das musste aber auch ich, weil lebensnotwendig.

Hier sieht es seit einem Jahr nicht mehr „schön“ aus!

Homeoffice ist nur temporär? Träumt weiter!

Vor einem Jahr noch glaubte ich, nur kurz den Mann hier zu Hause in Sportfunktionskleidung am Schreibtisch – statt mit Anzug und Koffer reisen zu sehen.

Glaubte, diese plötzliche, viele gemeinsame Zeit genießen zu müssen.
Solange sie währt.

Wie wenig ich doch wusste! 😉
(Keine weiteren Ausführungen – wir sind noch verheiratet und haben uns auch noch lieb! 😉 )

Zusammenhalt? Gone!

Vor einem Jahr noch glaubte ich ebenfalls an den Zusammenhalt unter uns Menschen.

Was waren wir gerührt, als wir Regenbögen an Fensterscheiben aufleuchten sahen und den Balkon-Konzerten in Italien lauschten!

Welch Gemeinsamkeit, alle in einem Boot!

Die ganze verflixte Welt.

Heute keifen und schreien wir uns an in dem Boot, das uns mittlerweile viel zu eng geworden ist.
Es schaukelt und wackelt gefährlich und droht zu kentern.

Weil es Schlagseite bekommt, weil wir (insbesondere Mütter und Frauen) uns gegenseitig an die Gurgel gehen und verurteilen.
Und auch weil wir zu verbitterten Einzelkämpfern geworden sind.

Und ganz gewiss, weil Nerven blank liegen und Perspektiven sowie Zuversicht verblasst sind.
Seit einer Ewigkeit.

Wie schade und traurig ist das eigentlich?

Und? Kauft Ihr immer noch alle Hefe? 😉

Vor einem Jahr backten wir noch begeistert Brot und Hefezöpfe. ALLE.

Jetzt bekomme ich Ausschlag (!) bei der Frage, was ich heute kochen will.

Ich WILL überhaupt nicht mehr kochen!

Ich hasse meine Küche mittlerweile! (Ihr wisst, ich neige zu gelegentlicher Übertreibung 😉 ) 

Eine willkommene und Kraft-spendende Auszeit?

Vor einem Jahr sprach und schrieb ich von geschenkter Zeit – einer besonderen, einzigartigen Chance, sehr viel Zeit mit den uns Liebsten zu verbringen.

Unser aller ganz eigenes „Sabbatical“.

Nun, das sehe ich noch immer so, ich habe unfassbar gerne alle meine Kinder um mich herum!

Und noch immer wachsen mir meine Kinder viel zu schnell und werden groß.

Noch immer rinnt mir die Zeit, in der meine Kinder mich lieb haben und brauchen, gefühlt zu sehr durch die Finger.

Nur fühle ich mich in diesem „Sabbatical“, welches nunmehr ganz offensichtlich länger als ein Jahr dauert, so unerklärlich müde und erschöpft.

Es verschafft mir ganz schön tiefe Augenringe und Sorgenfalten jenes Ausnahmejahr! 😉

Pläne und Zukunftsgedanken? Verworfen!

Vor einem Jahr schmiedete ich noch Zukunftspläne!

Und es macht mir Angst, hier nun zugeben zu müssen, dass ich derzeit keine Pläne mehr habe.

Dass ich resigniert habe und für mich lediglich das „Gesund-bleiben“ oder „Möglichst-unbeschadet-davon-kommen“ zählt.

Es ist mir vieles gleich geworden – und ich kann dies leider nicht als befreiend empfinden oder gar als Chance für einen Neuanfang sehen.

Denn dafür bräuchte ich erst neue Energie und Freude!

Freude, die aktuell ein bisschen auf Sparflamme lodert.

Und doch hat sich für mich im Grunde gar nicht so viel verändert!

Denn für eine Mutter, die ohnehin seit jeher die ganze Care-Arbeit übernommen hat, die beruflich zu Zwecken der Kindererziehung pausiert und hin und wieder im Homeoffice arbeitet, hat sich im Grunde auch in einem Pandemie-Jahr gar nicht allzu viel geändert!

Ich hatte schon vorher viel zeitraubenden Einheitsbrei!

Ich habe schon vorher jeden Tag Mittagessen für die Kinder gekocht.

Und ich war schon vorher für meine Kinder zu Hause.

Weshalb mich die Situation der „Corona Eltern“ auch nicht allzu hart traf, wie es in manch anderer Familie der Fall war.

Und dafür bin ich dankbar!

Unser Familienmodell besteht seit jeher aus einem Hauptverdiener und ich bin es gewohnt, ohne Hilfe klarzukommen.

Ich war auch in der Vergangenheit schon oft einsam und insbesondere ständig isoliert zu Hause.

Und wurde somit lediglich Optionen beraubt.

Luxus“– Dingen wie Verabredungen im Café, Kino oder Weinlokal.
Der nächste fest geplante Familienurlaub im Ausland.
Die Flugreise und das Wochenende mit Freunden im Freizeitpark.

Dinge, auf die man problemlos verzichten kann!

Auch wenn einige davon Batterien mit einer Leichtigkeit wieder aufladen konnten – und somit so unfassbar gut taten.

Auch wenn das alles FEHLT.

Mein „Grundgerüst“ ist quasi gleich geblieben.

Ich stehe aktuell vor einer Entscheidung und ich weiß schon jetzt, dass ich mich dafür werde erklären und rechtfertigen müssen.

Während der Pandemie – und vor allem in einem neuen, alten Alltag fernab von Homeoffice und Eltern, die sich „die ganze Zeit zu Hause um ihre Kinder kümmern müssen“.

Wenn wir alle das mittlerweile sehr marode Boot wieder verlassen haben (sofern es uns gelungen ist, uns nicht vorher zu zerfleischen) und so viele unterschiedliche Wege gehen.

Dann bleibt für mich noch immer so vieles gleich.

Dann muss ich noch immer meinen Weg suchen und finden.

Und geht dieser für eine Weile einfach nur stoisch geradeaus, ohne wehleidig nach hinten zu blicken oder mich für Neues entscheiden zu können und müssen, dann sei es drum!

Vielleicht ist es gar nicht so schlimm, einfach weiter Oster-Eier anzupinseln und für das WIR in der Familie dankbar zu sein!!!

Für ein Leben, das sich immer wieder neu formt – und somit auch mit einer läppischen Pandemie klarkommt!

Take care! 

Eure 

Alex

Der Text gefällt? Dann Daumen hoch für die Alex!

+16
Teilt den Beitrag gerne auch über Facebook. Dazu einfach auf den Button klicken.  😉

Keinen Beitrag mehr verpassen?

Dann mach es wie viele Andere und folge mir! Gib dazu einfach Deine Email-Adresse ein und klicke auf 'MamaStehtKopf folgen'. Dann wirst Du über neue Artikel von mir persönlich informiert. So einfach kann's sein... 🙂 Beachte auch meine Datenschutzhinweise.

 

+16

Kommentar verfassen