Aus der Traum von Kanada! Corona-Tagebuch

21+

Tränchen kullerten meine Wangen runter an jenem Sommer-Mittag irgendwann Ende der Achtziger.
Ich sehe alles noch vor meinem geistigen Auge:

Die Mama, wie sie in der dunklen und nur vom Licht über der Spüle erleuchteten Küche stand.
Den Rücken zu mir gewandt, beim Kartoffel-Schälen.

Draußen pladderte der Regen unentwegt gegen das Fenster und fröstelnd streifte ich mir die nasse Jacke ab.
Es war der erste Ferien-Tag.
Der erste Tag von langen, sechs Wochen Sommer-Ferien!

Und ich stand da und spürte nichts weiter als große Enttäuschung.

So sehr hatte ich mich auf den Sommer gefreut.

Auf die langen, warmen Nachmittage im Freibad.
Auf Schaumkuss-Brötchen (Ihr wisst selber, dass die früher durchaus anders hießen! 😉 ) und laue Grill-Abende unter bunten Laternen.
Darauf, in einer heißen Nacht bei offenem Fenster nur unter dem Laken zu schlafen und stundenlang barfuß durch Omas Garten zu streifen.

Auf Eis und den Nachtzug nach Italien!

Alledem hatte ich so lange in der Schule entgegen gefiebert.

Ausgerechnet am Freitag, an welchem es Ferien geben sollte, schlug das Wetter um.
Und es regnete in Strömen.

Ich spürte eine lähmende Enttäuschung, welche mir jegliche Perspektive auf einen Sommer, der doch noch schön werden könnte (wurde er!), nahm.

Eine ähnliche Wut und Enttäuschung empfinde ich dieser Tage.

In vielen Belangen fühle ich mich in das kleine Kind in mir zurückversetzt, hocke auf dem Küchen-Fußboden – und könnte nur noch heulen.

Heute hasse ich Corona

Genau genommen mache ich das auch gerade.
Genau jetzt, während ich diese Zeilen schreibe.

Ich werde gleich noch mal neues Puder brauchen – und mit dicken, geschwollenen Augenlidern die Kleinste aus der Kita abholen.

Immerhin aber ist sie da wieder – und sehr, sehr glücklich mit der Situation!

Ich bin enttäuscht.
Von Menschen, vom Leben – von diesem Kack-verdammten-arschigen Corona!

Gerade jetzt, in diesem Moment, sieht das Kind in mir einen perspektivlosen, sehr, sehr langweiligen Sommer nahen.
Ein Sommer auf der „Costa Gardenia“ wie ich kürzlich erst einem lieben Menschen gegenüber scherzte.

Reisepässe? Brauchen wir dieses Jahr nicht mehr….

Heute finde ich gar nichts mehr lustig.

Denn ich will nicht im Garten bleiben!
Diesen Sommer!

Da war ich jetzt lange genug, mein geistiger Horizont ist gefühlt so unfassbar klein geworden – und die Genügsamkeit will mir gerade nicht mehr gelingen.

Ich bin so sauer auf Corona, weil es ganze Träume (ich weiß, auch Existenzen – aber lasst mich bitte noch ein bisschen auf hohem Niveau jammern) zerstört!

Weil es spannende Projekte (noch darf ich nicht darüber berichten) lahm legt – und so unfassbar viele Fragen die Zukunft betreffend offen lässt.

Weil es Ängste schürt und Aggressionen weckt – auch, oder insbesondere, bei mir.

Ich hasse, hasse, hasse diese ganze Corona-Kacke heute!

Hätte, Hätte Fahrradkette – Vom Traum, der zerplatzt ist

Es hätte der Trip unseres Lebens werden sollen. Zu Fünft.

Eine prägende Erfahrung, ein Reise-Tagebuch (Leute! Ich hätte Euch so gerne mitgenommen!!!) der ganz besonderen Art.
Fünfeinhalb Wochen Familien-Leben in einer Herzens-Heimat aus längst vergangenen Zeiten.

