Ich will doch nur nicht durchdrehen – Corona-Tagebuch – Tag 46

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Mein vorletzter Text hier auf diesem Blog bekam unfassbar viel Zuspruch.
Wenngleich ich die Veröffentlichung jener völlig eigenen Gedanken und Empfindungen zu dieser ganz und gar eigenartigen Zeit zuvor so sehr fürchtete.

Ich bekam private, liebevolle Nachrichten.
(Danke dafür!!!)

Nachrichten, in denen mir Frauen dafür dankten, ihnen so sehr aus der Seele zu schreiben.

Anerkennung war ebenfalls dabei, gefolgt von vielen, vielen „Daumen hoch’s“ und Herzen.
Insbesondere auf anderen Plattformen, auf welchen der Artikel ebenfalls vertreten war.

Doch wer eine Meinung kundtut, muss – gerade auf den sozialen Netzwerken – auch mit übelsten Anfeindungen und Beschimpfungen zurecht kommen.
Das ist so – und leider nicht wirklich meine größte Stärke.

Ganz im Gegenteil:

Ich nehme mir Worte und abfällige Kommentare sehr zu Herzen.

So sehr, dass…

…ich befürchte, tatsächlich eben jener schlechte Mensch – der „Fehler“ – zu sein.

„Ich solle doch die Klappe halten, wenn bei uns zu Hause in der Corona-Zeit alles sooo supi liefe“ –  einer der harmlosesten aller negativen Kommentare.

Habe ich zu viel Heile Welt suggeriert?

Und wenngleich Lob, Dankbarkeit und Zuspruch in der weiten Mehrzahl waren, musste ich grübeln und zweifeln.

So ziemlich ein jeder Blogger und Autor kennt das:
Es mag tausend positive Rückmeldungen geben – in Erinnerung bleibt immer nur der eine, vernichtende Kommentar.

Und vielleicht habe ich stellenweise zu sehr vermittelt, dass im Hause L. alles in feinster Butter ist.

Doch ist dem lange nicht so.
Ich bin gar nicht ok!

Denn hauptsächlich schreibt in diesen Tagen hier gerade eine Frau, die mit allen Mitteln nur Eines versucht:

Den Laden am Laufen zu halten – und dabei nicht gänzlich durchzudrehen.

Wenn ich mich schon in diesen Tagen einmal mehr selbst verliere.
(Ich weiß gerade wirklich nicht so richtig wer ich bin – ich bin mir fremd geworden und habe richtig Angst vor „der da“! 😉 )

Ich muss für meine Kinder stark sein!

Ich möchte, dass meine Kinder diese Zeit so unbeschadet wie nur möglich durchleben und erleben können!

Und dass wir dafür Mittel und Wege gefunden haben, dazu stehe ich nun einmal!

Nie hätte ich gedacht, dass gemeinsame Spaziergänge in der Natur uns so sehr zusammenschweißen können.
Und wie wichtig sie sind, um den Tagen Struktur und Halt zu geben.

Gerade in den letzten zwei Tagen, als wir mal nicht zum gemeinsamen Streifzug durch Felder und Wiesen kamen, fiel mir das auf.

Alles ist sofort durcheinander, ein jeder gereizt und unausgeglichen – weil uns diese kurze Auszeit, die Flucht aus dem Haus fehlt!

Ich bin etwas nachlässig geworden, was den erarbeiteten Zeitplan betrifft – und das rächt sich sofort!

Ebenfalls stehe ich erhobenen Hauptes (ok – es sieht ein wenig kläglich aus! 😉 ) dazu, dass ich die gemeinsame Zeit mit meinen Kindern genieße.

Aber vielleicht auch nur und insbesondere deshalb, weil meine Kinder (und der derzeit seeehr struppelige Kerl hier im Haus) gerade alles sind, was ich habe.

Ich habe Angst in ein großes Loch zu fallen, sollten sich auf einmal die Dinge Schlag auf Schlag ändern!

Denn ich habe gerade nur diese vier Menschen!

Und würde diese am Liebsten für immer festhalten.

Stattdessen verlässt uns ein Familienmitglied bereits in der nächsten Woche – denn der Gatte begibt sich auf eine längere Dienstreise.

Und wisst Ihr was?
Klar habe ich Angst davor, in Corona-Zeiten dann wieder alleine mit den Kindern zu sein!

Ich fürchte Momente der Überforderung und grässliche Streitereien.
Habe Angst davor, die, die mir so sehr am Herzen liegen, genervt anzubrüllen.
Denn das kommt durchaus vor, dieser Tage.

Überhaupt mag ich mich selbst nicht besonders in jenen Wochen.

Denn ich habe mich ein klein wenig verändert und das gefällt mir nicht!

Ich erkenne mich selbst nicht mehr!

Man(n) mochte mich einst mal weil ich süß, nett und lieb bin.
Vielleicht auch etwas tollpatschig – und definitiv der größte Flirt-Legastheniker unter deutschem Himmel.

Doch jetzt?
Jetzt bin ich so anders.

In diesen Zeiten erkenne ich mich selbst nicht mehr.

Ich bin böse geworden.
Auf mich – auf Andere.
Drauf, dass es dieses Virus-Dingens überhaupt gibt.
Bin Zornig und aggressiv.
(Also genau das, was ich Anderen auf social media vorwerfe 😉 ) 

Schmerzen durchbohren die Brust und lähmen den ganzen Körper.
Lassen mich wahlweise resigniert gegen die Wand starren – oder Dinge sagen.
Fürchterliche Dinge, die ich hier nun Reihen-weise mit ***** ersetzen könnte.
Mach ich aber nicht.
Verzeiht mir bitte den gleich folgenden Ausbruch.

