Der perfekte Morgen

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„Was beschäftigt Dich?“, fragt mich das „Dashboard“ auf dem PC.
Gedacht ist diese Funktion für sogenannte „Schnelle Entwürfe“.
Gedanken, die dazwischenfunken und schnell notiert werden möchten.

Also eigentlich genau das Richtige für mich, denn von diesen ungebetenen, plötzlichen Gedanken habe ich viele.
Nur kommen die meistens nicht dann, wenn ich gerade vorm Rechner sitze um in’s Dashboard zu notieren.
Ich weiß meistens so spontan gar nicht wohin damit, so dass ich sie irgendwo in meinem Mail-Fach einfach schnell unter „Entwürfe“ abspeichere.

Denn auch wenn ich durchaus von der Existenz diverser Handy-Notizfunktionen & Co. weiß, ist dies die für mich effektivste Methode, schnelle Gedanken zu notieren: In meinen Mails.

Doch macht mir die Sache eines heute erneut bewusst:

Darum geht es für mich hauptsächlich beim Bloggen!

Um das Notieren und Festhalten von Gedanken.
Alltagssorgen, Muttergefühle, Dinge, die nicht so günstig liefen – ich möchte all‘ das festhalten.

Für mich, für Euch! Ich möchte aufzeigen, WAS diese ganze Mutter-Kiste manchmal bedeutet und in unserem Gefühlsleben anrichtet.
Ich möchte schnelle Geistesblitze notieren können, damit sie nicht doch in die Vergessenheit geraten.
Und auf diesem Blog hier nur noch Buchrezensionen und Werbe-Kooperationstexte auftauchen.
Ich möchte nicht den Blick, die Spontaneität und die Leidenschaft für die eigentliche Sache verlieren!

Was würde ich also heute morgen in’s „Dashboard“ notieren?

Es könnte vielleicht in ungefähr so ausschauen:

„Ich wünschte mir nur ein einziges Mal den perfekten Morgen!“

Ein Morgen, an dem ich nach erholsamen sieben Stunden Schlaf (denn selbstverständlich war ich vernünftig und bin ordnungsgemäß um 23 Uhr schlafen gegangen) sanft den Sohn auf die Stirn küsse.
Und diesen mit leicht gedimmten Licht aus den Federn geleite.
Jener wiederum wäre ebenso ausgeschlafen und erholt wie die Mutter selbst und selig lächelnd stünden wir beide im vorgewärmten Badezimmer und ließen die elektrischen Zahnbürsten um die Wette surren.

Er würde fit und frohen Mutes in seine – von mir fürsorglich zurechtgelegten – Kleidungsstücke schlupfen und fröhlich summend seinen Schulranzen packen.
Im flauschig-warmen Bademantel würde ich in der Zwischenzeit drei Brotboxen mit lauter wohlschmeckenden und gesunden Dingen füllen. Ausgestochene Salatgurke in Sternen-Form (der Vorweihnachtszeit wegen), frisches Brot vom Bäcker, für jeden die ausgewählte Scheibe Lieblings-Wurst, definitiv kein Zucker (!) und ein paar gesunde Cracker nebenbei.

Mit einem Kuss und beschwingtem Winken würde ich den Sohn an der Haustüre verabschieden, um mich im Anschluss bei einer heißen Tasse Kaffee auf den anstehenden Tag vorzubereiten.
Danach würde ich mich ausgiebig der Körperpflege und eigenen Kleider-Wahl widmen.
Selbstverständlich lägen bereits zwei Set passende (!) Mädchen-Kleider auf dem Badewannen-Rand und dreißig Minuten später würden zwei quietschfidele, fröhlich gelaunte Blondies durch’s Badezimmer wuseln.
Ohne Gemecker und Gezeter (Ihr erkennt jetzt schon, wie irrwitzig diese Vorstellung nun ist! 😉 ) wären die Mädels ratzfatz angezogen, bekämen von mir noch eine heiße Tasse Milch und einen gesunden Frühstücks-Snack.
Pünktlich, zwanzig Minuten vor Schulbeginn säßen wir alle im warmen Auto.

Kommen wir zum Reality-Check des heutigen Morgens:

Irgendetwas rattert neben mir.
Es dauert lange, bis ich realisieren und auch lokalisieren kann, WAS es genau ist.
Ganze fünf Minuten später raffe ich erst, dass es sich bei dem sonderbaren Geräusch wohl um meinen vibrierenden Handy-Wecker handelt. Den NUR vibrierenden Handy-Wecker! Was er sonst NIE tut, denn schließlich ist es genau deshalb ein Wecker!
Er klingelt, auch wenn der Ton des Mobil-Telefones ausgeschaltet ist! Nun, heute offensichtlich nicht.
Ich bin also bereits fünf Minuten zu spät.