Fünf Wochen zu Fünft in Toronto!

Blick auf Toronto’s Skyline von den Toronto Islands aus

Den Kindern wollten wir endlich zeigen, wo einst alles begann.
Wir wollten durch die pulsierende Metropole schlendern und Papa’s altes Condo im 13. Stock zeigen.
Speisen wollten wir in der „Old Spaghetti Factory“, dort , wo wir einst als junges Paar Händchen hielten.

Mit der Fähre auf die Islands fahren und den Zauber dieser ganz besonderen Örtchen erleben.
Den Blick auf die Skyline genießen und in schwindelerregende Höhen auf den CN-Tower fahren.

Bad Hair Day an den feucht-stürmischen Niagara Fällen 😉

Juchzend wollten wir über die Schienen der alten Holz-Achterbahn von „Canada’s Wonderland“ sausen – und in den erfrischenden Süßwasser-Seen Ontarios baden!
(Nicht aber im Lake Ontario – denn der ist wider Erwarten nicht zum Baden geeignet!)

An Barrie vorbei wollten wir gen Norden fahren, vielleicht ein Cottage oder Chalet in „Sauble Beach“ mieten.
Um dort zu verweilen, kanadischen Sand unter den Füßen zu spüren – und um uns in überdimensionalen Supermärkten zu verlaufen.

Auch Kanada hat wunderschöne Sandstrände!!!

Eine weitere Kurz-Reise hätte uns entlang des Sankt-Lorenz-Stroms flussaufwärts vorbei an den wunderschönen „Thousand Islands“(Gananoque ist einfach zauberhaft) bis nach Montreal geführt.
Ein Hauch Europa inmitten von Nord-Amerika.

Das sagenumwobene Heart Island – Thousand Islands
Blick auf Montreal vom Mont Royal

Wir wollten in Kanada leben

Unsere Basis aber sollte ein nettes, kleines Häuschen in einem der Vororte Torontos sein.

Mississauga vielleicht. Oder Burlington.

Dort wo unsere langjährigen Freunde leben.
Denn das wollten wir primär auch in diesen fünfeinhalb Wochen.
Leben!

Port Credit in Mississauga – Gott war ich jung!!!

Ich freute mich so sehr auf die Umarmungen der lieben Freunde, welche selbst mittlerweile Mamas und Papas – und sogar „Bakas“ (kroatisch für Oma) sind!

Ich wusste, uns würde eine ganz außerordentliche Gastfreundschaft und sehr, sehr viel Essen erwarten.

Gewiss hätte man selbst darauf bestanden, dass wir ein paar Tage in den jeweiligen Häusern nächtigen. Zu Fünft!

Wir hätten unseren Trau-Zeugen endlich wieder live gesehen und nicht nur über den Bildschirm – und unsere Kinder sollten miteinander spielen.

Der Plan im Kopf war ein schöner!

Das Familien-Auto bereits gebucht, die Flüge längst teuer (!!!) bezahlt.

Nur die Haus-Suche unterbrachen wir – als Corona kam.
Es war ein eigenartiges Bauch-Gefühl, welches uns daran hinderte, weiter zu forschen.
Bis heute.

Der Flug ist abgesagt

Lange zierte sich die Fluggesellschaft in den letzten Wochen, ließ sich nicht in die Karten schauen.

Doch seit heute früh haben wir Gewissheit:

Da die verlängerte Reise-Warnung ein Reisen außerhalb der Schengen-Länder unmöglich macht, können wir nicht nach Toronto fliegen.

Wenngleich dort Zahlen und Risiken kaum höher sind als in Deutschland – und wir Pläne längst verworfen hatten.
Und uns wohl auch dort nur auf Haus und enge Freunde beschränkt hätten.

Und in mir kämpfen gerade Emotionen und Gefühle.

Ich bin erleichtert – auf der einen Seite.

Denn wie hätte ein Urlaub zu Corona-Zeiten im fernen Kanada ausgesehen?