Ich fluche und schimpfe!

Öfters als mir lieb ist!
Sage Dinge wie „verkackte, verschissene Scheiße“ und ganz heimlich sogar „verficktes Arschloch“.
(NEIN! Nicht mein Mann!!!) 

Und schäme mich hinterher selbst dafür.

Schon jetzt sehe ich vor meinem geistigen Auge die verbitterte Katzen-Oma.

Nicht die, die das weiche, samtige Fell vorm wärmenden Ofen krault und streichelt – sondern die, die mit den Katzen um sich schleudert.
Als wären sie schwerste Eisen-Kugeln.

Ihr erkennt, wie dunkel die Seele gerade tatsächlich ist! 😉

Vielleicht auch schreibe ich deshalb hier so gerne und oft vom blauen Himmel und schönsten Sonnenschein!

Weil ich gar keine andere Wahl habe!

Weil ich mich auf die schönen Seiten des Lebens – und sind es noch so kurze Momente – konzentrieren MUSS!

Weil ich das meinen Kindern schuldig bin!
Weil sie ein Stück „heile Welt“ verdient haben!
Und ich verdammt nochmal auch!

Ja, ich bin enttäuscht von mir!

Enttäuscht und niedergeschlagen weil ich so gerne wieder zu der zuversichtlichen, liebevollen und Tiefen- entspannten Frau zurückfinden möchte, die ich zwar ohne hin nie war, aber so gerne hätte sein wollen!

Ich weine und fühle mich perspektivlos!

Jeden einzelnen Tag weine ich.

Denn fühlte ich mich vor der verkackten Corona-Scheiße schon perspektivlos, fühle ich mich nun umso mehr als Fehler im System.

Was soll denn schon noch aus mir werden?

Ich konnte bereits vor Corona nicht mehr in den alten Beruf zurückkehren – und werde es in Zukunft noch viel weniger können!
Weil ich nicht bieten und umsetzen kann, was man von mir möchte!
Weil ich NIE die Betreuungs-Möglichkeiten hatte!
Weil es nun einmal drei Kinder sind, die mich brauchen!

Und wisst Ihr was?
Mir fehlt sogar manchmal ein Job!

Ich habe mich für einen Weg entschieden.
Für den, zu Hause bei den Kindern zu bleiben.
Damit – ganz old-school, altbacken und klassisch – der Mann Karriere machen kann, viel Geld verdient und ebenfalls viel unterwegs sein kann.
Auch über Nacht.

Das ist ok so und wir leben gut.

Aber es wäre Bullshit zu behaupten, dass ich das „Hausfrauen“- Dasein immer supi-geil finde!

Glaubt Ihr es ist geil, immer die eigenen vier Wände zu sehen?
Ich denke, JETZT können viele nachempfinden, dass dem NICHT so ist!

Doch habe ich schon vor vielen Jahren den Karren an die Wand gefahren.

Der „Crash“ brachte unfassbar viel Liebe, die tollsten Geschöpfe auf Erden –  und wertvolle Zeit mit eben jenen.
Doch nahm er mir eine Perspektive!

Ich habe keinen Plan, habe ich erst einmal meinen alten Job gekündigt!

Ich weiß nur, dass ich gerne Vormittags irgendwo arbeiten würde.
Nur so viel, dass es das Taschengeld aufbessert und mir weiterhin erlaubt, voll und ganz für meine Kinder da zu sein!
Doch jetzt gerade?

JA, da bin ich froh, KEIN Homeoffice – bis auf diesen Blog hier (Überraschung! Ist auch Arbeit!!) – machen zu müssen!

Ich habe den Glauben an Gutes verloren!

Ich habe in diesen Tagen den Glauben an das Gute im Menschen ein klein wenig verloren.
Aufgrund verschiedenster Ereignisse in der Vergangenheit.

Und das schmerzt so sehr und tut mir unendlich leid!
Hatte zu viel Gewichtung auf einzelne Menschen gelegt, so sehr dass die Enttäuschung nur groß ausfallen und zutiefst schmerzen konnte.

Und so sehr ich auch versuche, den bitteren Beigeschmack mit den süßesten Getränken und Küssen an die eigenen Kinder herunter zu spülen:
Er bleibt.
Einfach so.

Und ich kämpfe! 

So sehr, dass der Bitterstoff nicht bis tief zur eigenen Seele durchdringt.

Das wird er auch nicht, denn noch immer gibt es außerhalb der Familie wenige, kostbare Menschen, die mir sehr am Herzen liegen.
Doch habe ich die Verbindung zu einigen Menschen leider auch verloren.
Im letzten Jahr.
So leid es mir tut.

In die Köpfe Anderer…

…können wir einfach nicht sehen.
Auch ich nicht.

Doch vielleicht sollten wir Menschen einfach nie, niemals vergessen, dass jeder sein ganz eigenes lästiges Päckchen zu tragen hat.

Dass es an manchen Tagen den Rücken schmerzen lässt und uns stöhnend in die Knie zwingt.

An Anderen dafür wiederum mit einer Leichtigkeit ausgeblendet – und für einen kurzen Moment abgelegt werden kann.
Neben den Stein am glitzernden Bach.
Direkt in die Sonne und ins frische, Frühlings-grüne Gras!

Damit wir mit unseren Kindern spielen und albern können.
Damit wir in Phantasie-Welten eintauchen und „Kackscheiße“ auch mal „Kackscheiße“ sein lassen können.

Damit wir den Kindern das geben können, was sie verdient haben!

Auch oder gerade in diesen Zeiten!

Ich will’s weiter um jeden Preis versuchen.

Love’n’Peace!

Eure 

Alex

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