Und nur Mütter werden hier nun die Tragweite einer fünf-minütigen Verspätung zu verstehen wissen! 😉

Beim Versuch mich aufzurichten, wird mir schummrig. Ich habe Kreislauf.
Was auch nicht sonderlich verwunderlich ist ob der Tatsache, dass ich gerade einmal fünf Stunden Schlaf und ein Glas Feierabend-Wein (Eins! Beruhigt Euch wieder! 😉 )  hinter mir habe.

Schnell haste ich in’s Zimmer des Größten, schalte die Beleuchtung auf Flutlicht und wühle im Schrank des Sohnes, eilig auf der Suche nach warmen Anzieh-Sachen.
Kling“ höre ich Sekunden später die Zahnspange in’s Reinigungsglas plumpsen.
Gut!“, denke ich mir „läuft alles„.

Dann beginnt das Drama

Was im Anschluss folgt, treibt mir morgens, kurz nach sechs, das erste Mal an diesem Gott-verfluchten Tag den Puls in die Höhe:
Dem Sohn ist keine Hose recht. Keine (!) der neu gekauften Jeans in seinem Kleiderschrank ist dem vorpubertären Muffel genehm.
Zu „uncool“, zu sehr „Jogginghose“, „zu eng“ und „unbequem“. Nachdem er ein Massaker an fünf hektisch an- und wieder ausgezogenen Jeans-Hosen auf dem Fußboden hinterlässt, macht er sich endlich neben mir fertig.

Wir schweigen uns beide an, denn das pflegen wir am frühen Morgen so zu tun.

Ich finde meinen Bademantel nicht und sprinte in Top und Unterhose ins kalte Erdgeschoss. Ihr wisst schon:
Die lästige Sache mit den Brotboxen.
Dabei stelle ich fest, dass das frische Brot alle ist und nun Körner-Toast herhalten muss.
Toast, von dem ich weiß, dass ich ihn spätestens am Abend beim Ranzen-ausräumen wieder sehen werde!
Währenddessen verabschiedet sich das große Muffel in die Nebel-durchzogene Nacht.
Denn nur so fühlt es sich zu dieser unchristlichen Zeit an. Und ich schlucke schwer, während ich mein „Baby“ alleine über die Wiese zur Bushaltestelle stapfen sehe.

Da dieser Morgen bereits zu spät begann, muss ich mich nun im Bad beeilen.

Eine halbe Stunde später bin ich noch immer nackt. Denn ich schminkte mich zuerst. Allein aus dem Grund, dass in meinem Bett, vor meinem Kleiderschrank zwei wilde blonde Hilden um die Wette schnauben. Welche ich nun im Begriff bin, energisch zu wecken.
Zumindest versuche ich es. Denn hier helfen weder Flutlicht, noch aufmunternde Worte:
Die Kinder befinden sich im Koma.

Ich verbringe weitere verzweifelte fünfzehn Minuten damit, etwas Anständiges für mich zum Anziehen zu finden (mal wieder alles in der Wäsche) und die Mädchen zum Aufstehen zu animieren. Schnell suche ich auch für die beiden jüngeren Geschwister Anziehsachen aus den Kleiderschränken, nicht ohne mir zum wiederholten Male vorzunehmen, dies endlich einmal abends bereits zu erledigen!
Ich werde fündig und schleppe die vorzugsweise pinken und lila Teile in’s Badezimmer.

Apathisch stehen nun auch die Mädels neben mir auf dem flauschigen Teppich, unfähig sich alleine anzukleiden oder gar auf’s Klo zu setzen.
Und so höre ich mich kommentieren:

„Setz Dich hin und mach Pippi“
„Nein! Nicht die Unterhose ausziehen, nur die Schlafanzughose!“
„Der Pulli gehört Deiner Schwester. Du sollst diesen hier anziehen. D-I-E-S-E-N hier!“
„Putz bitte Deine Zähne!“ „Putz bitte Deine Zähne!“ „PUTZ BITTE DEINE ZÄHNE!“

Bei der Kleinsten muss „Drill-Instructor-Mutti“ nun helfen.

Und schnell stelle ich schweißgebadet fest, dass die Kuschel-Strumpfhose in pink zwar kuschelig, jedoch viel zu kurz ist.
Muss wohl noch vom letzten Winter sein.