Alles was ich oben aufzählte, hätte sich wohl oder übel sehr anders gestalten müssen.
Doch bin ich davon überzeugt, wäre uns auch das gelungen!

Ich persönlich hätte uns keinem größeren Risiko ausgesetzt gesehen, als an irgendeinem deutschen Ostsee-Strand.
Ganz ehrlich!

Was hätten wir schon groß getan?

In einem Haus leben? Machen wir hier auch!
Im Supermarkt mit Maske einkaufen? Auch das machen wir hier!
Spazieren? Genau so!
Freunde sehen? Hier auch wieder!
An einen einsamen Badesee fahren? Werden wir auch in Deutschland versuchen!

Doch hätte es gleichermaßen sehr große andere Risiken gegeben!

(Quarantäne, Dinge, die eine Rückkehr nach Hause hätten verhindern können etc.) 

Von der Verantwortung, eine solche Aktion zu Corona-Zeiten mit drei Kindern über’s Knie zu brechen einmal ganz abgesehen.

Wir hätten wohl sehr, sehr (!!!!) genau überlegen müssen – wäre uns eine Entscheidungsfreiheit gegeben worden.

Nun ist sie uns genommen.

Wie geht es jetzt weiter?

Nun, ich möchte ihm noch eine Chance geben.
Dem Sommer 2020.

Will die Hoffnung nicht ganz aufgeben.

Auf Sonne, Wasser, frische Luft und den Duft von Sonnencreme.
Ich hoffe weiterhin auf viel gemeinsame Familien-Zeit außerhalb (!) der eigenen vier Wände.

Nachdem sich der Flug nach Kanada erledigt hat, möchte ich aber ehrlich gesagt keinen weiteren Flug mehr planen!

Gerade jetzt scheint mir das eigene Familien-Auto (und die Option jederzeit eigenständig nach Hause fahren zu können!) sicherer!

Aber ganz auf’s Reisen verzichten?
Kann und will ich nicht!
Für mein Seelenheil – für unser aller Seelenheil.

Deutschland ist schön und hat ebenfalls sehr nette und freundliche Nachbar-Länder!

Ich möchte meinen Kindern die Welt und das Leben zeigen – und weiß aus der Vergangenheit, dass sehr wohl auch Reisen im kleinen Stil für’s Leben prägt, Sichtweisen ändert und Horizonte erweitert.

Die Luftveränderung ist bei uns allen nötiger denn je und ich bin mir sicher, dass sich nunmehr einfach andere Möglichkeiten für uns ergeben.

Möglichkeiten, welche sicherer sind und verlässlicher.

Unternehmungen, die wir guten Gewissens auch in diesen Zeiten mit unseren Kindern angehen können.

Und Sommer-Erinnerungen, die wir schaffen können.

Und letzten Endes liegt doch ohnehin alles auch ein Stück-weit in unserer Hand!

Schluss mit den doofen Tränen!

Weiter geht’s mit dem Blick nach vorne – und den Koffern bereits gedanklich gepackt! 😉

Eure 

Alex

Nachtrag

Unmittelbar nach Veröffentlichung dieses Beitrages erfahre ich, dass unser heimisches Freischwimmbad NICHT öffnen wird.
Somit zerplatzt gerade ein weiterer Traum – und ein letztes Fünkchen Hoffnung auf einen unbeschwerten Sommer zu Hause stirbt nunmehr für meine Kinder! (Sicherlich nicht nur für die meinen!)
Lieben Dank für NIX!

Schade auch für alle Kinder, die sich ohnehin nicht oft bewegen konnten in letzter Zeit und für welche diese Form des Sports und der Bewegung aus diversesten gesundheitlichen Aspekten förderlich und dienlich gewesen wäre!

Und nicht zuletzt traurig für all‘ die Kinder, welche das Schwimmen erst lernten und nunmehr keine Erfahrungen vertiefen und festigen können – schätze „Schwimmen“ kann dann künftig aus dem Stundenplan der Grundschule entfernt werden! 

Der Text gefällt? Dann Daumen hoch für die Alex!

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