Was zur Folge hat, dass mein wild gelocktes blondes Kind nun nervös kreischend von einem Bein auf’s Andere hüpft und sich verzweifelt in den Schritt greift! „Jacko“ hätte es gerade nicht besser gekonnt! 😉
Eilig streife ich dem Kind das enge Teil wieder von den Beinen.
Während ich nervösen Blickes die Zeit bis zum Schulbeginn der Mittleren bedrohlich schwinden sehe!
Und mir wird heiß.
Plötzlich, just in diesem Moment ist er wieder da: Dieser Gedanke.
Dieses abartige, abscheuliche Gefühl!

Dieses lähmende Gefühl nach all den Jahren der Mutterrolle einfach nicht gewachsen zu sein!

Nix hinzubekommen und im Griff zu haben.
Nicht Herr solch lächerlicher Situationen zu werden.
Dieser „Ich kann’s einfach nicht“ – Gedanke.
Diese Stimme im Hirn (Nein! Nicht paranoid!) die Dir gerade sagt:
„Das kann jeder Aff‘ besser als Du!“

Und ich schlucke schnell die Tränen herunter, fühle mich ohnmächtig und so furchtbar unfähig.
Und weiß im selben Augenblick, dass ich mich nun so was von zusammenreißen muss, wenn die Kiste mit dem rechtzeitigen Schulbeginn heute morgen noch gelingen soll.

Denn einzig und allein hilft hier gerade die – ruhige, mehrmals tief durchatmende – Flucht nach vorn.
Es mag für mein Kind gerade so aussehen, als befände ich mich mitten unter der Geburt – wüsste sie denn bereits wie so etwas von statten geht. Ich schnaube tief und konzentriere mich, hechle, puste, zähle leise und schließe die Augen, alles nur um nicht die Fassung zu verlieren und die pinke Frottee-Strumpfhose im Hohen Bogen aus dem Fenster zu schmeißen!
Haaaah, Oooooh“ – gleich geht’s wieder.

Ich habe mich wieder im Griff, die Tochter kommt vor Gongschlag in der Schule an und die Kleinste hat eine neu gekaufte (und zum Glück auch bereits gewaschene), passende Strumpfhose unter der Jeans. Alles wird letztendlich gut. Doch der Ärger bleibt.

Ich verfluche diesen Morgen

Es sind Morgen wie dieser, die mich schon vor neun Uhr das frisch gekaufte und vom Transportweg leicht angetaute Walnuss-Eis zum Frühstück löffeln lassen. Zum Nerven-stärken und Seelen-Trösten.

Von Schuldgefühlen gepeinigt und mit noch immer dickem Kloß im Hals (das vorhin kreischende Kind spielt längst fröhlich in der Kita) drücke ich an diesem Morgen bereits ein zweites Mal auf die Taste der Kapsel-Maschine, um mich zu stärken und endgültig aufzuwecken.

Um endlich die Strumpfhosen-Schublade ausmisten zu können und Wäsche feinst säuberlich sortiert in die Schränke zu legen.
Um verschmutze Winterjacken im Schnelldurchgang zu waschen und zu trocknen und verschlammte Schuhe von der dicken Kruste zu befreien.
Damit wenigstens einmal am frühen Morgen alles wie am Schnürchen und glatt läuft!
Damit alles für den schnellen Einsatz bereit liegt und gewappnet ist.

Nun, ich werde es mit Sicherheit wieder nicht sein. Gewappnet.

Denn eigentlich ist immer irgendetwas und nie läuft es wie in meiner Phantasie-Vorstellung eines wahrhaftigen Bilderbuch-Morgens. Vielleicht sollte ich mich endlich von diesem dämlichen Ideal verabschieden.
Vielleicht bedeutet diese ganze Mutter-Kiste einmal mehr, zu sich und seinen Fehlern zu stehen.
Daraus zu lernen und sich gewiss vorzunehmen, Einiges besser zu machen und zu optimieren.
Doch auch hinzunehmen, dass es immer wieder den Schritt zurück gibt, die kleinen „Rückschläge“ und „Fehltritte“.
Dass es eben nur gemächlich und mit Geduld (und viel Walnuss-Eis) nach vorne geht und wir die Kinder schon groß bekommen.
Irgendwie.
Während sehr vieler ganz und gar nicht perfekten Morgen.

Atmet durch und behaltet die Nerven!

Eure 

Alex

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